, 20. Oktober 2020
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Expedition mit bewegten Objekten

Die Tanzkompanie Rotes Velo, in St.Gallen gegründet und heute in Bern heimisch, kommt mit dem letzten Teil ihrer Stücktrilogie zurück in die Grabenhalle. «Terra incognita» ist ein Stück für Puppen und Menschen in Bewegung. Tänzerin Hella Immler sagt, was das Ensemble im «unbekannten Land» entdeckt hat.

Bilder: pd

Über die ganze Bühne lagen sie verstreut, die Zettel. Dann schälte sich aus den Papierbergen eine Puppe und eine zweite, ein Kind – Figuren, die sich einen Weg durch die apokalyptische Atmosphäre des Stücks suchten. Das Stück hiess Revolution Dada, die bislang letzte Produktion der Rotes Velo Kompanie, im Januar 2019 wurde es in der St.Galler Grabenhalle uraufgeführt, hier der Bericht.

Damals hätten die Spieler «die Liebe zu diesen Objekten entdeckt», sagt Hella Immler, Tänzerin und Mitgründerin des Ensembles. Jetzt, im Jahr danach, haben die Puppen die Bühne fast ganz erobert. Im neuen Stück mit dem Titel Terra incognita spielen sie die Hauptrolle. Emilio H. Díaz Abregú, künstlerischer Co-Leiter des Ensembles, hat sie geschaffen, bewegt werden sie von einem fünfköpfigen Ensemble.

Die Bilder und der Trailer der Produktion lassen erahnen, wie verspielt und vielfältig wandelbar diese Objekte sind. Sie taumeln, purzeln, lassen sich führen und treiben umgekehrt die menschlichen Spielerinnen und Spieler an.

Einzelne sind überlebensgross, andere klein. Marionetten? Puppen? «Gestalten» nennt Hella Immler sie am liebsten und betont: «Wir sind keine Puppenspieler, sondern wir sind Tänzer. Für uns steckt in jedem Objekt der Tanz mit drin.»

Trilogie von düster bis hell

Die Gestalten in Bewegung zu bringen, das habe «sehr, sehr viel Arbeit» gebraucht. Zugleich stecke in den Figuren aber auch ein Humor und eine Heiterkeit, die das jüngste Stück von den früheren unterscheide. Es habe in der Vergangenheit immer mal wieder Kritik gegeben, die Produktionen des Roten Velos seien zu düster.

Tatsächlich ging es 2018 in Eine Stunde auf Erden um das Ende der Welt, in Revolution Dada dann um den Versuch, sich eine neue Welt zu erschaffen – Terra incognita versteht sich als dritter und optimistischer Teil dieser Trilogie. Das Stück schickt seine Heldin, SHEOHE genannt, in die Welt hinaus auf der Suche nach Schönheit, nach Liebe, nach dem Zauber des Lebens.

Terra incognita: 20. und 21. Oktober, 20 Uhr, Grabenhalle St.Gallen, 1. November Tanzraum Herisau

Workshop «Das geheime Leben der Objekte»: 26. und 27. Oktober, Theater am Gleis Winterthur

rotesvelo.ch

Der Titel spielt an auf eine Zeit, «als noch Drachen, Seeschlangen oder andere Biester den Kartographen dazu dienten, unerforschte Gebiete darzustellen». Heute sei das vormals Unbekannte hingegen komplett kartographiert und vermessen. «Unvorstellbares oder Unverständliches wird an die Peripherie gedrängt. Je mehr wir wissen und verstehen, umso weniger Raum existiert für Fantasie und die Wunder dieser Welt», heisst es in der Ankündigung zum Stück.

Von Corona ausgebremst

Terra incognita allerdings ist seinerseits auf eine Welt gestossen, die für alle unbekannt war: die Welt von Covid-19. Die Premiere im Februar im Südpol Luzern konnte noch stattfinden. Dann kam der Lockdown – zum Glück sei es gelungen, die Tournee jetzt im Herbst neu zu planen, mit Halt in Bern, in St.Gallen, Zürich, Winterthur und am 1. November nochmal in der Ostschweiz, im Tanzraum Herisau.

Für die ersten drei Vorstellungen, am vergangenen Wochenende im Tojo Theater in Bern, hätten sie schon gebangt, ob das Publikum überhaupt kommen würde. Aber dann war das Theater über alle Erwartungen gut besucht und die Resonanz «unglaublich positiv», sagt Hella Immler.

Dennoch räumt sie ein: «Es ist momentan nicht einfach, die Leute ins Theater zu locken. Aber wir wollen auftreten, wir wollen teilen, was uns beschäftigt.» Gelegenheit dazu ist am Dienstag und Mittwoch abend in der St.Galler Grabenhalle, am Mittwoch ergänzt um ein Publikumsgespräch nach der Vorstellung. Beim Gespräch mit dabei sind auch Marco Santi, der die Kompanie zu Beginn des Projekts mit Coachings begleitet hat, und der Künstler Hans Guggenheim.

Zukunftspläne? 2021 feiert das Rote Velo sein zehnjähriges Bestehen. Nach den letzten drei Grossproduktionen könnten eher kleine Formate folgen, sagt Immler. «Und wir wollen den Fokus auch auf soziale Projekte legen, nicht nur auf der Bühne präsent sein, sondern auch in Projekten mit Schulen oder mit unseren Mitgliedern.»

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