Karin Becker hat ihr gesamtes berufliches Leben am Theater verbracht. Wer nun aber eine Theaterdiva erwartet, kann die erste Schublade mit Klischees gleich einmal schliessen. Die Stuttgarterin erkennt man zwar sofort an ihrer Brille mit den orangenen Gläsern, ansonsten ist ihr Stil leger. Sie geht am liebsten am Wochenmarkt einkaufen, kocht viel und gerne, fährt eine alte «Triumph» und verbringt ihren Urlaub in fremden Kulturen wie dem Iran oder mit Yak und Pferd in abgelegenen tibetischen Klöstern. «Beim Reisen bekommt man wieder den Blick für das Wesentliche. Viele Diskussionen, die wir hier führen, würden mit einem Blick über den Tellerrand nicht mehr so hochkochen», sagt Becker.
Ihre Theaterlaufbahn beginnt mit einem kleinen Ablenkungsmanöver. «Eigentlich war mir schon mit zwölf Jahren klar, dass ich Schriftstellerin werden will oder ans Theater», erzählt sie. Doch das führt zum Knall mit der Mutter, die will, dass ihre Tochter etwas «Richtiges» lernt. Zur Auswahl stehen Arzthelferin und Bankkaufmann (den Begriff der «Bankkauffrau» gibt es damals noch nicht einmal). Die Entscheidung fällt auf ersteres, da es dort um Menschen geht. Also arbeitet Becker als Arzthelferin und Rettungssanitäterin. Allerdings nicht lange. Mit 18 Jahren zieht sie aus dem Elternhaus aus und steht schon einen Tag später vor der Tür des Theaters in Esslingen. Intendant Friedrich Schirmer bietet ihr spontan eine Stelle als Dramaturgieassistentin an, die sie sofort antritt.
Der Weg führt sie weiter nach Wien ans Jura Soyfer Theater, ein kleines Haus, in welchem Becker für viele Bereiche zuständig ist. Neben Dramaturgieassistenz und Produktionsleitung springt sie auch mal in der Regie ein oder leuchtet Vorstellungen aus, wenn dies notwendig ist. Somit erhält sie Einblicke in alle Abteilungen und gelangt zu dem Verständnis, wie Theater gesamtheitlich funktioniert. Erfahrungen, die ihr auch in ihren nächsten Positionen hilfreich waren. Als Produktionsleiterin, als künstlerische Betriebsdirektorin und stellvertretende Intendantin in Hannover oder zuletzt am Thalia Theater waren die detaillierten Kenntnisse des ganzen Betriebes von grossem Nutzen.
Nun geht es für Karin Becker also ans Konstanzer Theater. Dort war sie schon zu Jugendzeiten – als Zuschauerin. Es war die Zeit, als Ulrich Khuon Intendant war. Da fuhr Becker mit dem Regionalticket in die Stadt am See, um sich dort die Vorstellungen anzuschauen. Dass sie selbst einmal hier die Leitung übernehmen würde? «Konstanz war meine Wunsch-Stadt für die erste Intendanz», so Becker.
Eine starke Frauenquote
«Wenn ich Intendantin werde, hole ich dich an mein Haus», sagt sie einst zu Kristo Šagor, einem Regisseur und Autor, mit dem sie schon oft zusammengearbeitet hat. Und als sie in die Endentscheidungsrunde des Konstanzer Gemeinderates kommt, hält sie ihr Wort und ruft ihn an. Šagor wird der neue Leiter des Kinder- und Jugendtheaters. Sein grossartiges Stück Patricks Trick war im vergangenen Jahr hier am Haus zu sehen. In der kommenden Spielzeit wird von ihm Nibelungenleader am Konstanzer Theater uraufgeführt.
Hausregisseurin wird Franziska Autzen, die zuletzt am Thalia-Theater mit Becker zusammengearbeitet hat. Sie wird Katharina Blum von Heinrich Böll sowie das Jugendstück Revolution inszenieren. Dazu kommen vier neue Dramaturginnen ans Haus: Chefdramaturgin wird Doris Happl aus Wien, Romana Lautner war zuletzt am Tiroler Landestheater in Innsbruck, Hannah Stollmayer kommt vom Thalia-Theater und Meike Sasse steuert nach Wien, Zürich und Oberhausen nun ebenfalls Konstanz an.
Auch im Ensemble, das zum Teil aus dem bereits bestehenden übernommen wird, gibt es künftig deutlich mehr Frauen als bislang – das Verhältnis von Schauspielerinnen und Schauspielern ist ausgeglichen. Die Frauenquote am Theater anzuheben, sei zwar nicht direkt ihr Ziel gewesen, sagt die künftige Intendantin, «aber es gibt einfach so viele gute Künstlerinnen und so viele intelligente Frauen, da wäre ich ja dumm, wenn ich die nicht nehmen würde!» Grundsätzlich interessieren sie aber Menschen, die bereit sind, für etwas einzustehen, die eine eigene Meinung haben und ihre Ansichten nicht nach der aktuell wehenden Fahne ausrichten. Egal, ob Mann oder Frau.
