, 18. März 2021
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«Fossile Brennstoffe sind wie nukleare Waffen»

Über das Wissen und die Werkzeuge für eine Gesellschaftsumgestaltung: Florian Vetsch spricht mit dem St.Galler Autor und Aktivisten David Fopp über dessen brisantes Buch zur Klimakrise «Gemeinsam für die Zukunft – Fridays For Future und Scientists For Future».

Die Jugendgruppe rund um Greta Thunberg am Morgen des ersten globalen Schulstreiks (15. März 2019) mit weltweit 1,5 Millionen Teilnehmenden. (Bilder: David Fopp)

Saiten: Du hast 1992 die Matura am Gymnasium der Kantonsschule am Burggraben absolviert. Welche Erinnerungen hast du an die Kanti? 

David Fopp: Am Anfang war ich wie befreit, in die bunte Welt aller Beziehungen und des Wissens über die Welt und die Geschichte einzutauchen. Dann war ich mehr und mehr verwirrt. Da war eine Institution, die sich als Inkarnation des Humanismus präsentierte, aber ich habe ziemlich schnell gesehen – und paradoxerweise ja auch dafür alle Werkzeuge bekommen –, dass da etwas nicht stimmt: Was und wie gelehrt wird, stimmt nicht überein mit diesem Anspruch.

Das wies auf ein Problem mit unserem Denken und Handeln hin, das mich in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen sollte. Was wir in Geschichte, in den Sprachen, aber auch in den Naturwissenschaften und so weiter als Lernstoff vermittelt bekamen, war ja eine Art von Dominanz-Legitimierung: dass unsere westliche Art und Geschichte, mit uns, der Tierwelt und der Natur umzugehen, in Ordnung sei, obwohl sie global für unendliches Leiden sorgt und eine unvorstellbare ökologische Krise verursacht.

Füreinander und für die Umwelt Sorge zu tragen, war also nicht oft Thema?

Nein. Vor allem nicht in der Kombination von Theorie und Praxis. Das hat sich auch in den Klassenräumen gespiegelt: Mir fehlte es sehr, dass die Lehrer*innen die Klasse zu einer halbwegs funktionierenden Gruppe finden lassen. Oder dass sie sehen, wenn sich Schüler*innen verkrampfen und sich zurückziehen.

Dieses Grundgefühl prägte vieles: Das ist ja nicht wirklich ein Humanismus. Diese Diskrepanz hat mich und viele andere lange Zeit auch noch an der Universität wie gelähmt und krank gemacht. Da braucht es enormen Mut, zu sagen: «Hey, wir müssen das ändern! Ihr handelt eigentlich irrational, furchtbar irrational, ihr, die an der Kanti und den Unis lehrt und studiert, ihr redet vielleicht über die Krise, aber ihr nehmt sie nicht wirklich ernst. Da genügt es nicht, sich individuell besser zu verhalten. Wir müssen die Krise gemeinsam aufhalten, uns zusammentun.»

Hattest damals einen Ausgleich?

Ein Ausweg war für mich das Figurentheater: all die Fantasien und die Beziehungen in die Stadt hinein, die sich dadurch eröffnet haben… Mein Lateinlehrer nahm mich dorthin mit, als ich 14 war. Und ich bin geblieben, habe gespielt und dann vier Inszenierungen als Regisseur gemacht, unter anderem mit Jonas Knecht, dem heutigen St.Galler Theaterleiter, damals noch als Schauspieler.

Eigentlich wollte ich über diese Theaterzeit damals ein Buch schreiben. «Eine Autobiografie der Stadt St.Gallen» sollte es im Untertitel heissen, bescheiden genug – weil im Theater Menschen aus allen Ecken der Stadt in permanent neuen Konstellationen zusammenfanden, alles Laien, unbezahlt. Das war eine Art künstlerisch-politische intergenerationale Graswurzelbewegung – ein Vorbild für mich dann für Fridays For Future und Scientists For Future.

Welche Erfahrungen und Gestalten haben dich nach der Matura geprägt?

