, 5. September 2011
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Filmemacher im Ausschaffungsknast

Aus dem September-«Saiten»: Von der Rolle von Andreas Kneubühler Es ist der fünfte Tag des Filmfestivals von Locarno. Auf der Piazza läuft Bachir Lazhar, ein Spielfilm des Kanadiers Philippe Falardeau, der später den Publikumspreis gewinnen wird und bald in den Schweizer Kinos anläuft. Im Zentrum steht die Geschichte eines Flüchtlings, der sich ohne die nötigen […]

Aus dem September-«Saiten»:

Von der Rolle
von Andreas Kneubühler

Es ist der fünfte Tag des Filmfestivals von Locarno. Auf der Piazza läuft Bachir Lazhar, ein Spielfilm des Kanadiers Philippe Falardeau, der später den Publikumspreis gewinnen wird und bald in den Schweizer Kinos anläuft. Im Zentrum steht die Geschichte eines Flüchtlings, der sich ohne die nötigen Papiere – Aufenthaltsbewilligung, Arbeitserlaubnis, Lehrerdiplom – als Primarlehrer bewirbt und den Job erhält, weil die Schulleitung dringend eine Lehrkraft braucht. Es entwickelt sich eine berührende Geschichte, in der Klischees umschifft und plakative Wendungen vermieden werden. Es ist Unterhaltungskino mit Tiefgang, im besten Sinn ein Feelgood-Movie für das Studiofilm-Publikum.

Mit einem ganz anderen Anspruch – nämlich die Realität zu zeigen – war zwei Tage zuvor ein anderer Film im Wettbewerb angetreten. «Vol spécial», der Dokumentarfilm des Westschweizers Fernand Melgar, schilderte den Alltag im Genfer Ausschaffungsgefängnis Frambois und ist die Fortsetzung des 2008 gedrehten «La Forteresse», in dem das Leben in einem Empfangszentrum für Asylbewerber gezeigt wird. Melgar heimste dafür viel Kritikerlob und diverse Preise an Festivals ein. In beiden Filmen geht der Regisseur gleich vor. Er macht sich und die Kamera zu einem scheinbar unbeteiligten Beobachter, erklärt nichts, wertet nicht. In Frambois baute er zuerst ein halbes Jahr Kontakte zum Personal und zu den Insassen auf, bevor er überhaupt zu filmen begann. Das Gefängnis gilt als eigentlicher Musterknast und ist laut Presseheft beispielsweise nicht mit demjenigen in Zürich vergleichbar.

Der Präsident der Jury von Locarno, Paolo Branco, warf Melgar vor, einen «faschistischen Film» gedreht zu haben und «ein Komplize der Henker» zu sein. Der erste Vorwurf ist absurd, beim zweiten kann man sich mit sehr viel gutem Willen immerhin vorstellen, wie er darauf kommt. Im «Tages-Anzeiger» wird der Moment im Film, als die Protagonisten erfahren, dass einer der Auszuschaffenden auf dem Weg ins Flugzeug nach Nigeria geknebelt und gefesselt gestorben ist, folgendermassen beschrieben: «Als aus Zürich die Nachricht eintrifft, reagieren alle fassungslos. Auch die Aufseher.»

Melgars Kamera fing in dieser Szene Emotionen ein, die normal sind, schliesslich entsteht zwischen Flüchtlingen und Personal durch die langen Haftzeiten zwangsläufig eine Beziehung. Doch die Wirkung der filmischen Darstellung ist fatal: Es scheint, als wären alle gleichermassen vom inhumanen System betroffen. Die Grenze zwischen den Opfern und den Vollstreckern einer von Fremdenhass geprägten – und vom Stimmvolk abgesegneten – Politik ist nicht mehr sichtbar.

Der Film ist zudem ein Etikettenschwindel: Melgar zeigt gar keinen Vol spécial, keinen Ausschaffungsflug. Dass ihm dies vom Bundesamt für Migration mit einer willkürlichen Begründung untersagt wurde, erfährt allerdings nur, wer das Presseheft liest. Wie eine solche Zwangsausschaffung abläuft, zeigt hingegen ein Video der Organisation «augenauf». Wer es sich ansieht, kann sich «Vol Spécial» sparen – sollte aber Bachir Lazhar nicht verpassen.

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