, 28. September 2019
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Der FCSG schlägt Thun deutlich mit 4:0

Der FC St.Gallen gewinnt in der Super League zum vierten Mal in Folge. Babic, Guillemenot, Demirovic und Quintilla treffen beim 4:0-Sieg gegen harmlose Thuner.

FCSG – FC Thun 4:0

Abpfiff – Schiedsrichter Schnyder ist gnädig und beendet die Partie. Ein ungewohnt entfesselter FC St.Gallen gewinnt deutlich gegen Thun. Babic, Guillemenot, Demirovic und Quintilla schiessen die Tore. Seltsam ist der Rahmen: Der Espenblock schweigt aufgrund der Kollektivstrafe 90 Minuten lang. Der Sieg hat deshalb einen eigenartigen Sound. Wir verabschieden uns in Richtung Innenstadt, wo wir mit Unbekannten dem üppigen Sieg nachsinnen werden. Ein gestandener Herr wird prognostizieren: «Simmer ehrlich, geg Basel gits ufs Dach.» R.S. und O.K. nicken ergriffen, Bescheidenheit macht sich breit. Danke für die Aufmerksamkeit.

Minute 91 – Bittersüsses Tor von Quintilla. Süss, weil der Spanier den Ball aus 20 Metern in den Winkel setzt. Bitter, weil Quintilla nicht mehr lange für St.Gallen spielen wird, wenn er so weitermacht.

Minute 88 – Während ich feststelle, dass mir die graue Eminenz fehlt, bläst St.Gallen zur Schlussoffensive. Görtler versucht es aus der zweiten Reihe, Hirzel wehrt ab. Auch André Ribeiro oder Quintilla oder Babic oder Guillemenot haben eine Gelegenheit, treffen aber nicht.

Minute 87 – Verachte eigentlich jene Menschen, die klammheimlich versuchen, einen Blick auf den Bildschirm nebenan zu erhaschen. R.S., Spiritus Rector meines «journalistischen» Wirkens, praktiziert dies ebenfalls leidenschaftlich. Dieser nimmt aber romantische Verpflichtungen in Kanada wahr, also übernehme ich seinen Part.

Minute 80 – R.S. gehört zur ekligen Sorte Mensch, die links und rechts unauffällig auf Screens schielt (wer eigentlich nicht?). Jedenfalls: Falls Sie, wie wir, nur hier sind um sich auf das pompöse Ostschweizer Nachtleben einzustimmen, hier eins, zwei Veranstaltungshinweise. Das Trischli wird heute zum Wunderland («Dompteure der Musik: RONFA & Classick»), im Kugl spielt Oliver Koletzki, tiefgründige Gespräche werden im Goliath Stübli abgehalten. Bis dann.

Minute 79 – O.K. informiert sich gegenwärtig über das heutige Programm im Palace und im Elephant-Club. Nun fällt es mir schwer, seinen Lebensstil zu verorten. Gehört er zu den Fjallraven-Rucksack tragenden Studenten, die etwas «Soziales» studieren, links wählen, weil es gerade geil ist und auf Instagram Bilder von Museumsbesuchen posten? Oder aber zieht er leichte Kost vor und kann sich für den inhaltsleeren Raggaeton auf dem von Voda-Red-Bull verklebten Elephant-Dancefloor begeistern?

Minute 75 – Guillemenot geht, Wiss ersetzt ihn. Passend dazu die Startaufstellung des FCSG:

Stojanovic – Muheim, Stergiou, Letard, Hefti – Ruiz, Quintilla, Görtler – Guillemenot, Demirovic, Babic.

Minute 71 – Die Welle geht durchs Stadion. Wir können nicht anders als. Naja, als angewidert zu sein.

Minute 66 – Eine Frage in die Runde: Wenn es nach 65 Minuten 3:0 steht, wie dürfte das Spiel rein mathematisch ausgehen? Wir gehen von 93 Spielminuten aus.

Minute 65 – Demirovic ballt die Faust vor dem lautstark schweigenden Espenblock. Der Neuzugang dringt kraftvoll in den Strafraum ein, behauptet sich gegen zwei Thuner und bringt den Ball im Tor unter.

Minute 59 – Der FM1-«Kollege» fragt, wieso ich ihn so «desillusioniert» ansehe. Kann nichts anfangen mit seinem elitären Geschwätz. Und natürlich habe ich nicht ihn angesehen, sondern die Wasserflaschen neben ihn. Ein Blick, der mit desillusioniert unzureichend beschrieben ist. Nennen wir ihn verachtend, vorwurfsvoll und überheblich.

Minute 52 – O.K. löst sich von seinem vornehmen Desinteresse an Halligalli, springt auf und schreit: «Oh, Sangallä, olé!». Niemand stimmt ein, auch R.S. nicht. Noch nicht.

Minute 51 – Quintilla ist der Xabi Alonso des einfachen Mannes. Sonst würde er nicht in St.Gallen spielen. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Quintillas Geschwindigkeit ist gering. Nicht, weil er langsam ist. Seine Gemächlichkeit gründet vielmehr auf dem Wissen, mehr zu sehen. Quintilla sieht Räume, bevor sie entstehen.