Da begann die Suche nach dem Wissen und den Werkzeugen für die Gesellschaftsumstellung, die wir jetzt brauchen. Ich fokussiere auf diese Dimension. Ein erster Schritt war Berlin nach dem Mauerfall. Als ich direkt nach der Kanti dort ankam, als alles möglich schien für die Weltgeschichte, nahm mich ein Philosophieprofessor, Michael Theunissen, unter seine Fittiche. Er ist für die deutsche Nachkriegsgeschichte vielleicht insgeheim wichtiger als die Hauptfiguren der kritischen Theorie, von denen viele von uns in deren Seminaren eher enttäuscht waren. Die haben die eigentliche gesellschaftliche Herausforderung nicht sehen wollen, also das, was ich im Buch als ökologische Krise und Demokratiekrise darstelle. Zum Glück gibt es jetzt eine neue Generation kluger Denker*innen.

Am 19. März streiken im Rahmen des internationalen Streiktages Aktivist*innen auf der ganzen Welt für Klimagerechtigkeit. Auch in St.Gallen gibt es einen Sitzstreik: ab 12. Uhr, Marktgasse St.Gallen

Vier Jahre hast du mit Theunissen gearbeitet. Wie muss ich mir diese Zeit vorstellen?

Er gab mir die Möglichkeit, ganz früh mit dem Unterrichten anzufangen. Es kamen intensive Studierendengruppen zustande, mit denen wir durch die sich vereinende Stadt gezogen sind. Wir dachten: Jetzt bauen die, die zehn, zwanzig Jahre älter sind als wir, die neue Gesellschaft auf. Der Ostblock ist politisch zusammengebrochen, und die Probleme mit der westlichen Wirtschaftsweise, mit dem, was man «great acceleration» nennt, dem exponentiellen Wachstum der Umweltprobleme, sind ja offensichtlich. Jetzt ist ein Spielraum für eine neue Gesellschaft da.

Aber es ist nichts passiert. Das hat mich enorm geprägt. Da ahnte ich, dass wir das selbst anpacken müssen. Die gibt es ja gar nicht, die das machen, die, auf die wir warten und zu denen wir aufsehen. Das sind ja wir. Und dieses «wir» kann jede und jeder sein; nicht nur Künstler*innen, nicht nur Universitätsmenschen oder Politiker*innen, sondern alle. Aber ich bekam auch die Einsicht: Um das zu gestalten, die Geschichte und die Gesellschaft umzuformen, brauchen wir ganz andere Formen von Wissen. Also habe ich mich aufgemacht, dieses Wissen zu suchen.

Zunächst bist du in Paris, an der École Normale Supérieure, einer der wichtigsten europäischen Forschungsinstitutionen gelandet.

Ja, und da war wieder das Kanti-Gefühl: Hier stimmt etwas nicht. Ich habe von den Studierenden aus der ganzen Welt und vom algerischen Putz- und Wachpersonal viel mehr über das Zusammenleben gelernt als von den berühmten Professoren Bourdieu, Derrida und Badiou, bei denen ich jede Woche in die Vorlesung marschiert bin. Die ganze Institution war ja Teil einer segregierenden Gesellschaft: nur weisse obere Mittelschicht, die privilegiert über soziale und globale Gerechtigkeit spricht – und die Umweltkrise voranschreiten lässt.

Das Gute war, dass ich dort die Gestalttheorie entdeckte, also die Forschungstradition rund um Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, die versucht haben, alles zusammenzudenken: Neurophysiologie, Biologie, Psychologie, Politik, auch Tanz und Körpertherapie etc. Davon ausgehend entwickelte ich meine eigene Theorie eines veränderten Humanismus.

Als Klimaaktivist begleitete David Fopp die von Greta Thunberg ins Leben gerufene Fridays for Future­Bewegung von Anfang an; er gehört zu den Gründern der Scientists for Future.

Und wie bist du von Paris nach Schweden gekommen?

Zu der Zeit fand ich auch in den globalen Klimaaktivismus hinein. Und schloss Freundschaften zu denen, die in Europa versucht haben, den fossilen «Wahnsinn» zu stoppen und die dann führende Köpfe wurden der Occupy-Bewegung und der Kopenhagener Klimademonstration 2009, die so brutal niedergeknüppelt wurde…Da entschied ich mich, zurück nach Schweden zu ziehen, wo ich teilweise aufgewachsen war, und TP1 aufzubauen, eine kleine Institution: Theaterpädagogik mit Jugendlichen, kombiniert mit Forschung zu nachhaltiger Gesellschaftstransformation und Aktivismus. Das war eine kluge Entscheidung. Sonst wäre ich nicht an der Uni Stockholm gelandet, an der ich einen neuen Studiengang aufgebaut habe. Und ich wäre nie zu Greta Thunberg vor dem Parlament spaziert, hätte nie diese ganze Welt von jugendlichen globalen Aktivist*innen kennengelernt. Was für ein Privileg!

