Die Nadeln sind 19 Millimeter lang und an beiden Enden spitz. Das Öhr befindet sich in der Mitte. Noch heute habe ich das an lateinamerikanische Rhythmen erinnernde Geräusch im Ohr, das entstand, wenn Lina Bischofberger die Nadelbüchse schüttelte. Dadurch lösten sich die Fadenreste aus dem Öhr und konnten weggeblasen werden. Die Nadeln wurden danach wieder in die Fädelmaschine gefüllt, die in der Lage war, neue Fäden durchs Öhr zu ziehen und zu verknoten. Ich habe die damals 91-jährige Frau im Winter 2014/15 in ihrem Haus in Reute besucht. Sie war die letzte aktive Handmaschinenstickerin im Appenzellerland.
Die Handstickmaschine hatte die Stickereiblüte in der Ostschweiz ermöglicht. Bei vielen Appenzeller Bauernhäusern sieht man noch heute die Anbauten der Sticklokale mit ihren hohen Fenstern. Oft wurden auch die Webkeller erweitert, um Platz für Stickmaschinen zu schaffen. In den Dörfern entstanden zudem Stickfabriken – und Fabrikantenvillen.
Die Stickereiindustrie brachte Wohlstand und Reichtum in die Ostschweiz, war aber abhängig von Mode und Konjunktur und deshalb krisenanfällig. Oft litten die Stickerfamilien Not, obwohl sie mit der Arbeit um sechs Uhr morgens begannen und nur eine Stunde Mittagspause machten. Als zu gering empfand man den Lohn der angestellten Stickerinnen und Sticker oder den Preis, den Selbständige erzielen konnten. Auch Lina Bischofberger erinnerte sich, dass manche zeitweise mit kommunistischen Ideen sympathisiert hätten: «Sie wollten nur etwas mehr Gerechtigkeit. Sie sahen die Villen der reich gewordenen Fabrikanten, kamen selbst aber kaum auf einen grünen Zweig.»
104 Nadeln fasste die Handstickmaschine von Lina Bischofberger. Immer wieder mussten neue Fäden eingesetzt werden. Sie ist ein mechanisches Wunderwerk. Noch komplexer ist die Fädelmaschine, deren Funktionsweise mir rätselhaft blieb. Weiterentwickelt wurde sie von Niklaus Egli und Henry Levy, den Gründern der Rorschacher Firma Starrag, die 1901 eine verbesserte Version patentieren liessen.
Kinderarbeit
Das Fädeln sei Kinder- oder Frauenarbeit gewesen, sagt Lina Bischofberger, das eigentliche Sticken dagegen Männersache. Ein besonders typisches Textildorf ist Rehetobel. Bis heute wird es architektonisch geprägt von den Bauten aus der Stickereizeit. Auf der Website textildorf.ch findet man einen Audioführer für einen einstündigen Rundgang zu historischen Bauten und Häuserzeilen, den man auf das Smartphone laden kann.
Erna Fischer, Tochter eines Stickers, erzählt darin beispielsweise, dass Kinderarbeit schon zur Zeit ihrer Mutter verboten war, aber wenn der Kontrolleur im Dorf unterwegs gewesen sei, «verbreitete sich die Nachricht schnell unter den Stickern. An jenem Nachmittag wurden die Kinder dann zur Frau in die Wohnung hinaufgeschickt. Und sobald der Kontrolleur weggegangen war, mussten sie wieder ins Sticklokal hinunter an die Arbeit.» Erst mit späteren Fabrikgesetzen gegen Mitte des 20. Jahrhunderts sei der Kinderarbeit in Rehetobel definitiv der Riegel vorgeschoben worden.
Die Kinderarbeit ist auch Thema in Elisabeth Gerters 1938 erschienenem eindringlichen Roman Die Sticker. Bleich und erschöpft sitzen die Stickerkinder morgens in den Schulbänken. Im Aufsatz über seinen Tagesablauf schreibt eines der Kinder: «Um halb sechs Uhr weckt mich die Mutter, dann muss ich fädeln bis sieben Uhr, dann Riebel und Kaffee essen, dann wieder fädeln bis zehn Minuten vor acht Uhr, dann in die Schule, nach der Schule wieder fädeln bis abends zehn Uhr, so geht es alle Tage.»
«Man nimmt die Kinderarbeit als Selbstverständlichkeit hin. Und doch liegt darin ein grosses Unrecht», sagt im Roman Lehrerin Meta Gabathuler zu einer Stickersfrau. Diese gibt ihr recht: «Aber sicher ist, dass oft nur die bittere Not die Ursache der langen Nachtarbeit ist.»
