, 4. September 2015
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Familienvater, Landei, lebenserfahren

Die WOZ will «Demokratie ermöglichen» und schickt dazu ihren Inlandredaktor Andreas Fagetti ins Rennen um den einzigen Nidwaldner Nationalratssitz. Weil er sonst stillschweigend an die SVP gegangen wäre.

Kanye will, Köppel will, und wie diese Woche bekannt wurde, will auch Fagetti. In die Politik. Der WOZ-Redaktor und Saiten-Autor tritt als Nationalratskandidat für den Kanton Nidwalden an. Anders als Rapper Kanye an den VMAs hat er aber nichts geraucht, bevor er die Bombe platzen liess. Und anders als Rüppel Köppel will Fagetti seinen Journalisten-Job an den Nagel hängen, falls er gewählt wird.

Fagetti: Parteilos für die Demokratie

Andreas Fagetti meint es ernst. Mit seiner Kandidatur will der parteilose St.Galler die Demokratie retten. Genauer: eine stille Wahl verhindern. Denn ausser seinem Konkurrenten, Peter Keller von der SVP, hat der Innerschweizer Ur-Kanton keine anderen Kandidaten. Ohne Fagetti wäre Keller stillschweigend in die grosse Kammer geflutscht.

«Nur gelebte Demokratie ist wirkliche Demokratie», schreibt Stefan Howald dazu in der aktuellen WOZ. Mit Fagetti als Gegenkandidat wolle man verhindern, dass die Demokratie im Kanton Nidwalden zu einer «rein formalen, papierenen» werde. Kommt hinzu: Peter Keller politisiert nicht nur am rechten Rand, seine Brötchen verdient er auch noch bei der «Weltwoche».

Keller: Kampagnenjournalismus und verlängerte Parteipolitik

Köppel. Keller. Und als nächstes Thiel? Bei der «Weltwoche» hat man jedenfalls ein seltsames Verständnis von journalistischer Unabhängigkeit. Findet auch die WOZ: Keller betreibe Politik via Kampagnenjournalismus und umgekehrt mit Journalismus verlängerte Parteipolitik, hält Howald fest. «Doch wenn sich die Presse zuweilen etwas aufgeplustert als vierte Macht im Staat bezeichnet, dann muss sie die Gewaltentrennung zwischen Politik und Journalismus ernst nehmen.»

Die «Weltwoche» foutiere sich seit längerem um dieses Prinzip, sei ideologisch und wohl auch finanziell an die SVP gebunden, schreibt Howald weiter und verweist auf Köppels Nationalratskandidatur in Zürich. Damit erhalte «die parteipolitische Instrumentalisierung von Medien einen neuen Schub».

Zwei Hüte auf einem Kopf, das ist einer zu viel. Sagt auch Fagetti und ist deshalb bereits im Wahlkampf entbunden von seiner journalistischen Tätigkeit. Dieser wird übrigens aus der WOZ-Kasse finanziert. Mit 15’000 Franken. Ob die Kampagne erfolgreich verläuft, wird sich am 18. Oktober zeigen. Bei der NZZ bezeichnet man Fagetti schon mal vorsorglich als «Hors-sol-Kandidat».

 

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Andreas Fagetti vor dem Winkelried-Denkmal in Stans, dem Hauptort Nidwaldens. Bilder: Florian Bachmann

Andreas, die NZZ gibt dir «nicht einmal Aussenseiterchancen». Wie schätzt du selber deine Chancen ein?

Was soll ich dazu sagen, das kann ja jeder selber ausrechnen.

Wieso hast ausgerechnet du dich für diese Aktion bereiterklärt?

Weil ich vom Profil her am ehesten gepasst habe von der Inlandredaktion. Ich bin Familienvater, kenne nicht bloss Schreibtischarbeit, bin lebenserfahren und ein Landei aus dem Rheintal.

Wie ist die Idee entstanden?

Stephan Müller, er ist Wahlarithmetiker und schreibt derzeit unsere «Wahlgymnastik»-Kolumne, hat uns darüber informiert, dass Peter Keller automatisch bestätigt wird, wenn er keine Konkurrenz erhält. In einer angeregten Feierabendbierrunde ist die Idee gereift. Es ist aber keine Bieridee, sondern ernst gemeint. Aber Demokratie hat ja auch ihre lustvollen und lustigen Momente. Nach kurzer Bedenkzeit habe ich mich schliesslich als Kandidat zu Verfügung gestellt.

Und es war von Beginn an klar, dass du im Fall einer Wahl nicht mehr als Journalist arbeiten wirst?

Das war die Voraussetzung, ja. Wir können nicht Peter Keller dafür kritisieren, dass er seine Rolle als Nationalrat und Journalist nicht klar trennt und dann dasselbe machen. Diese Doppelrolle finden wir höchst problematisch.

Was ist das Hauptanliegen dieser Aktion?

Demokratiepolitisch finden wir es problematisch, dass es Kantone gibt, in denen ein derart wichtiges Amt mit einer stillen Wahl besetzt werden kann. Das wollen wir thematisieren. In einer direkten Demokratie darf es nicht sein, dass eine Person automatisch bestätigt werden kann. Im Kanton Glarus, dem ebenfalls nur ein Nationalratssitz zusteht, wird selbst dann eine Wahl durchgeführt, wenn nur ein Kandidat antritt.

In der aktuellen WOZ kritisierst du unter anderem die Tiefsteuerpolitik. Hast du diesbezüglich konkrete Forderungen?

Mein «utopisches Fernziel» wäre die Abschaffung aller Steuerprivilegien und eine Steuerharmonisierung auf Bundesebene. Konkret müsste man den Kantonen also die Steuerhoheit entziehen – damit alle, einerlei wo sie in der Schweiz leben, gleich besteuert würden.

 

Alles weitere: fagettiandreas.ch

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