Seit 2017 arbeitest du an der Universität Stockholm, lehrst Pädagogik, Youth Studies sowie Drama und forschst zu Nachhaltigkeit und Theorien der Gesellschaftstransformation. Wie müssten die Volksschule, das Gymnasium und die Universität transformiert werden, um eine gerechtere Gesellschaft vorzubereiten, die, angesichts des Klimanotstands, eine Zukunftsperspektive hat?

Das ist so eine schwierige, grosse Frage. Vielleicht geht es darum, in Theorie und Praxis zu erforschen und zu lernen, was es heisst, füreinander und für die Natur zu sorgen. Also das, was es braucht, um nächste und fernste Umwelt so zu gestalten, dass den Grundbedürfnissen aller Menschen Rechnung getragen wird, ohne die planetaren Grenzen zu durchbrechen.

Dazu ist es gut, theoretisch zu verstehen, wie etwa sozial-ökologische Systeme funktionieren, aber auch praktisch, wie Nahrung produziert wird, wie man mit Kindern und miteinander gut umgeht, wie man demokratische Räume aufbaut. Der zweite Punkt ist zu verstehen, wie dies kaputt gemacht wurde, wird und werden kann; also das Aufkommen von autoritären Charakteren und Regimen zu verstehen, das Kaputtmachen von Böden und von Menschen, die Hintergründe von körperlicher Verkrampfung und seelischem Sich-Zurückziehen etc. Und drittens verstehen, wie man vom einen zum anderen kommt: Wie man das, was kaputtmacht, stoppt ohne Gewalt, und wie das Etablieren von menschlicher Sorge auf gute Weise vor sich gehen kann; wie wir den Kontakt zu uns und der Umwelt pflegen können.

Inwiefern hat sich dieser Fokus auf gesellschaftliche Veränderung bereits in deinem 2016 erschienenen Buch Menschlichkeit als ästhetische, pädagogische und politische Idee abgezeichnet? Darin hast du das «applied theatre» untersucht, eine Theaterform, welche die Veränderung der gegebenen Verhältnisse im Auge hat.

In dem Sinn, dass die Zukunft jetzt da ist. Nicht in 30 Jahren. Wir Menschen können Zukunft vorwegnehmen. Gerade spielerisch. Theatermachen bedeutet ja: Wir spielen mögliche Welten durch. Jetzt, zusammen. Was würde es heissen, die Welt so einzurichten, dass wir gemeinsam an dem weben, was ich «Integritätsmaterial» nenne? Eine merkwürdige Materie, die kaputtgeht, wenn Kinder Angst haben müssen vor der Zukunft, wenn Menschen verhungern, und die ausgebügelt und gewoben wird, wenn wir Unrecht zurechtrücken, einander auf gleicher Augenhöhe bestärken, wenn wir mit «Herrschaftsverhältnissen» spielen und sie so durchschauen und überwinden.

David Fopp (in Zusammenarbeit mit Isabelle Axelsson und Loukina Tille): Gemeinsam für die Zukunft – Fridays For Future und Scientists For Future. Transcript Verlag, Bielefeld 2021, Fr. 28.90

Der Aufbau deines neuen Buches ist dialektisch: Das erste Kapitel widmet sich der «Rebellion der Jugendlichen», das zweite der «Antwort der Erwachsenen» und das dritte leistet die Synthese, wenn es auf den gemeinsamen Weg in die Zukunft fokussiert: «Wie wir alle Geschichte schreiben können», heisst ein Unterkapitel daraus. Hast du da Hegels Methode, die Dialektik, angewendet?

So kann man das vielleicht sehen. Doch worauf es mir ankam, ist, zu betonen, dass wir Erwachsenen endlich Verantwortung übernehmen müssen und dass das nicht so gehen kann, indem wir die Kinder einfach wegdrängen. Beides wird schief: wenn wir nur den Kindern zujubeln, die die Welt verändern, und ebenso, wenn wir sagen: «Geht jetzt wieder spielen, wir machen das schon.» Wir müssen stattdessen ihnen Raum geben, sogar den Vortritt, aber so, dass wir unsere Aufgabe annehmen.

Du begleitest Fridays For Future von Anfang an. Was war dein erster Eindruck von Greta Thunberg, als du sie im August 2018 auf dem Münzplatz vor Schwedens Regierungsgebäuden trafst?

