«Es war ein Entscheid der Vernunft»

Der Kanton schiebt das Projekt für eine neue Kantons- und Stadtbibliothek in St.Gallen um bis zu drei Jahre auf. «Alle sind jetzt dazu aufgefordert, Überzeugungsarbeit zu leisten», sagt Regierungspräsident Beat Tinner (FDP).

Regierungspräsident Beat Tinner. (Bild: Andri Vöhringer) 

Sai­ten: Wer kam auf die Idee, die­ses Pro­jekt zu ver­schie­ben?

Beat Tin­ner: Das ist ei­gent­lich nicht die Fra­ge. Im Ge­spräch mit den Frak­tio­nen des Kan­tons­rats hat sich ge­zeigt, dass das Pro­jekt der­zeit po­li­tisch kei­ne Chan­ce hat. Die Zeit ist nicht reif. Dar­um kam die Re­gie­rung zur Ein­schät­zung, dass die Vor­la­ge im Par­la­ment ab­stür­zen wür­de – und das hät­te nie­man­dem ge­dient. Es war al­so ein Ent­scheid der Ver­nunft.

Wenn die In­itia­ti­ve vom Kan­ton aus­ging: War es schwie­rig, die Stadt da­von zu über­zeu­gen?

Die neue Bi­blio­thek ist ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt von Kan­ton und Stadt, da be­steht ein in­ten­si­ver Aus­tausch. Es geht nicht dar­um, je­man­dem den Schwar­zen Pe­ter zu­zu­schie­ben. Es mag sein, dass die Ge­müts­la­ge in ei­nem städ­ti­schen Um­feld ei­ne an­de­re ist. Aber wir sind für den gan­zen Kan­ton ver­ant­wort­lich und müs­sen ei­ne Vor­la­ge aus­ar­bei­ten, die im gan­zen Kan­ton ei­ne Mehr­heit fin­det. Das führt ge­le­gent­lich da­zu, dass ein Pro­jekt ei­ne län­ge­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te hat.

Der ge­setz­li­che Auf­trag für die Bi­blio­thek be­steht seit 2014.

Es ist un­be­strit­ten, dass die Bi­blio­theks­in­itia­ti­ve und die An­pas­sung des Bi­blio­theks­ge­set­zes schon Jah­re zu­rück­lie­gen. Un­ge­fähr ein Drit­tel des Kan­tons­rats wech­selt auf­grund der Wah­len al­le vier Jah­re. Wir müs­sen im­mer wie­der al­le auf den glei­chen Stand brin­gen. Und das fällt jetzt in ein Um­feld von Spar­pa­ket und geo­po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen. Die Prio­ri­tä­ten und Sor­gen der Men­schen sind heu­te an­de­re. Seit­her ha­ben wir ei­nen enor­men Di­gi­ta­li­sie­rungs­schub er­lebt, jetzt kommt noch die KI da­zu. Da gibt es na­tür­lich ei­ni­ge, die fra­gen: Wo­zu brau­chen wir noch ei­ne Bi­blio­thek?

Ste­hen Sie denn hin­ter dem Pro­jekt?

Ich per­sön­lich und auch die Re­gie­rung sind von der Not­wen­dig­keit und der Chan­ce der neu­en Bi­blio­thek über­zeugt. Es ent­steht nicht nur ei­ne Bü­cher­aus­lei­he, son­dern ein Ort, wo man ana­lo­ges wie di­gi­ta­les Wis­sen ab­ho­len kann. Und es soll ein Treff­punkt wer­den für Jung und Alt. Die Bi­blio­thek wird al­len et­was bie­ten, und das ist wich­tig und wert­voll. Die­sen Wert müs­sen wir noch bes­ser kom­mu­ni­zie­ren. Üb­ri­gens ist auch die ar­chi­tek­to­ni­sche Leis­tung noch stär­ker in den Vor­der­grund zu stel­len. Man­che Leu­te kann man über die Ar­chi­tek­tur und die räum­li­che Ein­bet­tung ei­nes Pro­jekts ab­ho­len.

Was soll in den drei Jah­ren War­te­zeit pas­sie­ren?

Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten. Tür­klin­ken put­zen. Kno­chen­ar­beit. Es hilft, wenn man ein The­ma bei al­len mög­li­chen Ge­le­gen­hei­ten an­spricht. Viel­leicht er­war­tet man von ei­nem Volks­wirt­schafts­di­rek­tor nicht als ers­tes, dass er sich zu ei­ner kul­tu­rel­len Fra­ge äus­sert. Aber ich bin über­zeugt da­von, dass un­se­re Haupt­stadt eben­so ei­ne Bi­blio­thek braucht wie zum Bei­spiel ein Thea­ter.

Die neue Bi­blio­thek ist ja kein rei­nes Kul­tur­pro­jekt, son­dern ein Bil­dungs­pro­jekt und zu­dem Stand­ort­för­de­rung. Kön­nen Sie Ih­re Par­tei, die FDP, da­mit nicht über­zeu­gen und so die Ab­stim­mung ge­win­nen?

