Fotos erzählen Geschichte

Foto-Fundstücke und ihre (Zeit-)Geschichte: Darüber hat die ukrainisch-deutsche Autorin Katja Petrowskaja jahrelang Kolumnen geschrieben. Am Donnerstag stellte sie ihr fantastisches Buch «Das Foto schaute mich an» in St.Gallen vor. Von Karsten Redmann
Von  Gastbeitrag
Katja Petrowskaja. (Bild: Suhrkamp/Gunter Glücklich)

«Dieses Buch handelt nicht vom Krieg, aber es wird vom Krieg umklammert», schreibt Katja Petrowskaja im Nachwort ihres hochgelobten Kolumnenbandes, der 57 Bilder und Texte umfasst und die unterschiedlichsten Themen und Motive der Zeit- und Kulturgeschichte behandelt. Bevor die Prosaminiaturen Eingang in den Suhrkamp-Band fanden, erschienen die Bildtexte im Rhythmus von drei Wochen zwischen Juni 2015 und Oktober 2021 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Katja Petrowskaja hatte in all der Zeit carte blanche, über welche Motive sie schreiben wollte. Zu den Fotos kam sie auf verschiedenen Wegen: Ein Motiv entdeckte sie beim Durchblättern einer Zeitung, ein anderes in einem Fotoband eines berühmten Fotografen, ein drittes im Internet, ein viertes im eigenen Familienarchiv. Oder jemand überreichte ihr ein Foto, das sie zum Gegenstand ihrer essayistischen Auseinandersetzung machte.

Schreiben gegen die Fassungslosigkeit

Im März 2014 war Petrowskajas Roman Vielleicht Esther – für einen Ausschnitt erhielt sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis – über den Zweiten Weltkrieg und die Nazizeit in die Buchhandlungen gekommen. Im gleichen Monat besetzte der russische Staat die Krim, den die ukrainisch-deutsche Autorin als ihren Sehnsuchtsort bezeichnet.

Katja Petrowskaja: Das Foto schaute mich an, Suhrkamp 2022, Fr. 38.90

Im Nachwort ihres Kolumnenbandes schreibt sie dazu: «Ich war fassungslos, taub, wütend. Mein ganzer Körper wehrte sich dagegen, zu glauben, dass Russland, das zusammen mit der Ukraine den Faschismus besiegt hatte, selbst zum Aggressor geworden war. Ich konnte nicht weiterarbeiten wie zuvor und suchte nach einer neuen Form, nach einer Haltung, aus der heraus ich wieder würde schreiben können, auch über die Dinge, die ich liebe.»

Auf der Suche nach einer neuen Form stiess die Autorin auf Fotografien, schrieb über das, was die Bilder mit ihr anstellten, was sie auslösten, und mit der Zeit entstand so ein, wie sie es selbst nennt, «Tagebuch des Nachdenkens».

Arbeit hiess Frieden

Das erste Foto, welches dieses Nachdenken auslöste, zeigt einen Zigarette rauchenden und den Rauch in die Luft blasenden Bergmann in der ukrainisch-russischen Grenzregion Donbass. Das Gesicht russgeschwärzt, blickt der Bergarbeiter direkt in die Linse der Kamera. Im Jahr 2015 gehörte der Bergmann zu denjenigen Arbeitern, denen seit Monaten kein Gehalt mehr ausbezahlt wurde und die dennoch stur zur Arbeit gingen, obwohl im Land Krieg herrschte. In ihrer Kolumne schreibt Petrowskaja: «… aber sie arbeiteten, denn Arbeit war Frieden und der Krieg absurd …».

Das Foto ist ein Farbfoto, aus direkter Nähe aufgenommen. Die Fotografin Yvgenia Belorusets hatte Petrowskaja gegenüber erklärt, dass der Bergmann damals in einem kleinen Ort namens Stschastje (auf Russisch «Glück») auf einer Bank sass und sie sich hinknien musste, um die Aufnahme zu machen. Was das Foto bei ihr auslöst, beschreibt Petrowskaja folgendermassen: «Der Bergmann ist schwarz, und seine Augen sind weiss, aber er ist nicht blind, ich bin es, mit meinem Unwissen, mit meiner Ignoranz, gegenüber dieser Region, gegenüber diesen Menschen. Die Erkenntnis war schwarzweiss, aber das Foto war farbig, daraus blickte mir meine eigene Blindheit, meine eigene Ohnmacht entgegen.»

Ein Stück Mauerfall

In ihrer Kolumne mit dem Titel «Adoptierte Geschichte» steht ein Foto vom November 1989 im Fokus. Petrowskaja erstand den einzelnen Fotoabzug auf einem der grössten Flohmärkte im Berliner Mauerpark. Das Foto in Schwarzweiss zeigt einen Mann und eine Frau. Die Frau trägt Sonnenbrille. Im Hintergrund erkennt man die Berliner Mauer mit Soldaten. Auch Graffitis.

