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Fliegenmord im Container

Das Theater St.Gallen gastiert zehn Tage lang im Container vor der St.Galler Hauptpost. Hausautor Alexander Stutz schreibt dort täglich und präsentiert das Ergebnis jeweils zur besten «Sendezeit», um Viertel vor sechs.
Von  Peter Surber
Der Container vor der St.Galler Hauptpost bei der Kurzlesung vom Dienstag. (Bild: Su.)

Eine Fliege summt hinter der Glasscheibe, erst leise, dann heftig, so dass vor dem Container Leute kurz stehenbleiben. Die Fliege spielt eine wichtige Rolle im Stücktext des jungen Autors Alexander Stutz. Ausgelöst von ihr entspinnt sich die Geschichte einer Frau, die sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat und sogar das Fenster, das sie noch mit der Aussenwelt verbinden würde, nicht mehr erträgt. Erst recht nicht die Fliege…

Schauspielerin Anja Tobler vom Ensemble des Theaters St.Gallen liest den Text und spielt die Fliege im Dialog mit dem Autor, und dies quasi druckfrisch: Den Text hat Stutz an diesem Tag hier im Container geschrieben. Die reale Situation spiegelt sich darin wieder, der Container, die Passanten, die draussen schnell vorbeigehen, das Ausgestelltsein, der Gegensatz von Innen und Aussen. Auch die Fliege sei wirklich da gewesen, sagt Stutz.

Stücklabor – Alexander Stutz:
bis 18. November, täglich 10-18 Uhr, Lesung 17.45 Uhr (ausser Sonntag), Container vor der Hauptpost St.Gallen

theatersg.ch

Während zehn Tagen arbeitet der 1992 geborene, in Winterthur lebende Autor im Container vor der St.Galler Hauptpost (Eingang Gutenbergstrasse) jeweils von 10 bis 18 Uhr. Man kann ihn dort aufsuchen, anklopfen oder von draussen anrufen, ihn ausfragen oder auf Ideen bringen. Jeden Abend um Viertel vor sechs wird der an dem Tag entstandene Text live präsentiert.

Das Ganze ist Teil des Projekts Stücklabor. Unter diesem Titel haben sich vier Theaterhäuser zusammengetan und engagieren junge Dramatiker:innen eine Spielzeit lang als Hausautorin oder Hausautor. Mit dabei sind das Theater Basel (mit Michelle Steinbeck), die Bühnen Bern (Kim de l‘Horizon), das Théâtre du Jura (Pablo Jakob Montefusco) und das Theater St.Gallen mit Alexander Stutz.

Eine ideale Situation, findet dieser: Neben dem Stückauftrag habe er die Möglichkeit, in andere Produktionen hineinzusehen, an Proben teilzunehmen, Einblick in die Regiearbeit zu gewinnen. St.Gallen erlebe er als sehr offenes Haus, sagt Stutz, der bereits im Vorjahr beim Förderprogramm Dramenprozessor das hiesige Theater kennengelernt hat.

Und die Reaktionen auf seine temporäre Containerexistenz? Am Dienstag, dem ersten Tag hielt sich die Neugierde noch in Grenzen, aber immer wieder seien Passantinnen und Passanten stehengeblieben und hätten sich für sein Tun im Container interessiert.

Und umgekehrt habe er reichlich Anschauungsmaterial bekommen für sein geplantes Stück, das sich um Entfremdung, um das Anderssein und um das je eigene Sich-Bewegen in der Stadt drehen soll. «Ich gehe gern auf das ein, was sich vor mir abspielt», sagt er.

Mit der jüngsten Aktion kommt der Container nach längerer Pause wieder zum Einsatz. Unter anderem war in ihm 2020 die Uraufführung Spekulanten von Philippe Heule vor der St.Galler Lokremise und auf Tournee durch den Kanton zu sehen.

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