Ich möchte nicht über Greta als Person sprechen, weil zu viel Fokus auf eine einzelne Person gerichtet wird. Aber als Aktivist, der mit ihr und den anderen an mehr als hundert Freitagen gestreikt hat, kann ich sagen: Offensichtlich ist, was sie für ein Wissen hat, und vor allem, wie sie auf das Wichtige fokussieren kann. Und wie sie die Krise emotional versteht und nicht wegdrängt, sondern darauf eine Antwort einfordert und nicht nachgibt. Es hat lange gedauert, bis ich ihr Weltbild genauer verstanden habe. Leider hören ihr viele nicht wirklich zu, sondern nehmen nur zur Kenntnis, dass sie wieder irgendetwas zum Klima sagt.

Für mich hat Greta Thunberg etwas von einem Trickster, diesem Archetyp aus der Jungschen Psychologie, dem es, wie zum Beispiel dem tapferen Schneiderlein im Kampf mit den Riesen gelingt, die Überlegenen, aber plump, roh und unüberlegt Handelnden zu überwinden. Kannst du dem zustimmen?

Dafür steht vielleicht diese ganze Generation, auch Loukina Tille und Isabelle Axelsson, die beim Buch mitgeholfen haben: Wir machen das, was uns vernünftig erscheint, auch wenn es völlig gegen das geht, was man von uns erwartet oder uns aufbrummt. Das ist enorm befreiend. Was man weniger sieht, ist, wie viel Arbeit hinter der Art steckt, die etwa bei Greta so einfach aussieht und wirkt und viele von uns berührt – auch weil sie so einfach und klar kommuniziert. Das ist Verstehensarbeit, Spracharbeit. Sie hat ja oft eine so klare Intuition für den Kern des Problems. Bis man den herausgearbeitet hat, muss man sich durch so unglaublich viel Informationsmüll kämpfen. Da habe ich viel von ihr gelernt, von ihrer Beharrlichkeit bei den Arbeitsprozessen.

Meine Maturand*innen und mich hat das Filmporträt I Am Greta sehr beeindruckt: die Spanne zwischen der manchmal übermütig heiteren und dann wieder zutiefst betroffenen Greta, die Ernsthaftigkeit dieses jungen Mädchens, die Aktivistin, die an internationalen Foren das Wort ergreift, auf dem Münzplatz der Kälte trotzt, über den Atlantik segelt, ihr Schmieden und Feilen an Texten, deren Kernsätze um die Welt gehen, ihre umwerfende Kompetenz in Klimafragen. Was sind deine Eindrücke von diesem Film? 

Mein Buch ist eine Art komplementäres Projekt: Ich versuche zu zeigen, wie Greta Teil einer Gruppe ist, eben nicht nur eine Einzelkämpferin, sondern ein Teil einer weltweiten, enorm bunten und komplexen Klimabewegung von Jugendlichen. Und ich versuche, die Hintergründe der Klimakrise aufzuzeigen, so dass man versteht, wie schlimm es ist und wie wir aus dieser Krise herausfinden können. Und wie irrational die meisten von uns sich verhalten: Wenn wir uns nicht zusammenschliessen zu einer radikalen globalen Bewegung, werden hunderte von Millionen Menschen Probleme mit Wasser und Nahrung bekommen. Leider passieren wir bald Grenzen, so dass wir das nicht mehr kontrollieren können und sich die Prozesse der Erderwärmung von sich aus verstärken.

 

Du hast die Scientists For Future mit ins Leben gerufen. Wie viele Wissenschaftler*innen gehören inzwischen dazu?

Bei uns sind die ersten ForFuture-Gruppen der Erwachsenen sehr früh entstanden. Bereits nach zwei, drei Wochen, also Mitte September 2018 habe ich mich mit einem S4F-Schild neben die Jugendlichen auf den Münzplatz gestellt und versucht, in Schweden eine Gruppe von Wissenschaftler*innen über alle Disziplinen hinweg zu organisieren – als die, die den Aufruf der Kinder ernst nehmen, sie unterstützen und handeln.