Über den Flohmarkt und das dort gekaufte Foto schreibt die Autorin: «Seit zwei Jahrzehnten wird hier Geschichte in Habseligkeiten und kleine Objekte zersplittert und verkauft. So habe auch ich ein privates Stück Mauerfall gekauft, als wäre es ein Teil meiner persönlichen Geschichte.»

Irgendwann landet die erwähnte Fotografie von einem Regal mit privaten Bildern auf dem persönlichen Schreibtisch der Autorin. Immer wieder betrachtet sie das vor ihr stehende Foto, denkt über dessen ureigene Geschichte nach und erhält wunderlicherweise ein paar Wochen nach Veröffentlichung ihrer Zeitungskolumne einen Brief aus Rom, und zwar ausgerechnet von der Frau, die sich selbst auf dem Zeitungskolumnenfoto erkannt hat.

Die Autorin schreibt, «… sie sei die Frau auf dem Foto, sie habe keine Fotos mehr aus dieser Zeit an der Mauer, nur jetzt das meine, und sie sei unsicher, ob die banale Realität ihres Auftauchens meiner Phantasie besser keine Grenzen ziehen solle».

Politik des Schwarzweiss

Ein weiteres Foto, welches von der Autorin im Band einlässlich besprochen wird, ist weltbekannt, trägt den Titel Trolley, New Orleans – 1955 und stammt vom schweizerisch-amerikanischen Fotografen Robert Frank aus dessen Band The Americans.

Katja Petrowskaja beschreibt das Foto folgendermassen: «Aus jedem Fenster schaut einem ein eigenes Leben entgegen, wie eingerahmt, als wäre ein Fenster ein Bildausschnitt für sich.» Und einige Abschnitte später: «In diesem Bus sitzen die weissen Menschen vorne und die schwarzen hinten. Wir sind Zeugen von ethnischer Trennung und folgen dabei den Rhythmen des fotografischen Schwarzweiss, in dem auch die Hautfarbe einem kompositorischen Verfahren dient … im Dezember desselben Jahres beginnt Rosa Parks ihren beispiellosen Boykott für die Gleichheit des Fahrens.»

Buchvorstellung:
Do 22. September, 20 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen

wyborada.ch

Originell und eindrucksvoll, dabei stets verständlich und zugänglich sind die kurzen Texte Katja Petrowskajas. Fasziniert blickt man auf die Auswahl der hoch spannenden Fotos und folgt nach jedem gezeigten Motiv mit Begeisterung und Neugier der intellektuellen Auseinandersetzung der Autorin mit dem, was sie auf dem jeweiligen Bild erkennt oder zu erkennen glaubt.

Das Buch ist eine wahre Fundgrube, sowohl in textlicher als auch bildlicher Hinsicht. An der St.Galler Lesung werden die im Buch abgedruckten Fotos (die der Verlag für Buchbesprechungen nur in einer knappen Auswahl freigibt) grossformatig projiziert.

 

  

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14

Ein be­weg­tes Le­ben

Pan­kraz Vors­ter war der letz­te Fürst­abt von St.Gal­len. Sein Ta­ge­buch lie­fert wert­vol­le Er­kennt­nis­se zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft. Das Stifts­ar­chiv St.Gal­len hat die Hand­schrift als Edi­ti­on ver­öf­fent­licht und ver­gan­ge­nen Mitt­woch ei­nen Ein­blick ge­ge­ben.

Von  Tanja Scherrer
1 H5 A2709

Wut als Treib­stoff

In ih­ren Songs ver­ar­bei­tet die Win­ter­thu­rer Band An­ger Mgmt. die psy­chi­schen Pro­ble­me ih­res Sän­gers. Heu­te er­scheint ihr zwei­tes Al­bum, das er­neut in die in­ne­ren Ab­grün­de führt. Es ist ein dunk­ler Mo­no­lith – mit ei­nem Licht­blick am Schluss. 

Von  David Gadze
Anger mgmt Dave Honegger 3

«Die gröss­te Be­dro­hung? Kli­ma­wan­del und po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung»

Das Kin­der­dorf Pes­ta­loz­zi fei­ert sein 80-jäh­ri­ges Be­stehen. Mit wel­chen Her­aus­for­de­run­gen Kin­der heut­zu­ta­ge kon­fron­tiert sind und wie die Stif­tung da­ge­gen­hält, er­klärt Pro­gramm­lei­te­rin Ber­tha Ca­ma­cho.

Von  Daria Frick , Bilder:  Sara Spirig
2604 Redeplatz Bertha Camacho Sarah Spirig