Die Stimme über Lautsprecher ist ernst. Etwas «verdammt Schlimmes» sei passiert, da draussen in der «Aussenwelt». Nichts sei mehr wie vorher, eine Welt nach dem Ende der Welt gebe es nicht, eine «unmögliche Aufgabe» stehe bevor. Und, nein: Das sei keine Horrorvision à la Orson Welles, sondern die Realität. Dann: Sirenenheulen.
1938 hatte Orson Welles mit seinem Hörspiel von der angeblichen Mars-Invasion halb Amerika in Panik versetzt. Und einen Moment lang hockt man denn auch unbehaglich in der Grabenhalle. Stellt sich gerade vor, was wäre, wenn… Es ist aber 80 Jahre später, wir sind medial allerhand gewöhnt und rasch wieder beruhigt: nur Theater. Obwohl die Lage im jüngsten Stück der Kompanie Rotes Velo noch viel schlimmer ist als damals.
Klimakatastrophe, Krieg, Krankheit
Schon vor Beginn rauschen Sounds und Radiofetzen über die Bühne: O-Ton vom Atombombenabwurf auf Hiroshima, Angriffe von Dschihadisten, Kindergeschrei, Schubert (falsch, pardon: Debussy war es, korrigiert der Veranstalter). Dann die Durchsagen des Radiosprechers: ein Meteoriteneinschlag verursacht ewige Nacht und Eiseskälte bei uns, Tropenwetter in Grönland, Erdbeben, Flüchtlingsströme weg aus Europa, Kriegserklärungen aller gegen alle, Krankheiten, Zahnausfall…
«Wieviel Zeit bleibt uns noch?» fragt eine Stimme. «It’s too late», sagt eine andere. Eine dritte beschwört dagegen noch das Leben und wie sehr sie es liebe und wie toll der SUV vor dem Haus sei. Und dann schüttelt sie ein hysterisches Lachen.
Die Kinder sind in den letzten Jahren immer weniger geworden, jetzt gibt es keine Kinder mehr, klagt Hella Immler. Und Gott hat offenbar den richtigen Moment verpennt, seinem Ebenbild auf die Finger zu schauen, erzählt Raoul Nagel in einer eigenwilligen, gendermässig ziemlich missglückten Genesis-Variante.
Die Sparten überschlagen sich
Die Apokalypse ist da, in dieser «Einen Stunde auf Erden», die gegen zwei Stunden dauert. Und die theatralischen Mittel überstürzen sich entsprechend: Die Bühne ist verwüstet, die Rollen sind durcheinander, die Sparten mischen sich, alle geben alles im sechsköpfigen Ensemble und spielen alle ihre Talente aus: die Musiker Raoul Nagel und Thomas Troxler, die Tänzerinnen Hella Immler und Emma Skyllbäck, Schauspielerin Boglarka Horvath sowie Emilio H. Diaz Abregu, der zusammen mit Exequiel Barreras künstlerischer Leiter und Inspirator des Stücks ist.
Eine Stunde auf Erden:
15. Dezember, 20.30 Uhr, Grabenhalle St.Gallen 16. Dezember, 20 Uhr, und 17. Dezember, 18 Uhr, Hof zu Wil, weitere Vorstellungen im Januar
rotesvelo.ch
Die Erzählweise ist konsequent bruchstückhaft. Neonröhren blinken, pantomimische Zombie-Szenen erinnern an Jugendtheater-Experimente, starke poetische Momente schaffen die tänzerischen Zusammenstösse und die Stürze in Zeitlupe hinter der milchigen Wand. Die Texte sind engagiert, manchmal klischiert. Und die Popsongs passen wie die Faust aufs Auge zu den Schreckensbotschaften – vielleicht ist das Absicht, aber den Soundtrack zum Weltuntergang stellt man sich zerrissener und weniger dreiklangselig vor.
Ein Rest Hoffnung
Später werden auf der Rückwand, die mit Nachrichten übersät ist, Katastrophenbilder eingeblendet, Ikonen des real existierenden Grauens: Müllhalden, die Trümmer der abgebrannten Textilfabrik von Pakistan, unter Balken und Schlamm begrabene Tote. Wegschauen? Hinschauen! sagt Emilio. Und liest aus den Bildern der Zerstörung eine Botschaft der Hoffnung, aus dem Tod die Liebe, aus dem Müll neue Aufbrüche.
Die Hoffnungsbotschaft ist zaghaft, aber sie siegt am Ende: Du bist nicht der oder dieser oder ein anderer, sondern «just one of us». Es braucht keine Grenzen, sondern Umarmungen. Die Zukunft ruft nach neuen Namen: Neugier, Kenntnis, Schönheit, Du… Aus Wörtern wie diesen, geschrieben auf Kartonstücke, versucht die Truppe am Ende ein Kartenhaus zu bauen.
Nach der Premiere, beim Applaus, streikt das Licht. Nochmal ein Schreckmoment – bis es wieder kommt. Bloss draussen kübelt es vom Himmel und steht die Stadt halb unter Wasser.
Bilder: Jacques Erlanger
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
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Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
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Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.