, 3. Mai 2015
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«Fogh you!»

«Smash little WEF»: Am Samstag wurde erneut gegen das bevorstehende St.Gallen Symposium an der HSG protestiert. Die «Leader von heute und morgen» zum Umdenken zu bewegen soll jedoch nur der Anfang sein. Der eigentliche Plan: radikaler Wandel, dem Kapitalismus den Garaus machen.

Und jedem System sini Institution
doch d’HSG mit ihrne Leader stinkt bis zum Mond,
sie verbreitet d’Idee vo Usbütig und Sozialabbau
dezue Umweltzerstörig, so wird en fette Zahltag baut,
dezue jedes Johr da Elite-Symposium
Zit für Widerstand, mer haued sie symbolisch um,
weg mit Leader vo hüt und Leader vo morn,
denn zviel lided scho hüt, weg dene Leader vo morn.

Diese Zeilen kommen, woher auch sonst, vom üblichen Verdächtigen (D.Ü.V.). Sie stammen aus seinem eigens fürs diesjährige St.Gallen Symposium geschriebenen Rap Smash little WEF. Diesen gab er gleich mehrmals zum Besten an der gleichnamigen Kundgebung am Samstag in St.Gallen.

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D.Ü.V. bei der Arbeit.

«Die strittigen Themen unserer Zeit werden nicht in den Rektoratsbüros dieser Welt behandelt!»

Es war bereits die zweite Protestaktion des linken Bündnisses, bestehend aus Privatpersonen, Juso, Jungen Grünen und Wendepunkt. Gegründet wurde es im Hinblick auf das letztjährige Symposium, an dem unter anderem Ivan Glasenberg, Chef des umstrittenen Rohstoffmultis Glencore, teilgenommen hat.

Die Verantwortlichen vom Symposium gaben sich auch in diesem Jahr dialogbereit: Im März luden sie per Brief zum Gespräch ins Uni-Rektorat. Man könne sich «durchaus vorstellen», erklärte Philip Erzinger von der St.Galler Stiftung für Internationale Studien auf Anfrage von Saiten, dass man auch «kritische Stimmen an eines der künftigen Symposien» einlädt. Hier mehr dazu.

«Es braucht also zwei Proteste, Medienpräsenz und Druck, damit mal jemand auf die Idee kommt, kritische Stimmen einzuladen», befand Mitinitiant Matthias Fässler zu Beginn der Kundgebung. Diese Offenheit sei trügerisch, nicht zuletzt, weil hier «grossspurig» von Meinungsfreiheit und Ideenwettbewerb «geschwafelt» werde, während die politischen Entscheide nach wie vor «massiv beeinflusst werden können» durch die Finanzkraft gewisser Kreise.

Man wolle sich auch nicht «hinter verschlossenen Türen mit den Raubtierkapitalisten» treffen, stellte Fässler klar. «Die strittigen Themen unserer Zeit werden nicht in den Rektoratsbüros dieser Welt behandelt!» Deshalb habe man die Gesprächseinladung auch in diesem Jahr erneut deutlich abgelehnt.

Privatbankiers, Pharmariesen, Kriegsstrategen

Durch die samstägliche Shoppingwut ging es kurz nach zwei zum Bärenplatz. «Und so sollen die Studierenden an der HSG auf ihr späteres Managerleben vorbereitet werden?», fragte Anna Viola Bleichenbacher von der Juso und verwies auf die diesjährigen Symposiumsgäste. Angekündigt sind unter anderem Douglas Flint von der HSBC, Jörg Reinhardt, VR-Präsident des Pharmariesen Novartis und Ex-Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Dem HSBC-Vize wurde sogar ein eigenes Schild samt «Verhaftungsaufforderung» gewidmet, es blitze schon am Vortag hie und da zwischen den Bannern auf, und für Letzteren gab es ebenfalls etwas: ein dickes «Fogh you!».

Der kannibalistische Kapitalismus habe ein neues Ausmass an Geldgier und Kriegssucht erreicht, kritisierte Bleichenbacher. Nicht nur Länder in Osteuropa oder Asien, auch hierzulande bekomme man desssen «immer gleichen Schönheitsfehler und Kehrseiten» zu spüren, denke man etwa an die bürgerlichen Sparpakete und Privatisierungsgelüste oder an die fleissig betriebene Standortförderung mit entsprechendem Steuerwettbewerb. «Das alles sind krankhafte Symptome eines ausgedienten Wirtschaftssystems, der Kapitalismus steht kurz vor dem Kollaps», warnte sie. «Fallt nicht auf die neoliberale Verdunkelungstaktik und ihre Gräuel herein.»

«Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist»

Auch Fässler fordert ein radikales Umdenken, ein Ende der Macht- und Profitgier. «Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist», stellte er fest, als der Zug auf dem Weg zum Waaghaus vor der UBS Halt machte. Es sei unschwer zu erkennen, dass die unternehmerischen Freiheiten, «die Versprechungen, die angebliche Magie des Marktes, nichts als leere Hüllen jener sind, die von einem System der Enteignung gemeinschaftlicher Werte und Kapitalkumulation profitieren.» Man wolle den Dialog zwar nicht prinzipiell verweigern, doch man strebe demokratische Plattformen und Prozesse an, da Veränderung «von unten» kommen müsse. «Neoliberale Symposien mit ihren Leadern von oben unterminieren genau diese Prozesse.»

Darin war man sich mehr als einig, auch die anderen Voten wurden meist lautstark quittiert. Allgemein war die Stimmung recht gut. Entschlossen, keineswegs verbittert. Obs vielleicht sogar geknistert hat? Schon möglich. Könnte am konkreten und ebenso brisanten Thema liegen, oder natürlich am Wetter, den guten Leuten. Anders als an der 1.Mai-Kundgebung am Freitag blieben die «Little WEF»-Gegnerinnen und -Gegner nämlich vom Regen verschont.

Etwa 250 seien es gewesen, heisst es auf der Facebookseite von Wendepunkt. Die Einschätzung der Polizei ist wesentlich bescheidener, sie spricht nur von «gut 100 Personen». TVO tut es ihr nach. Für die Wendepunkt-Aktivistinnen und -Aktivisten ist diese Zahl «nicht nachvollziehbar». «Wir haben versucht, so gut es ging alle zu zählen», sagten sie am Sonntag auf Nachfrage. «Wir sind auf 250 gekommen.»

Immerhin: In der Ostschweiz kann man auf mehrere Kantone zählen

Doch Zahlen hin oder her, in geografischer Hinsicht jedenfalls war die Kundgebung ziemlich breit abgestützt, denn das Ostschweizer Bündnis erhielt Verstärkung von einigen Aktivistinnen und Aktivisten aus Bern, Zürich und Winterthur. Erfreulich auch, dass nebst Juso und Jungen Grünen auch vereinzelt Mitglieder ihrer Mutterparteien aus Stadt- und Kantonparlament mitliefen.

Und: Im Unterschied zur Kundgebung am Vortag zog der Protest gegen das HSG-Symposium überwiegend jüngere Leute an. Nicht wenige standen bereits zum zweiten Mal an diesem Wochenende auf der Strasse, haben nach der Demo am Freitag da und dort noch gemeinsam gefeiert. Was einer der Gründe sein könnte, dass das anschliessende «Smash little WEF»-Fest im Engel nicht überall ganz so rauschend ausfiel wie es hätte sein können. Wobei das halb so tragisch ist, viel wichtiger: Es raschelt im Osten. Fehlt noch der Dialog.

Hier vielleicht:

«Smash little WEF» lädt am Dienstag, 5. Mai um 20.15 Uhr «alle Menschen – «Rektoren und Symposiumsorganisatoren inklusive – ein, die offen und demokratisch über Probleme der Welt diskutieren wollen» ins Palace St.Gallen ein.  Mit Inputs von Bernhard Walpen und Beat Ringger zur Geschichte des Neoliberalismus. No dresscode, no schlümpf.

Dienstag, 12. Mai, 20.15 Uhr, Palace: Die Deutungshoheit von VWL und BWL – Historische Entwicklung der Studienrichtungen, Mit Susanne Burren von der Fachhochschule Nordwestschweiz und Hanno Pahl von der Uni Luzern.

Infos:smashlittlewef.blogsport.de, palace.sg

Ähnlich geschichtsträchtig, aber viel trainerhosentauglicher:

«Die vierte Gewalt»: «Souveränitäteffekt»-Autor Joseph Vogl erklärt beim Zündfunk, wie sich Institutionen, Währungsfonds und Zentralbanken als Machtinstrumente in den westlichen Gesellschaften etablieren. Hier gehts zum Generator.

Und zum Schluss noch ein Leckerli: «Keine Musik für niemand», das 1.Mai-Mixtape von DJ Scientist, Deutscher Politrock und Propagandafunk, oldschool wie der Name schon verrät, linke Schlager über Schurken, Fabriken und Freiheit. (Dank an nerdcore.de.)

 

Bilder: Debora Buess

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