, 11. Januar 2018
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Fluchtort Airport, Fluchtort Hoher Kasten

Ein Cowgirl, winzige Roboter, Rassendiskriminierung und ein Kriminalfall – diese Filmideen hat das St.Galler Amt für Kultur beim ersten Treatment-Wettbewerb ausgezeichnet. Bei der Feier im Kinok zeigte zudem Michaela Müller ihren neuen Animationsfilm. von Marion Loher

Szene aus «Airport» von Michaela Müller.

Es ist das Jahr 2037. Ein grosser Teil der Gesellschaft ist mit winzig kleinen Robotern, sogenannten Easybots verseucht, die im Gehirn der Betroffenen Fähigkeiten wie Mitgefühl und Solidarität ausschalten. Nur ein paar wenige Menschen sind von diesen Robotern nicht befallen. Sie ziehen sich ins Gebirge des Alpsteins zurück, der Hohe Kasten ist ihre Basis. Immer wieder sind sie aber gezwungen, für Beutezüge ins Tal zu gehen. Dort laufen sie in Gefahr, in Kontakt mit den infizierten Bewohnern zu kommen.

Für diese futuristische Filmidee ist der St.Galler Drehbuchautor Urs Bühler von der Filmkommission des kantonalen Amts für Kultur in St.Gallen ausgezeichnet worden. Die Geschichte stelle auf unkonventionelle Art aktuelle und relevante Fragen zu bedeutenden gesellschaftlichen Entwicklungen, sagte Kommissionsmitglied Luc Schaedler an der Preisverleihung vom Mittwochabend im Kinok.

Bühlers Botfree ist eine von vier Geschichten, die von der Filmkommission für die Ausarbeitung eines Treatments, eine erste Drehbuchvorlage, mit je 15 000 Franken unterstützt werden. Zu den weiteren Preisträgern gehören der St.Galler Ninian Green, das Thurgauer Duo Michèle Minelli und Roland Schäfli sowie Marc Vogel aus dem Kanton Aargau.

Filmideen früh fördern

Die St.Galler Filmkommission hat den Treatment-Wettbewerb vergangenen Sommer erstmals ausgeschrieben. «Die Entwicklung von Drehbuchvorlagen und Drehbüchern wird in der Schweiz bedeutend weniger gefördert als die eigentliche Filmproduktion», sagte Mireille Loher, Geschäftsführerin der Filmkommission im Amt für Kultur. «Für uns aber ist eine gute und adäquate Förderung von Filmideen in einem frühen Stadium besonders wichtig. Denn ohne gute Treatments oder Drehbücher können auch keine guten Filme entstehen. Deshalb haben wir den Wettbewerb lanciert.»

Auch für den St.Galler Ständerat Paul Rechsteiner ist es wichtig, dass der Kanton bereits bei der Ideenentwicklung Unterstützung biete. «Die Filmförderung ist existenziell für den Film. Ohne sie gibt es keinen Film – auch in der Schweiz nicht», sagte er an der Preisverleihung.

34 Bewerbungen sind bei diesem Wettbewerb eingegangen, nicht nur aus der Ostschweiz, auch aus anderen Teilen der Schweiz und sogar aus dem Ausland. «Wir haben den Wettbewerb bewusst offengehalten und alle interessierten Filmschaffenden eingeladen», sagte Mireille Loher. Einzige Voraussetzung: «Der Stoff musste inhaltlich etwas mit St.Gallen zu tun haben oder hier gedreht werden.»

Die Geschichte des jungen Aargauer Autors Marc Vogel spielt in St.Gallen und zwar an der Olma. Weil ein Vater seiner Tochter das Pferdereiten nicht mehr finanzieren kann, sattelt sie auf Kuhreiten um. Als die Schliessung des väterlichen Landwirtschaftsbetriebs droht, nimmt das Mädchen mit seiner Kuh Cervelat an der Olma an einem Wettbewerb teil. Mit dem Preisgeld möchte die 14-Jährige den Betrieb des Vaters retten. Cowgirl sei eine liebenswürdige, leichtfüssige und gleichzeitig kämpferisch-humorvolle Geschichte, sagte Ursula Badrutt, Leiterin der Kulturförderung und Mitglied der Filmkommission, in ihrer Würdigung. Vogels Bezug zu St.Gallen? «Ich hatte einmal eine Freundin von hier.» Das letzte Mal als er hier gewesen sei, habe sie Schluss gemacht. «Umso besser fühle ich mich heute Abend», sagte er und lacht.

Eine Spurensuche und ein historischer Kriminalfall

Inspiriert von der persönlichen Geschichte seiner Eltern, begibt sich der St.Galler Ninian Green auf Spurensuche nach dem Musical Raisin, das 1979 in St.Gallen aufgeführt wurde. Während dreier Monaten hielt sich das rund 40-köpfige afroamerikanische Ensemble, darunter der Sänger Malcolm Green, damals in der Stadt auf und setzte sich mit dem Musical gegen Rassendiskriminierung und soziale Missstände in den USA ein. Mit Blick auf die damalige Atmosphäre im beschaulich-konservativen St.Gallen sei dies ein durchaus besonderes Projekt, sagte Filmproduzentin und Jurymitglied Brigitte Hofer. Für die vertiefte Recherche sucht der junge Filmemacher weiteres dokumentarisches Material wie Fotografien, Filmaufzeichnungen und andere Erinnerungsstücke.

In Die Verlorene verarbeiten die beiden Thurgauer Michèle Minelli und Roland Schäfli das Schicksal der vergewaltigten Schneiderin Frieda Keller, die 1904 aus Verzweiflung ihren kleinen Buben umbrachte und dann wegen Kindsmord zum Tode verurteilt wurde. Nur auf Druck der Öffentlichkeit wurde sie damals begnadigt und das von der St.Galler Justiz ausgesprochene Todesurteil aufgehoben.

Die Geschichte, die auf einem historischen Kriminalfall beruht, hat Autorin Minelli im gleichnamigen Roman 2015 nacherzählt. Der im Exposé beschriebene Wechsel von Gerichtssaal und Rückblenden auf das Leben der Frieda Keller lasse auf ein Filmprojekt schliessen, das viel Potenzial für eine filmische Bildhaftigkeit und Umsetzung aufweise, sagte Kommissionsmitglied Esther Hungerbühler.

«Airport» als St.Galler Premiere

Anlässlich der Preisverleihung zeigte das Kinok als St.Galler Premiere den Animationsfilm Airport von Michaela Müller. Es ist der zweite Kurzfilm der St.Gallerin. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem am Filmfestival Chicago mit dem Preis für den besten Animationsfilm. Der Film dauert knapp zehn Minuten und beschäftigt sich mit den Sehnsüchten und Ängsten, die das Reisen, das Fliegen und der Flughafen an sich mit sich bringen. Sechs Jahre hat Michaela Müller an diesem besonderen Film gearbeitet. Er basiert auf Motiven, welche die Filmemacherin mit aufwendiger Technik auf eine Glasplatte malt und im Stop-Motion-Verfahren festhält.

«Die Technik steht nicht nur für sich, fasziniert und beeindruckt. Sie unterstützt die inhaltliche Dringlichkeit, beleuchtet die Ambivalenz von Selbstbestimmung und Gefangenschaft, Sehnsucht und Beklemmung», schreibt Ursula Badrutt, Leiterin der Kulturförderung, in ihrer Filmbesprechung für das Kinok. «Es ist ein politischer Blick auf die Lage der Welt und die Menschen, ein Bangen auch um die Menschlichkeit auf der Welt.»

 

 

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