Minute 50 – Es bereitet Vergnügen, Ruiz bei der Verrichtung seines Berufes zuzusehen. Keinen Millimeter trennt Fuss und Ball. So als fürchte er stets, den Ball zu verlieren, von ihm verlassen zu werden.

Minute 45 – Zum Beginn der zweiten Halbzeit wenden wir uns kurz aber liebevoll an finanzschwache Leserinnen und Leser dieses Qualitätstickers. Ein Gratistipp (eine Rückbesinnung, irgendwas war da in Minute 32). Wenn Sie reich werden wollen (oder noch reicher): Beschränken Sie Ihr Portemonnaie (Profiprofiteurs gönnen sich ein Kreditkartenetui) künftig auf Plastikgeld, verzichten Sie konsequent auf Bargeld. Sie werden überrascht sein, dass Plastikgeld auch 2019 längst nicht überall akzeptiert wird. Und Sie dürfen sich freuen. Fortan werden Sie regelmässig eingeladen. Von wildfremden Menschen, selten von Bänkern in Anzug und On-Laufschuhen, häufiger von Obdachlosen – jederzeit von R.S. (nicht befreit von Armut aber stets entsagungsreich).


Gesendet von meinem Nokia SX-305 (ohne Bluetooth)

19 Uhr 58 – Stelle fest, dass sich das Bier allmählich wohlig im Körper ausbreitet. Die Glieder werden leicht, die inneren Moralinstanzen verabschieden sich. O.K. bastelt derweil seit Minuten an einem Beitrag. Ein Beitrag, der den Journalismus verändern wird. Es wird eine Zeitrechnung vor und nach diesem Beitrag geben.

19 Uhr 57 – Dieses erhabene Gefühl, mit zwei Becher Bier triumphal durch die Pressetribüne zu gleiten. Blicke, teils verachtend, teils eifersüchtig. «Wötsch au eis?», frage ich den Kollegen vom FM1 im Wissen, dass er natürlich nicht darf.

19 Uhr 55 – Der FCSG belegt in der Live-Tabelle den dritten Rang. Gewiss, er gehört da nicht hin. Aber was wollen wir schon dazu sagen? Wir gehören auch nicht auf die Pressetribüne. Wir gehören auch nicht in einen Vorlesungssaal oder an die Seite einer Frau. Ein Leben voller nachträglicher Rechtfertigung.

Pause – Grün-Weiss hat keinerlei Probleme, den Vorsprung in die Pause zu retten. St.Gallen muss nicht, Thun kann nicht. Dass ich das noch erleben darf.

Minute 41 – Quintilla beim Freistoss. Mit einem Meter Anlauf chippt er den Ball mit einer wundervoll unangebrachten Lässigkeit in den Strafraum.

Minute 37 – Die Gegentribüne hat inzwischen die Stimmungshoheit übernommen.

Minute 32 – Zwei zu null. O.K. holt Bier. O.K. versucht Bier zu holen. O.K. lässt sich erklären, dass in diesem Stadion EC-Karten genauso wenig akzeptiert werden wie Kreditkarten. O.K. flippt hier völlig aus, wirft mit Beleidigungen um sich («Gwaggli!»), R.S. greift lässig zur Cashlesskarte. R.S., ein herausragender Deeskalationsstratege. Restguthaben: 4 Fränkli.

Minute 31 – Tor, 2:0. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, Trump ist nicht mehr Präsident und Ramona hat zurückgeschrieben. Es ist seltsam harmonisch im Westen dieser Stadt. Es ist überfordernd harmonisch. Grün-Weiss ist der Grund dafür. Die Thuner können einen St.Galler Corner nicht klären. Guillemenot mit der Ungeduld eines Angreifers, verachtet das Zögerliche, Zaudernde der Thuner. Kommt an den Ball, zieht trocken ab und trifft.

Minute 28 – Guillemenot schleicht von seinem Gegenspieler weg, hebt fordernd den Zeigerfinger. Er will den Ball. Fünf Sekunden später sieht ihn Quintilla. Guillemenot touchiert die Kugel mit dem Aussenrist, legt sie so in den Lauf. Eine Bewegung, schnell, bestimmt und präzise, ein Hauch von ungeahnter Weltklasse. Guillemenot zieht ab und zwingt Hirzel zu einer Parade.

Minute 23 – «Ide 34., äh, 23. Minute…», beginnt Speaker Richard Fischbacher reichlich verwirrt. Verständlich, schliesslich führt der FCSG. Es droht der vierte Meisterschaftssieg in Folge. Das ist nicht mehr mein FC St. Gallen. Ich hatte mich eigentlich auf ein 0:1-Niederlage gefreut. Babic hat etwas dagegen. Wird im Strafraum zwar angegangen, drückt aber dennoch ab. Fallend. Tor. Auffallend. Schön.