Das Ganze ist aber in Schweden sehr überschaubar geblieben und erst durch das organisatorische Geschick einiger deutscher Wissenschaftler*innen förmlich explodiert, etwa mit der Pressekonferenz zum ersten globalen Streik im März 2019. Es wurde ein «Statement» verfasst, hinter das sich dann weit über 20’000 Wissenschaftler*innen aus Natur- und Geisteswissenschaften gestellt haben. Viele von ihnen sind jetzt in Lokalgruppen organisiert. Wir im Beirat sind etwa hundert; mit dabei sind führende Köpfe deutschsprachiger Universitäten und Forschungszentren, zum Beispiel aus dem Helmholtz-Zentrum. Das Ganze ist eine Graswurzelbewegung und hat keine Hierarchien. Alle können sich einbringen. Eine ziemliche Herausforderung, wenn Entscheidungen als Bewegung gefunden und gefällt werden müssen – aber dieses Problem haben alle Graswurzelbewegungen, auch FFF. Demokratie pur.

Was sind die Ziele und Forderungen der Scientists For Future?

Zuerst ging es darum, das zu unterstreichen, was die Jugendlichen rund um Greta sagen. Die Situation wurde dann paradox, denn die Regierungen behaupteten: «Wir halten uns an das Pariser Abkommen, das die Erderwärmung gerecht auf deutlich unter 2 Grad halten will» – und wir Forscher*innen sahen, dass das nicht stimmt und die Politik dem in Wirklichkeit überhaupt nicht entspricht. Genau darauf haben die Kinder hingewiesen, und wir haben uns dazugestellt und gesagt: «Sie haben recht, es passiert viel zu wenig. Das ist ein Betrug.»

Macht dich das wütend?

Ja! Man muss sich ja in alle Tricks und Schlupflochstrategien der Regierungen und Parteien einlesen, etwa zu den «Negativ-Emissionen», damit man das überhaupt durchschaut. Darauf haben wir gesagt: «Zweitens ist es die Aufgabe der Universitäten und von uns Forschenden, als demokratisches Projekt das aufzuzeigen, was eine nachhaltige Gesellschaft wäre.» An diesem Projekt arbeiten wir jetzt, ganz interdisziplinär: Was bedeutet der Rahmen der Klimakrise für die Ökonomie, die Pädagogik und entsprechend für alle Sektoren? Wir nennen es Zukunftsbilder.

Was genau ist gemeint mit diesem Rahmen?

Der Rahmen, den man nicht politisch wegverhandeln, aber dessen Inhalt demokratisch diskutiert und ganz verschieden umgesetzt werden kann. Der Rahmen besteht eben aus dem, was die Klimaerwärmung an CO2-Reduktionen und der Biodiversitätsverlust an Umstellungen erfordert, sowie aus dem, was diese enorm schnelle Transformation an Gerechtigkeit erfordert. Dafür brauchen wir ein neues Regelwerk, das jetzt sofort in Kraft treten muss. Es kombiniert das Wissen von Natur- und Geisteswissenschaften, das Wissen um intersektionale Gerechtigkeit in Zeiten der Klimakrise, das Wissen darüber, wie wir das Kaputtmachen von Umwelt und von uns selbst durch demokratische Verhältnisse ersetzen können.

 

Dein Buch schlägt einen grossen interdisziplinären Bogen. Wie könnte man das Bewusstsein für die von dir aufgedeckten ökologischen, ökonomischen, politischen, pädagogisch-didaktischen, philosophischen, soziologischen und globalen Zusammenhänge in der Öffentlichkeit stärken?

Was es vielleicht am meisten braucht, sind Medien, die diese Gedanken aufnehmen, Organisationen und Bewegungen, die sie verbreiten. Und vor allem Orte, an denen wir uns bilden, wo wir forschen und uns ausbilden können. Wir beissen uns immer noch die Zähne daran aus, dass es kaum interdisziplinäre Institutionen an Universitäten gibt, vor allem kaum Nachhaltigkeitsinstitute, welche die Geisteswissenschaftsseite ernst nehmen und nicht das Hauptgewicht auf die Naturwissenschaften legen.

Wenn Universitäten Zentren einrichten und wenn Schulen, Hochschulen und Universitäten sich rund um dieses Wissen organisieren, dann beginnt sich etwas zu ändern – das ist ein Hauptanliegen des Buches: dieses Projekt aufzuzeigen. Es gehen Milliarden in die Klimaforschung und noch mehr in die technische, aber viel zu wenig Geld fliesst in den Aufbau interdisziplinärer Nachhaltigkeitsinstitute, die nicht nur erforschen, sondern die Welt verändern: die Städte, die Landwirtschaft, das Zusammenleben. Die Oxforder Professorin Kate Raworth hat so etwas mit ihrem Doughnut Lab aufgebaut. Aber auch Kulturinstitutionen können dieses Geflecht von Zusammenhängen aufnehmen und damit spielerisch umgehen.