Cyrano de Bergerac, 2018 auf dem Konstanzer Münsterplatz.
Mit Veränderungen geht Becker in kleinen Schritten voran. Das Freilichttheater auf dem Münsterplatz beispielsweise, das diesen Sommer die Ära ihres Vorgängers Christoph Nix abschliessen wird, bleibt erhalten. «Da kann man theatral aus dem Vollen schöpfen und auch mal die Blaskapelle über den Platz marschieren lassen, da geht es um grosse Gesten und Lebenslust», sagt Becker. Mit Shakespeares Viel Lärm um nichts wird hier 2021 ein Klassiker gezeigt, der perfekt zur atmosphärischen Kulisse passt.
Auch die Clubs, die von Kindern bis zu Senioren alle einladen, sich am Theater aktiv zu beteiligen, werden weitergeführt. Hier will Becker noch weitergehen und ein Stadtensemble gründen, das zudem grenzüberschreitend funktionieren soll. Alle Theaterbegeisterten sind eingeladen, unter professionellen Bedingungen und mit einem festen finanziellen Etat an der Inszenierung von Horváths Hin und Her zu arbeiten. Ihnen stehen dabei Regie, Bühnenbild, Maske, Kostüm und andere Abteilungen vom Haus zur Verfügung, um eigene Fantasien und Geschichten auf die Bühne zu bringen.
Klinken putzen für die Renovation
Dass das Theatergebäude nicht im besten Zustand ist und saniert werden muss, steht ebenfalls auf der Agenda der neuen Intendanz. Becker hat einen Arbeitskreis mit dem Technischen Direktor sowie dem Leiter des Hochbauamtes gegründet, in welchem die einzelnen Massnahmen besprochen werden. «Hier geht es um eine langfristige Planung, das machen wir Schritt für Schritt. Wir erstellen eine Liste mit allen Mängeln und dann werden wir erst einmal Klinken putzen gehen, um Gelder zu akquirieren», so Becker.
Einzig die Kooperation mit den Theatern in Afrika wird Becker vorerst nicht übernehmen. «Das sind die langjährigen Kontakte von Christoph Nix, die kann ich nicht einfach weiterführen», sagt Becker. Ihr geht es darum, mit Kooperationspartnern aus unterschiedlichen Ländern neue Wege zu gehen und neue Projekte aufzubauen. «Aber als Erstes suchen wir die Diskussion und Auseinandersetzung vor Ort. Wir wollen erst einmal hier ankommen, uns mit dem Publikum und den hier lebenden Menschen bekannt machen, und dann kann es weiter gehen.»
Streiten und lachen
«Einmal Welt, bitte» ist das Motto der kommenden Spielzeit, und das ist genauso auffordernd wie humorvoll gemeint – rund um den Globus, quer durch die Zeit. Erste Premiere ist Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada, gefolgt von Oscar Wildes Komödie Der ideale Mann. Es geht weiter über Österreich mit Elfriede Jelineks Das Licht im Kasten, verweilt ausführlich in den USA mit Die 39 Stufen von John Buchan und Alfred Hitchcock, Wer hat Angst vor Virginia Woolf? von Edward Albee, George Orwells Farm der Tiere sowie dem Black Rider von William S. Burroughs, Tom Waits und Robert Wilson. Die Reise endet mit einer Bühnenadaption von Anna Karenina im Herzen Russlands.
«Einmal Welt, bitte!», von Jelinek bis Wunschpunsch: Karin Becker.
Als Stück für die ganze Familie in der Vorweihnachtszeit gibt es den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch von Michael Ende. Und für die Kleinen ab drei Jahren wird das Stück Monsta von Dita Zipfel und Mateo Dineen zu sehen sein.
Grundsätzlich geht es Karin Becker mit ihrer Arbeit am Theater darum, einen Ort zu schaffen, an dem gelacht werden darf, aber auch viel nachgedacht und ausgesprochen werden muss. Kunst, Kultur und Bildung versteht sie als ein wichtiges Standbein unserer Gesellschaft, die nicht weiter nach rechts rutschen darf. «Es geht darum, das Zuhören wieder zu lernen», erklärt Becker, «und auch das Streiten müssen wir wieder etablieren. Mit Respekt vor dem anderen und einem guten Umgang. Man kann nicht jeden mögen und man kann nicht immer einer Meinung sein, aber es darf niemals in Gewalt ausarten.»
Zentral dabei ist für Becker die Arbeit mit der Sprache. Über die Sprache will sie die Menschen erreichen. «Wir müssen wieder lernen mit Argumenten umzugehen.» Kontrovers und engagiert, aber respektvoll. Und dazu komme noch etwas: das gemeinsame Lachen!
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
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Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
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Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
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Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
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Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.