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Experiment auf hoher See

In «Beine baumeln himmelwärts» beobachtet und dekonstruiert Micha Stuhlmann gemeinsam mit ihrem Ensemble menschliches Verhalten. Am 29. Oktober ist Premiere in Frauenfeld, ab dem 26. November ist es in St.Gallen zu sehen. 

Von  Judith Schuck
Bilder: Judith Schuck

Beine baumeln himmelwärts – der Titel deutet bereits an, dass es in der neuen Produktion des Micha Stuhlmann Ensembles um Standpunkte geht. Was wir in einem Moment wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen, hängt mit unserem Blickwinkel, dem Ort und der Situation, dem Befinden zusammen. Im Stück werden starre Sichtweisen aufgelöst und uns unser eigenes alltägliches Sozialverhalten wie in einer Laborsituation vorgeführt.

Einen «Kunstentwurf zwischen Theater, Tanz und Videoinstallation» nennt Regisseurin und «Ausruferin» Micha Stuhlmann das Stück. Ausruferin, weil sie hin und wieder moderierend ins Geschehen des Stücks eingreift, bei dem sich ein paar aufgetakelte Leute auf eine Schiffsreise begehen. Drei grosse Videoscreens bilden die losen Wände für die Bühne. Die neun Ensemblemitglieder kann man als Charakterstudie in ihren Solo-Performances auf diesen Leinwänden sowie in ihrem zwischenmenschlichen Verhalten live auf der Bühne erleben.

Einsam trifft gemeinsam

Schon bei der milden Einführung, bei der die neun Damen und Herren in ihren Schiffskabinen je einzeln einen Eindruck von ihrem Wesen geben, muss man sich im Publikum für eine der drei Leinwände entscheiden, denn die Performances laufen zeitgleich: Möchte man Monika Guelat zuschauen, wie sie mit ihrem Pelzmantel spricht, als sei er ein Tier ˗ oder sucht sie darin jemanden? Oder entscheidet man sich für den feschen, schnauzbärtigen Tobias Schmidli, der im Frack gekleidet ein Lied zum Besten gibt, das von Sehnsucht handelt? «Allein und abgetrennt von allen,» singt er in seiner Einzelkabine, «zähle ich die Sterne».

Alle Neune reisen sie alleine, ohne Begleitung. Doch die illustre Meute, die unterschiedlicher kaum sein könnte, trifft schon bald auf Deck aufeinander. Gemeinsam schaukeln sie im Rhythmus der Wellen, die ihren Mikrokosmos, das Schiff, in Bewegung setzen. Zunächst noch höflich, erfreuen sich alle an der Performance des anderen und stimmen auch ins Lied mit ein.

Suchen im Fremden

Urs Ilg ist ein schlacksiger Mann im weissen Anzug. Durch seine Grösse überragt er die anderen. Er schreitet ruhig, freundlich und etwas steif durch den Trubel hindurch. Er ist der Kapitän und erzählt den Passagieren etwas über die Reiseroute, nach Mallorca soll es gehen. Das scheint aber eher nebensächlich, denn die Reise ist das Ziel.

Micha Stuhlmann sagt über ihr Stück, dass die Emotionen, die durch das Gesehene und Gehörte hervorgerufen werden, wichtiger seien als ein intellektuelles Verstehen.

Wie gut ästhetisches bzw. synästhetisches Verstehen funktionieren kann, spürt man in einer schon fast archaisches Szenerie: Auf den Leinwänden wogt das weite blaue Meer, die Passagiere hocken beisammen. Und dennoch jeder für sich spielen sie auf der Mundharmonika, angeführt von den dunklen, tiefen, beruhigenden Tönen des Kontrabasses von Marc Jenny, sphärische Klänge. Und die wogenden Weiten lassen einen spüren, dass hier nichts um einen herum ist als Wasser, unendlich viel Wasser, dem hier alle ausgeliefert sind und sich ausliefern auf ihrer Reise im Schiff auf der Suche nach sich.

Bis alle durchdrehen

Bald schon kommt es zu ersten Unstimmigkeiten bei so vielen Menschen auf engem Raum: Die Passagiere beginnen aus heiterem Himmel, sich zu beschimpfen, anzugiften, mit Vorurteilen und Beleidigungen um sich zu schmeissen, ein weiterer Akt der Sozialstudie. Denn treffen Fremde aufeinander, arbeitet man nach dem ersten distanzierten Beschnuppern, im Stück sogar mit Mundschutz als hygienischem Helfer gegen Ansteckungen symbolisiert, rasch mit Kategorisierungen; und Vorurteile sind da ein leichtes Mittel, sich ein schnelles Bild vom anderen zu basteln.

Beim Streit bleibt es aber nicht: Sehr erheiternd ist das «grosse, grosse Fressen», das auf keinem Kreuzfahrtschiff fehlen darf; zubereitet übrigens direkt auf der Bühne, ebenfalls von Marc Jenny, der nicht nur Musiker, sondern auch Schiffs-Spaghettikoch ist und die Sinneseindrücke im Stück so noch um den olfaktorischen Sinn erweitert.

Besteck haben sie keines. Es wirkt auch unnötig, denn Lilly, Tobias und Gerda finden sehr einfallsreiche Möglichkeiten, wie man die lange Pasta geniessen kann. Eine Mahlzeit, die richtig Spass macht.

Zum Essen gibs Wein, und der hilft bekanntlich, die Stimmung aufzulockern. So entwickelt sich bald aus dem Mahl ein mitreissendes Fest, bei dem Monikas Boa ihre Federn lässt. Spätestens hier fällt die vierte Wand zu den Zuschauern.

Premieren: 29. Oktober, 18 Uhr, Shedhalle Frauenfeld und 26. November, 19 Uhr, Lokremise St. Gallen.
Termine: beinebaumeln.ch

In Beine baumeln himmelwärts beobachtet und dekonstruiert Micha Stuhlmann gemeinsam mit ihrem Ensemble menschliches Verhalten. Allgemeine Wertungen werden in Frage gestellt und neue Werte eröffnet. Das Schiff als abgeschlossener Raum auf hoher See fungiert hier als Labor, in das die Zuschauer Einblick erhalten, und an dem Experiment teilnehmen können. Mit den Videoaufnahmen der Einzelperformances (Raphael Zürcher) erarbeitete Stuhlmann mit den Ensemblemitgliedern bereits vorab eine Selbststudie, die in einer noch abgeschlosseneren Situation stattfindet, nämlich in einer Einzelkabine auf dem «Schiff».

Die vielen Bilder und Sinneseindrücke wirken wie Trigger, die Reaktionen hervorrufen: bei den Zuschauern, aber auch bei den Spielenden, denen zwar auf der einen Seite eine feste Struktur im Stück vorgegeben ist, innerhalb dieser sie aber stets auf neue Gegebenheiten reagieren müssen. Inwieweit hier Rollen gespielt werden oder das Spiel ins Private kippt, ist Teil des Experiments.

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