Kannst du den Begriff Klimagerechtigkeit auf eine Handvoll Sätze herunterbrechen?

Es gibt zwei Dimensionen. Wir müssen innerhalb von zehn, fünfzehn Jahren praktisch die ganze Gesellschaft umstellen, weltweit, weil wir die Emissionen jährlich um mehr als 7 Prozent mindern müssen, in reicheren Ländern um viel mehr, wobei die Schweiz nicht einmal die Hälfte dafür tut. Davon sind Arbeiter*innen ganz unmittelbar betroffen – natürlich die in den fossilen Betrieben selbst (Öl, Kohle, Gas, Automobil, Zement, Stahl), aber auch die in der nicht-regenerativen Landwirtschaft. Für die müssen wir zusammen sorgen. Das ist sonst ungerecht. Aber das gilt auch für das grosse Ganze der globalen Verhältnisse und die Geschichte.

Das von Schweizer*innen organisierte erste europäische Treffen von Fridays For Future auf dem Gelände der Universität Lausanne (August 2019).

Ich komme wieder zurück auf das Weben am gemeinsamen Integritätsmaterial: Die Klimakrise gibt es ja auch, weil der globale Norden die Natur und viele Menschen im Süden ausgenutzt hat und immer noch ausnutzt. Man muss sich nur anschauen, wo die acht Millionen Menschen leben, die jährlich (!) an der Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe sterben, beziehungsweise wem die fossilen Riesenkonzerne und Finanzinstrumente dahinter gehören. In dem Sinn brauchen wir eine Umstellung, die nicht nur die fossile Infrastruktur global sofort stoppt und ersetzt, auch in Deutschland, China und Saudi-Arabien, sondern die auch das globale Miteinander ersetzt und vormaliges Unrecht ausgleicht.

Dabei können wir bestimmte Regeln beachten, die in der «Deklaration von Bali» festgehalten sind: etwa dass dieser Prozess von denen geleitet wird, die am meisten von diesem Unrecht und der Klimaveränderung betroffen sind. Das wird im Bundesrat und im Parlament viel zu wenig diskutiert. Selbst rote und grüne Parteien halten sich nicht an die UNO-Forderungen. Was viele nicht verstehen, ist die Dringlichkeit: Wenn die Umweltsysteme in den nächsten wenigen Jahren Kipppunkte überschreiten, ist es zu spät. Da nützt es nichts, in zwanzig, dreissig Jahren etwas zu planen.

Für wie wahrscheinlich hältst du es, dass Ökozid schon bald vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag geahndet wird?

Das kommt. Aber das wird nicht alle Probleme lösen, nur die gröbsten Verbrechen ahnden und vielleicht verhindern. Ich bin da auch vorsichtig, was die Verrechtlichung von allen Verhältnissen angeht. Wir sind mit den Aktivistinnen im Gespräch, die in Ecuador «Rechte der Natur» in der Verfassung verankert bekommen haben; aber auch sie sagen: Das hält die fossile Industrie nicht auf.

Was wäre der bessere Weg?

Was wir brauchen, ist ein globaler Vertrag, der jetzt ein Moratorium für den Ausbau aller fossilen Projekte festlegt. Es ist 5 nach 12, wenn Norwegen die Arktis verkauft, damit Ölkonzerne neue Bohrungen anfangen können – das geschieht jetzt, in diesen Wochen. Wenn das geschieht und China seine Kohle ausbaut und Deutschland nicht sofort stoppt und die Schweizer*innen etwa das Zehnfache des gerechten CO2-Fussabdruckes aufrechterhalten, wird sich die Erde unaufhörlich erwärmen, das ist abzusehen. Fossile Brennstoffe sind wie nukleare Waffen. Wir müssen aus dieser vergifteten fossilen Gesellschaft aussteigen. Daran arbeiten wir mit dem «fossil fuel treaty». Ohne Zweifel sind viele der Öl-, Gas-, Kohle- und Fleischkonzerne und die Banken dahinter verbrecherische Unternehmen – auch weil diese seit 30 Jahren wissen, was sie an Leid und Zerstörung für Millionen von Menschen, die praktisch kein CO2 ausstossen, bewirken. Das zeigt etwa Naomi Oreskes, die Harvard-Professorin, in ihren Büchern.

Am 7. Februar 2021 kollabierte in Nordindien ein grosser Teil des nahezu 8000 Meter hohen Nanda-Devi-Gletschers und brachte Tod und Zerstörung in die Niederungen. Hat dieses Ereignis nicht direkt mit der Erderwärmung zu tun?

