Kategorie
Autor:innen
Jahr

Flucht aus Europa

In Anna Seghers Roman «Transit» versuchen deutsche Emigranten im Jahr 1941 die Flucht über Marseille in sichere Teile der Welt. Christian Petzold hat den Roman nah an der Vorlage verfilmt. Allerdings und treffenderweise spielt die Geschichte bei ihm im Jetzt.
Von  Frédéric Zwicker
Marie (Paula Beer) und Georg (Franz Rogowski). (Bild: Filmstill)

Georg (Franz Rogowski) will aus Paris fliehen. Er braucht Geld und einen Transport, und als ihm ein Bekannter beides bietet, willigt er ein, im Gegenzug dem Schriftsteller Weidel zwei Briefe zu überbringen. Einen von seiner Frau und einen vom mexikanischen Konsulat in Marseille. Das ist ein gefährliches Unterfangen. Denn Weidel wird wie Georg von der Polizei gesucht. Als dieser dessen Hotelzimmer findet, ist die Badewanne voller Blut. Weidel hat sich umgebracht.

Zurück auf der Strasse beobachtet Georg, wie sein Bekannter, der ihm einen Platz im Fluchtauto geboten hat, verhaftet wird. Er entgeht selber knapp der Verhaftung und gelangt schliesslich auf einem Güterzug nach Marseille. Auf sich trägt er die Briefe und ein neues Manuskript des toten Weidel. Bei der Ankunft wird der Güterzug durchsucht. Flüchtlinge werden unzimperlich aus dem Zug gezerrt. Wieder gelingt Georg die Flucht. Aber es wird klar: Auch in Marseille ist er nicht sicher vor der Verfolgung.

Doch wer verfolgt ihn? Christian Petzold verfilmt mit Transit den gleichnamigen Roman von Anna Seghers. In diesem schilderte sie die Not deutscher Emigranten im Jahr 1941, die den Weg durch Marseille im südlichen Vichy-Frankreich ins sichere Ausland suchen. Es heisst im Film, dieser sei frei nach dem Roman interpretiert. Dabei ist die Nähe zur Buchvorlage offensichtlich – der grosse Unterschied ist, dass Georg nicht im Jahr 1941 vor den Nazis, sondern in der Gegenwart vor nicht näher definierten, aber ebenso bedrohlichen Faschisten flüchtet.

Genau das ist eine der grossen Stärken des Films: dieser Bogen zwischen den europäischen Emigranten vor 70 Jahren und den heutigen Flüchtlingsbewegungen, die nach Europa führen. Während man bei einem Kostümfilm mit uniformierten Nazis auf Lastwagen aus den 40er-Jahren vielleicht schreiben würde, die Geschichte sei in Anbetracht der grossen Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre nach wie vor aktuell, lässt die Übertragung in die heutige Zeit diesbezüglich keine Fragen offen.

Plötzlich Weidel

Es geschieht eher aus Zufall, dass sich Georg auf der Botschaft als Schriftsteller Weidel ausgibt, auf den zwei Visa für die Überfahrt nach Mexiko warten. Eines für ihn und eines für seine Frau, die Weidel verlassen hat, wie Georg aus dem Brief weiss, den sie ihrem Mann geschrieben hat.

Es muss eine äusserliche Ähnlichkeit zwischen Georg und Weidel bestehen. Denn kurz nach seiner Ankunft in Marseille tippt ihm eine verzweifelt wirkende Frau auf die Schulter, der er in der Folge immer wieder begegnet. Es ist Marie (Paula Beer), die Weidel sucht. Es tut ihr leid, dass sie ihn brieflich verlassen hat. Sie war schon auf einem Dampfer auf dem Weg in die Sicherheit, hat ihn aber im letzten Moment verlassen, weil sie ohne Weidel nicht weg will.

Transit von Christian Petzold: ab 1. Juni in diversen Kinos in der Ostschweiz.

Anstatt ihr die Wahrheit vom Suizid des Gesuchten und den Reisepapieren zu erzählen, verliebt sich Georg in sie. Stellt sich bloss die Frage, ob er alles auf die Karte Marie setzt und gemeinsam mit ihr fliehen will, oder ob er sich allenfalls doch für den kleinen Jungen Driss entscheidet, den Sohn eines auf der Flucht verstorbenen Freundes, den er kurz nach der Ankunft kennengelernt hat. Das wäre dann die menschliche Option in der allgegenwärtigen Unmenschlichkeit des Films.

Ein ganz Grosser

Die grosse Stärke des Films, die zeitgenössische Kulisse, die Polizisten in ihren modernen Kampfmonturen, die wie Robocops auflaufen, ist gleichzeitig die grösste Schwäche. Denn die Bedrohung bleibt diffus. Es wäre zwar kein Problem, Fragen in dieser Richtung unbeantwortet zu lassen. Die aktuellen Verschiebungen der politischen Kräfteverhältnisse nach rechts in vielen europäischen Staaten würden als Hintergrundahnung durchaus ausreichen. Aber wieso Driss und seine Mutter maghrebinische Züge haben, wieso nach ihrem Verschwinden eine afrikanische Grossfamilie in ihrer Wohnung lebt, das lässt dann etwas gar viel Raum zur Interpretation.

Trotzdem ist Petzold mit Transit ein zwar bedrückender, gleichzeitig aber äusserst sehenswerter, spannender, überraschender und unterhaltsamer Film gelungen. Auch wegen Paula Beer als Marie und wegen Franz Rogowski in der Hauptrolle. Vor wenigen Wochen war Rogowski in Thomas Stubers genialem Film In den Gängen zu sehen. Jetzt glänzt er in Transit, und die Zeichen verdichten sich, dass er sehr bald ein ganz Grosser im deutschen Film sein wird.

Dieser Beitrag erscheint im Juniheft von Saiten.

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01