Minute 21 – Der Journi von nebenan erkundigt sich in gmögigem Bernerdialekt zu Hintergründen des bisher spielstarken Victor Ruiz Abril. Wir liefern die Hintergründe. Ohne Gewähr, auf Verdacht. Und stets in überzeugendem Tonfall. Also, äh, jo.

Minuten 18 – Ruiz, dieser vorzügliche Fussballer. Einer, der keine Pässe schlägt, sondern Pässe streichelt. Setzt sich unverhofft zweikampfstark gegen zwei Thuner durch und zieht ab. Er liebkost das Spielgerät knapp am Tor vorbei. Zwei Minuten später will Görtler flanken. Sein Vorhaben misslingt derart, dass der Ball an die Latte klatscht.

Minute 13 – Über dem Stadion breiten sich lila Wolken aus. Und wir trinken auf Verlierer, lassen Pappbecher vergolden. Pappbecher? Vergolden? Ah, egal.

Minute 11 – Korrektur: Wenn heute an der Klimademo in Bern 60’000 Menschen teilgenommen haben, sind das hier im Thuner Fanblock mindestens dreiundzwanzig Anhängerinnen und Anhänger. Übrigens schweigen sie weiterhin, die sympathischen Gestalten aus dem Berner Oberland.

Minute 9 – Der Geräuschpegel erinnert an Regionalfussball. Ein paar übermotivierte Zuschauer tun ihre Meinung kund, ansonsten hört man die Anweisungen der Spieler, hört, wie Plastik auf Plastik trifft, wenn jemand einen Pass spielt. Nur tragen die beiden Cheftrainer Hemd und Tschopä. Nehme mir vor, als künftiger Erfolgstrainer im FC Bazenheid konsequent meinen Armani-Anzug zu tragen.

Minute 8 – Muheim dringt in den Strafraum ein, nur noch ein Bein trennt ihn vom Tor. Er fällt. Schiedsrichter Schnyder sieht eine uninspirierte Schauspieleinlage, die er mit Gelb bestraft.

Minute 4 – Die rund vierzehn mitgereisten Thunfans scheinen in Solidarität mit dem Espenblock zu schweigen. «Egau wo, egau wiso: gäge Kollektivstrafe!», steht auf ihrem Transparent vor dem Fanblock. Egau vo wo, egau wieso – schö sit dir cho!

Minute 2 – Irgendein Thuner hat einen Einfall, schickt Chihadeh hinter die aufgerückte St. Galler Abwehr, die heute ohne Chindsgistreife spielt. Stojanovic eilt aus seinem Tor, klärt den Ball, prallt aber mit Chihadeh zusammen. Nach einem kurzen Medical Timeout geht es für ihn weiter, immer weiter.

Minute 1 – Das Spiel beginnt. Stille im Stadion, der Espenblock schweigt. Wir singen weiter.

18 Uhr 54 – Ed Sheeran und Justin Bieber über die Stadionlautsprecher. Wir singen mit, «’cause I don’t care when I’m with my baby, yeah».

18 Uhr 53 – Zurückhaltung lässt sich wegtrinken. Wie auch Zweifel. Oder Zuversicht. Derweil pfeifen die St. Galler Zuschauer Gelmi und Rapp aus. Ein wenig Missgunst. Die romantischen Verbindungen endeten. Heute sind sie mit ihrem Neuen da. Pfeife inzwischen meine Ex-Freundinnen auch aus, wenn ich sie mit ihren neuen Lebensabschnittspartnern sehe.

18 Uhr 50 – Leserinnen und Leser, heute werden Sie gesiezt. Aus Stilgründen. Übrigens übe ich mich noch in nobler Zurückhaltung. Aber das wird sich ändern. LG, O.K.

18 Uhr 43 – O.K. fragt scheu, fast unterwürfig, wie wir unsere Leser jeweils ansprechen. Duzen oder siezen? «Isch doch egal», sage ich.

18 Uhr 37 – Sei gegrüsst, lieber Herbst. 13 Grad. Ohne Pullover oder leichte Jacke geht man nicht mehr aus dem Haus. Ich mag dich, Herbst. Deine Tage sind kürzer, du lässt Raum für Selbstmitleid, der Sommer dagegen ist unerbittlich lebensfroh. Herbst, du bist OLMA und Oktoberfest, herrlich. Feste, deren Klientel derart hinüber ist, dass selbst ich mich einigermassen in Ordnung finde. Feste, bei denen dich niemand vorwurfsvoll anblickt, wenn du morgens schon leicht einen sitzen hast. Sei gegrüsst Herbst. Ich rieche bereits nasses Laub, Erbrochenes und Bratwurst.

18 Uhr 33 – R.S. bringt Bier. Wir arbeiten am morgigen Kater. Visionär.

18 Uhr 20 – Das Spiel beginnt erst in 40 Minuten, aber wir sitzen bereits auf der Pressetribüne. O.K. hat die Aufstellung vor sich, ich trinke Kaffee. Man könnte meinen, wir hätten unser Leben im Griff. Freilich ist das nicht der Fall. Während der gestrige Kater noch zu schaffen macht, arbeiten wir in wenigen Minuten schon am neuen.
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