Das ist so, das zeigt die Wissenschaft auf. Genau genommen war es nicht der Gletscher selbst, sondern das Eis mit dem Geröll darum herum, das durch den Klimawandel beschleunigt weggeschmolzen ist. Die Erderwärmung geschieht in einem irren Tempo; überall werden die ganze Zeit neue Rekorde gemessen. Temperaturen, die Menschen noch nie gemessen haben, weit über 40 Grad in Europa. In Schweden wurde es jetzt Frühling – einen Monat zu früh, das setzt den Wäldern extrem zu. Wenn es sie noch gibt; der überwiegende Teil der Wälder sind Baumplantagen.

Wir können die Erwärmung aufhalten, wenn wir sofort den Ausstoss von CO2 und Methan regulieren – weg von der Fleischindustrie, vom fossilen Transport und so weiter. Dafür gibt es keinen politischen Plan. Oder doch, den gibt es, das zeige ich im Buch auf. Es gibt noch nicht den Zusammenschluss der Menschen, die ihn durchsetzen wollen – und die den Jugendlichen von FFF zur Seite springen.

Was wäre das Worst-Case-Szenario für unseren Planeten bis 2030?

Auf der Naturseite: dass viele Kipppunkte überschritten werden. Und auf der politischen Seite: dass sich der politische Rahmen weltweit nur scheinbar ändert und die fossile Gesellschaft wie jetzt durch unsere Regierungen aufrechterhalten wird. Dann ist das Arktiseis ganz weg in den Sommern mit verheerenden Folgen für den Jet-Stream und den Golfstrom, der abnimmt, wodurch das Wetter extremer wird. Dadurch gehen die Böden kaputt, die Regenwälder trocknen aus, werden zu Savannen, das Auftauen des Permafrosts setzt gigantische Mengen an Methan frei, Millionen von Menschen sind vor allem im globalen Süden von verheerenden Dürren, Hitzewellen und Fluten betroffen. Das alles schlägt auf die globale Nahrungsmittelproduktion und Wasserversorgung, weil die Böden nicht mehr so viel hergeben, die sozialen Spannungen um diese Ressourcen eskalieren und so weiter. David Wallace-Wells hat ein gutes Buch dazu geschrieben.

Das politische Worst-Case-Szenario ist, dass die Bevölkerungen den Regierungen überall auf der Welt auf den Leim gehen und an das «Netto-Null 2050»-Gerede glauben, das schlichtweg zur Folge hat, dass jetzt kaum etwas gemacht wird. Gleichzeitig kann die Knappheit an Nahrung und Einflussmöglichkeiten existentielle Ängste schüren und autoritäre Regimes stärken.

Und was wäre der aufbauendste, der bestmögliche Ausblick?

Das ist das Beste an dieser traurigen Geschichte: dass das Bestmögliche so gut ist. Wir schaffen eine Sicherheit füreinander, schaffen es, dass alle genug zum Leben haben. Wir führen demokratische Verhältnisse ein, überall, in allen Bereichen der Wirtschaften, so dass nicht einige wenige über andere bestimmen, dass wir nicht mit fossilen Industrien die Luft verpesten, dass wir nicht mehr in Schlachtereien Tiere und Menschen kaputt machen, sondern Nahrung auf eine regenerative Weise erzeugen und der Natur, den Böden, gerecht werden, Wälder wirklich als Wälder und nicht als Baumplantagen erhalten und aufgeforstet werden und so weiter. Dass wir dem lebendigen Planeten und einander Sorge tragen, so dass alle ein würdiges Leben führen können. Dass dieser Umstellungsprozess von denen angeleitet wird, die jetzt am meisten von den Krisen betroffen sind, global und lokal – und dass Kinder und Jugendliche gehört werden und mitgestalten.

Mit so einem Ausblick und politischen Vorschlägen dazu schliesse ich das Buch ab. Das heisst aber leider: dass wir aktiv das stoppen müssen, was die Umwelt kaputt macht. Und darum müssen wir uns zusammenschliessen. Wenn das gelingt, steht die Weltgemeinschaft auf, auch mit zivilem Ungehorsam – gegen die wenigen, die an der fossilen Gesellschaft festhalten, und gegen die Politik, die kaum etwas tut, und setzt jetzt sofort ein demokratisches Rahmenwerk durch, auf das sich alle verlassen können.