Niemandem schaden, nicht neidig sein
Damals im Haus von Lina Bischofberger kam mir das Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr den Sinn. «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes», sagt Jesus laut dem Evangelisten Markus. Auch die Evangelisten Lukas und Matthäus zitieren den Satz. Er ist also zentral in der Bibel – und so radikal, dass im Laufe der Jahrhunderte viel theologische und rhetorische Energie darauf verwendet wurde, ihn abzuschwächen, zu relativieren oder umzuinterpretieren. Selbst angebliche Übersetzungsfehler wurden ins Spiel gebracht. Vergeblich. Der Bibelsatz blieb bestehen.
Ob er vorkam in den Sonntagspredigten, die zur Zeit der Stickereiblüte und vor allem der Krise in Appenzell Ausserrhoden gehalten wurden? Lina Bischofberger weiss es nicht. Sie sei zwar hin und wieder in die Kirche gegangen, hauptsächlich anderen zuliebe. Ihr Mann habe allerdings gesagt, den Glauben müsse man leben, nicht in der Kirche vorzeigen: Tue recht, schade niemandem, sei nicht neidig. Daran habe auch sie sich gehalten.
Ich weiss noch, dass ich als Kind ziemlich sicher war, reich zu sein. Das Nadelöhr-Gleichnis hatte Pfarrer Martin Walser im Religionsunterricht unserer Klasse an die Ohren geworfen – kommentarlos, wie ich mich zu erinnern glaube. Der Teufner Pfarrer liebte es, Bibelsätze donnern zu lassen. Durchaus mit Erfolg. «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Jesus, lernten wir von Pfarrer Walser, versprach den Gläubigen nicht nur den Eingang ins Himmelreich, sondern forderte auch irdische Gerechtigkeit.
Mit Lina Bischofberger – inzwischen 97 – habe ich telefoniert und sie jetzt im Altersheim wieder besucht, um meine Erinnerungen aufzufrischen und diesen Text zu bereinigen. Sie erzählte mir, dass sie kurz nach meinem damaligen Besuch einen Anruf vom Volkskundemuseum Stein erhalten habe. Man habe sie gefragt, ob ihre Stickmaschine allenfalls dereinst zu haben wäre. Noch während des Telefonats, sagt Lina Bischofberger, habe sie entschieden, die Maschine abzugeben. Diese sei heute im Museum wieder in Betrieb, was sie sehr freue. Und einige Zeit später habe sie auch entschieden, ins Altersheim Watt, umzuziehen, das nahe bei ihrem Haus liegt. Zwar habe sie zunächst die Spitex um Unterstützung angefragt, um ihre Kinder zu entlasten. Am folgenden Morgen wäre jemand zu Abklärungen vorbeigekommen. Aber als sie in der Nacht aufwachte, war ihr, als ob eine innere Stimme sagen würde: Ziehe ins Altersheim!
Lismen statt sticken
Nun lebt sie seit mehr als drei Jahren in der Watt: «Ich weiss, auch diese Zeit wird vorbeigehen. Aber ich geniesse jeden Tag.» Lina Bischofberger hantiert immer noch mit Nadeln, mit den grösseren Stricknadeln. Damit konnte sie beitragen, im Altersheim einen Besuch des Hackbrettspielers Nicolas Senn zu finanzieren. Als der Verkauf auf Weihnachtsmärkten wegen Corona nicht möglich war, entschied sie, die entstandenen Stricksachen an die Mitarbeitenden des Heims zu verschenken.
Lina Bischofberger, immer noch aufmerksam und humorvoll, kann eines sehr gut: Entscheide fällen und Veränderungen akzeptieren. Sie erinnert sich gerne an ihr Leben – zunächst als Zudienerin ihres stickenden Ehemanns, nachdem er krank wurde als selbständige Stickerin. Sie blickt gerne zu ihrem ehemaligen Haus hinüber, das nun ihren Enkeln gehört, die es ausgebaut und vermietet haben. «Es kommt so, wie es muss.»
Auch mit einer anderen Art Nadeln hat sie Erfahrung. Bereits wurde sie zum zweiten Mal gegen Covid-19 geimpft: «Nur ein kleiner Stich.» Lange habe sie deswegen nicht überlegen müssen: «Es geht auch um die Jungen. Wir Alten müssen doch mithelfen, dass es bald wieder besser wird.»
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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