, 1. Februar 2018
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«Euch sollte man verbieten»

Juso, junge Grüne und JGLP haben mit Erfolg über 4000 Unterschriften für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot im Kanton St.Gallen gesammelt – aber dabei einiges zu hören bekommen.

«Brutal Knitting» nennt sich die schöne Strickdisziplin. (Bild: Screenshot YouTube)

Das war knapp. Mitte Januar haben Juso, Junge Grüne und JGLP noch einigermassen verzweifelt vermeldet, dass sie erst 2866 von 4000 Unterschriften gesammelt haben für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot, das im St.Galler Kantonsrat Ende November beschlossen wurde. Für die fehlenden 1500 Unterschriften hatten sie noch bis am 22. Januar Zeit.

Am Montag hat das St.Galler Jungparteienbündnis nun stolz verkündet: Es hat doch noch geklappt – 4221 gültige Unterschriften wurden bei der Staatskanzlei eingereicht. Das alles wäre natürlich auch einfacher gegangen, hätten die Mutterparteien bereits im Kantonsrat das Referendum ergriffen: 40 Stimmen hätte es dafür gebraucht, siehe Theaterabstimmung.

4000 Unterschriften in 40 Tagen zu sammeln, ist eine ziemliche Herausforderung, vor allem, wenn noch die Feiertage, etliche Spendenaktionen und der alljährlich grassierende Shoppingstresss dazu kommen. An der Pressekonferenz zum Auftakt der Sammelaktion fand Juso-Präsident Andri Bösch deutliche Worte für die angesetzte Frist: «Es ist eine verdammte Sauerei, dass man über Weihnachten und Neujahr im Schneegestöber Stimmen sammeln muss.» Im Kanton Zürich habe man 90 Tage Zeit für 3000 Unterschriften.

Wer schon einmal für etwas gesammelt hat, weiss, wie mühsam diese Basisarbeit sein kann. Dass es dabei mitunter zu recht kurligen Situationen kommen kann, aber auch zu unvermutet bereichernden Gesprächen. Oder – gerade im Fall der Jungparteien – zu sehr kritischen bis ausfälligen Rückmeldungen.

Für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot waren etwa 35 junge Leute von Juso, jungen Grünen und JGLP auf den Ostschweizer Strassen. Wir haben sie nach den irrsten Reaktionen der Passantinnen und Passanten gefragt – und siehe da: Das Misstrauen gegen «die Jungen», das ihnen oft entgegenschlug, ist noch etwas vom Harmloseren:

  • «Gehen Sie mal arbeiten und leisten Sie das, was ich geleistet habe, dann verstehen Sie das Leben.»
  • «Du bist ein Sohn des Teufels!»
  • «Wenn es so weitergeht, wird es bald keine Schweizer mehr geben, weil die Ausländer alle herumvögeln.»
  • «Alle Moslems sind scheisse.»
  • «Sie sprechen Hochdeutsch, bei Ihnen unterschreibe ich nichts.»
  • «Finde ich eine gute Sache, aber ich möchte keine Jungparteien unterstützen.»
  • «Die Juso sind die neuen Nazis. Ihr gehört alle ins KZ.»
  • «Alles Messerstecher.»
  • «Machen Sie Ihre linksversiffte Gutmenschenpolitik in Deutschland, aber nicht bei uns!»
  • «Schafseckel!»
  • «Menschen wie Dich hat man früher noch verbrannt.»
  • «Was Juso?! Von denen unterschreibe ich aus Prinzip nichts.»
  • «Studierst Du noch? Geh mal arbeiten!»
  • «Was soll das? Hier leben Christen und Ihr kämpft für die Schariah – und das an Weihnachten!»
  • «Euch sollte man verbieten.»
  • «Wenn man sich bei denen nicht anpasst, würden sie einen sofort hängen.»
  • «Ihr seid noch jung und naiv. Ihr könnt das nicht verstehen.»
  • «Du als Frau – Dir sollte das mal passieren.»
  • «Warum sammelst Du Unterschriften, wenn Du selber gar keine Burka trägst?»

 

Klar, das Thema polarisiert. Trotzdem kann man sich fragen, wie schnell der Zug war, der durch gewisse Kinderstuben gefahren sein muss. Warum es nicht reicht, «Nein danke, ich bin für ein Verbot» zu sagen, und man stattdessen fremden Menschen Beleidigungen nachwerfen muss. Von den rassistischen Äusserungen ganz zu schweigen.

Die Jungen nehmen es gelassen, was vermutlich der beste Weg ist, wenn man nicht am Ufer der Politikverdrossenen stranden will. Ob die Reaktionen der Passantinnen und Passanten anders ausgefallen wären, wenn sie nicht von Jusos, Jungen Grünen oder Jungen Grünliberalen, sondern von Mitgliedern der Mutterparteien angesprochen worden wären? Man wird es nie erfahren, da sich SP, Grüne und GLP vor allem vom Computer aus für das Referendum eingesetzt haben.

2 Kommentare zu «Euch sollte man verbieten»

  • Meier sagt:

    irgendwie schade, habe ich in Wil nichts von der Unterschriftensammlung mitbekommen, und man kann nicht behaupten, dass hier nicht ständig irgend ein paar sektenvertreter oder spendenjäger unterwegs wären. Zum Glück hats auch ohne meine unterschrift gereicht… Allerdings darf man gespannt sein, wie das Volk abstimmen wird…
    Dank an die JungParteien.
    ein (Alt-)liberaler

  • War als Mitglied der Mutterpartei SP auch auf der Strasse. Und fand die Reaktionen übrigens nicht so schlimm und nicht so aggressiv. Vielleicht ein gutes Omen für die kommende Abstimmung. Ein grosser Dank jedenfalls an die Jungparteien!

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