Was können wir – du und ich, wir alle – dafür tun, dass dieser Zustand erreicht wird?

Erstens: sich darüber informieren, worin die Zerstörung besteht und worin eine demokratischere und nachhaltige Welt besteht. Und natürlich kann man individuell sein Leben verbessern: mehr oder weniger aufhören, Fleisch zu essen, zu fliegen, Banken zu unterstützen, welche die fossile Industrie finanzieren, man kann wählen, sich politisch engagieren. Zweitens: sich organisieren, uns zusammenschliessen als «People For Future»; nicht der «Netto Null 2050»-Theorie auf den Leim gehen, das ist das Wichtigste. Und letztlich: weder im Kleinsten noch im Grössten mehr das akzeptieren, was uns daran hindert, dass wir uns auf gleicher Augenhöhe begegnen und uns gegenseitig stärken – die Strukturen, Gewohnheiten, Privilegien abbauen. Und stattdessen Räume einrichten, explizit, in denen alle darauf vertrauen können, dass alle einen Blick für die anderen haben. Und man kann an den globalen und lokalen Streiks teilnehmen und sich den ForFuture-Gruppen anschliessen oder selbst eine aufbauen, da, wo man wohnt: Es gibt scientists, parents, teachers, people und so viele mehr. Eigentlich ist es ganz einfach: Man stoppt. Das ist der erste Schritt. Und man gesellt sich zu denen, die auch stoppen und fängt an, sich zu organisieren, jeder auf seine Weise und alle zusammen.

Im Gespräch erwähnte Bücher:

Naomi Oreskes & Erik M. Conway: Merchants of Doubt. Bloomsbury, London 2012

Kate Raworth: Doughnut Economics. Random House, London 2018

David Wallace-Wells: The Uninhabitable Earth. Penguin, London 2019

Schliesslich: Wie wird die Rebellion für eine bessere Zukunft für unseren Planeten und für die Generationen, die nach uns kommen werden, weitergehen?

Das Gute an dieser Rebellion ist, dass jede und jeder mitbestimmen kann, wie es weitergeht. Alle können sich einbringen. Es braucht einen Aufstand der Massen, den wir jetzt organisieren müssen, einen Zusammenschluss der ganzen Zivilgesellschaft, aller NGOs, Graswurzelbewegungen und Klimastreiks. Ganz konkret nenne ich das «People For Future».

Unsere Regierungen erfinden Schlupflöcher, so dass de facto der CO2-Ausstoss von uns in der Schweiz, Schweden etc. gar nicht nennenswert sinkt. Geschweige denn in China, Saudiarabien oder Deutschland etc. Wir müssen uns als zivile Weltgemeinschaft zusammenschliessen. Und zwar jetzt. Es ist ernst. Sehr viel ernster, als man sich das vorstellen kann. Wir müssen uns getrauen, dieses «Netto Null 2050»-Gerede der Regierungen anzugreifen und zu zeigen, dass dadurch die fossile oder nicht-regenerative Gesellschaft (Industrie, Finanzwesen, Landwirtschaft) am Leben gehalten wird; weil wirkliche sofortige Massnahmen ausbleiben. Das geht nicht mehr. Das müssen wir jetzt ersetzen durch das, was viel gesünder und lebensbejahender ist. Wir werden beides kombinieren – die Notbremse durch symbolische Aktionen, aber auch den Streik und zivilen Ungehorsam; das ist völlig zentral; und das Aufbauen einer Gesellschaft, die uns nicht kaputt macht, sondern stärkt. Jeder trägt dazu bei; und wir sorgen gemeinsam dafür ganz konkret, dass alle Menschen genug Ressourcen haben, ab jetzt, zusammen.

Florian Vetsch, 1960, ist Autor, Übersetzer und Gymnasiallehrer. Er und David Fopp, 1972, lernten sich an der Kantonsschule am Burggraben kennen. Nach Fopps Matura 1992 verloren sie sich – wenn auch nie ganz – aus den Augen.

Fopp studierte in Berlin und Paris. Heute lehrt er an der Universität Stockholm Pädagogik, Youth Studies sowie Drama und forscht zu Nachhaltigkeit und Theorien der Gesellschaftstransformation. Als Klimaaktivist begleitete David Fopp die von Greta Thunberg ins Leben gerufene Fridays for Future­Bewegung von Anfang an; er gehört zu den Gründern der Scientists for Future.

davidfopp.com
Fridays for Future Schweiz

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