Am Anfang liegt da einfach ein unförmiger Blachenhaufen auf der Bühne. Er ist aus jenem Material, das man von den blauen Ikeatragetaschen her kennt. Irgendwann kommt Regung in diese polyethylenene Ursuppe (Kostüm: Iris Betschart). Es beginnt zu kriechen und zu wühlen, es strecken sich erste wurmartige Gliedmassen hervor, oder sind es Fühler mit Augen, die sich da so schneckig aus der Masse aalen?
Die Evolution schreitet voran und bringt vierbeinige Blachentierchen hervor, die einigermassen planlos über die Weltbühne schlurfen und mäandern, bis eines der Tierchen im raschen, kreisförmigen Aneinanderreiben seiner Polypenhände eine sinnstiftende Tätigkeit gefunden zu haben scheint, die es sich lohnt nachzuahmen. Von dieser gleichförmigen Tätigkeit ist es dann nicht mehr weit bis zur Arbeitsteilung und nun an menschliche Bewegungen erinnernde Choreographien von Grab-, Schlepp-, Zieh-, Züchtigungs- und Vertuschungs-Arbeiten, die die Plastikwesen nunmehr – und immer verzweifelter – verrichten.
Cie Buffpapier: Work – A workaholic Theater. Aufführungen am 30.11., 1.12. und 2.12., Palace St.Gallen
buffpapier.ch
Sportliche Schauspielleistung
Es wird bei Work, dem neusten Stück der St.Galler Cie Buffpapier in Kooperation mit dem Berner Tojo-Theater, rasch klar, dass es hier um Arbeit und die damit verbundene Körperlichkeit geht. Dabei leistet das Ensemble (Finn Jagd Andersen, Stéphane Fratini, Matthias Hoby, Moritz Praxmarer) auch viel Sportliches: Die ulkig bis fahrig oder angestrengten Urtierbewegungen erfordern einiges an Gelenkig- und Beweglichkeit in ungewohnten Körperpositionen. Und eine der Figuren verschwindet später zwischenzeitlich via vertikalen Kabelsalat kletternd in den Bühnenhimmel.
Die Anstrengung ist dem verschwitzten Schauspielern anzusehen, wie sie sich im nächsten evolutionären Schritt ganz allmählich, Hand um Hand, Kopf um Kopf aus dem vermutlich wenig atmungsaktiven Plastik schälen. In einem beinahe sakralen Moment wird ein Dreierspind hochgezogen, sozusagen ein ikonischer Altar der menschlichen Welt des Arbeitens, der fortan zum zentralen und vielseitig eingesetzten Requisit des Stücks wird.
Indes beginnen die Figuren gesellschaftliche Rollen einzunehmen. Ein Plastiktiermensch, der sich einen Strick als Gürtel und ein Tuch als Krawatte umgebunden hat, startet am Bühnenrand ein fröhliches Verkaufsgespräch in absolutem Kauderwelsch. Man würde ihm dennoch jeden Staubsauger abkaufen. Derweil schnallt sich, als Reaktion auf den Ersten, ein Zweiter einen viel breiteren Gürtel um und beginnt sofort, den behäbigen und erschreckten Dritten herumzukommandieren, zu beschimpfen, zu tyrannisieren. Er lässt nur von ihm ab, wenn er sich ab und zu im Verkaufsruhm des Ersten etwas mitsonnt.
Abstrakt, stimmig, kurzweilig
So entwickeln sich die Figuren in Work in einem ständigen Fluss weiter, sie nehmen immer neue Rollen ein: der Chef, der Mitläufer, der mit dem Burn-out, der beim Work-out umkommt, der Animator und Motivator, der im spacigen Glitterkostüm dem Publikum auf Englisch erklärt, es solle nicht auf ihn hören («how stupid»), sondern auf sich selber. Der Hyperindividualismus wird hier ad absurdum geführt. «Think out of the box!», ruft er mit einem Lachen in die Menge und legt sich gleichzeitig zu den beiden anderen in den Spind, der mittlerweile umgekippt als Schlafbox dient und so an die japanischen Kapselhotels erinnert. Der Schlaf als mühsame, aber nötige Verrichtung in einer turbokapitalistischen Welt zwischen Arbeit und Selbstoptimierung.
Work ist abstrakter als andere Stücke von Buffpapier. Doch Regisseurin Franziska Hoby ist auch hier wieder eine herrliche Groteske gelungen. Die Gesellschaftskritik mit der nötigen Prise Buffpapier-Slapstick funktioniert auch ohne stringentes Von-A-nach-B-Storytelling und ohne fixe, unveränderliche Rollenzuweisung. Work ist vielmehr eine Art performative Poesie, die atmosphärisch zu einem grossen Teil auch mitgetragen wird von live gespielten, elektronischen Soundlandschaften (Marcel Gschwend alias Bit-Tuner) und stimmigen Lichtgemälden (Bastian Lehner).
Mal gemächlich, mal rasant entwickelt sich das Bühnengeschehen, und so wird einem auch beim neusten Buffpapier-Stück keine Minute langweilig. Und ehe man sichs versieht, ist die einstündige Vorstellung auch schon wieder rum. Darum: Unbedingt hingehen! In St.Gallen wird das Stück nur drei Mal aufgeführt.
Kurz vor dem evolutionären Schritt zur Arbeitsteilung: Gleichförmige Plastikurtierchen.
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