Ja, es ist ein Bil­dungs- und ein Kul­tur­pro­jekt. In­so­fern kann die Bi­blio­thek mit­hel­fen, ei­nen volks­wirt­schaft­li­chen Nut­zen zu ge­ne­rie­ren. Doch um ei­ne Ab­stim­mung ge­win­nen zu kön­nen, braucht es im Kan­ton St.Gal­len ei­ne sat­te bür­ger­li­che Mehr­heit. Und die­se be­steht aus FDP, Mit­te und SVP. So­bald ei­ne Par­tei aus­schert, wird es schwie­ri­ger, weil es im­mer ei­nen Streu­ver­lust gibt. Wenn die städ­ti­sche FDP Ja sagt, heisst das noch lan­ge nicht, dass ein Kan­tons­rat vom Land auch zu­stimmt. 

Die FDP hat in ih­rer Stel­lung­nah­me si­gna­li­siert, dass sie die neue Bi­blio­thek im­mer noch zu teu­er fin­det. Wer­den Sie in den drei Jah­ren das Pro­jekt noch ein­mal ab­spe­cken?

Das Pro­jekt wur­de be­reits re­di­men­sio­niert. Ei­ne wei­te­re Re­duk­ti­on wür­de ei­nen Qua­li­täts­ver­lust be­deu­ten. Als Al­ter­na­ti­ve wird dann je­weils die Haupt­post ins Spiel ge­bracht. Aber ei­ne Sa­nie­rung der Haupt­post auf den Stand ei­ner zeit­ge­mäs­sen Bi­blio­thek wür­de schnell auch 130 Mil­lio­nen Fran­ken kos­ten. Das Ein­spar­po­ten­zi­al ist al­so aus­ge­schöpft.

Die Dis­kus­si­on dreht sich haupt­säch­lich um die Kos­ten. Im Kan­ton ste­hen al­le Zei­chen auf Spa­ren. Aber bei der neu­en Bi­blio­thek geht es ja gar nicht um die lau­fen­de Rech­nung, son­dern um ei­ne In­ves­ti­ti­on. 

Ja, die In­ves­ti­ti­on war in den Fi­nanz­plä­nen ein­ge­stellt und wä­re für den Kan­ton und die Stadt fi­nan­zier­bar ge­we­sen. Aber die­se Un­ter­schei­dung ist den Leu­ten sehr schwer zu ver­mit­teln. Statt über Fi­nan­zen zu strei­ten, soll­ten wir bes­ser Emo­tio­nen we­cken und auf­zei­gen, dass es die Bi­blio­thek braucht. 

Ein The­ma ist im­mer wie­der auch der re­gio­na­le Aus­gleich. Das In­ter­ven­ti­ons­zen­trum in St.Mar­grethen und der Rein­raum in Buchs wer­den ge­baut, im März kom­men Pro­jek­te in Rap­pers­wil-Jo­na, Ror­schach und Wil zur Ab­stim­mung. War­um ha­ben es In­ves­ti­tio­nen in der Haupt­stadt so schwer?

Ich glau­be, wir müs­sen noch bes­ser auf­zei­gen, dass man im gan­zen Kan­ton für die Zu­kunft in­ves­tiert. Die­se Bot­schaft ist noch nicht über­all an­ge­kom­men. Ge­ra­de die neue Bi­blio­thek hat ja auch ei­nen Mehr­wert für die Bi­blio­the­ken in den Re­gio­nen. Sie er­hal­ten Un­ter­stüt­zung und die Bi­blio­thek er­füllt mit der Fern­lei­he und den di­gi­ta­len An­ge­bo­ten de­zen­tra­le Be­dürf­nis­se. Die­sen Nut­zen für al­le müs­sen wir den Leu­ten na­he­brin­gen.

Was stimmt Sie zu­ver­sicht­lich, dass es bis in drei Jah­ren klappt? 

Ich bin von Haus aus Op­ti­mist. Es ist jetzt un­se­re Auf­ga­be, dar­an zu ar­bei­ten und den Leu­ten zu er­klä­ren, war­um die neue Bi­blio­thek not­wen­dig ist. Die Re­gie­rung kann das nicht al­lein er­rei­chen. Al­le sind da­zu auf­ge­for­dert, die­se Jah­re da­für zu nut­zen, Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten. Ich hof­fe, dass der Ver­ein «Neue Bi­blio­thek: Ja!» und an­de­re In­ter­es­sen­grup­pen We­ge fin­den, um ih­re Über­le­gun­gen ans Pu­bli­kum zu brin­gen. Ei­ne So­cial-Me­dia-Kam­pa­gne al­lein wird nicht ge­nü­gen, das St.Gal­ler Stimm­volk im Kan­ton tickt et­was kon­ser­va­ti­ver. Wir müs­sen al­le er­rei­chen kön­nen.

Gibt es ei­nen Plan B, wenn das Pro­jekt auch in drei Jah­ren nicht mehr­heits­fä­hig sein soll­te?

Nein. Dann müss­ten wir das Ge­setz an­pas­sen. Für die Re­gie­rung ist das jetzt kein The­ma.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.