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Fragmente vom Weltuntergang

Das Rote Velo fährt wieder: Die Tanzkompanie ist mit ihrer neuen Produktion unterwegs – geradewegs in die Katastrophe. «Eine Stunde auf Erden» hatte in der Grabenhalle Premiere.
Von  Peter Surber

Die Stimme über Lautsprecher ist ernst. Etwas «verdammt Schlimmes» sei passiert, da draussen in der «Aussenwelt». Nichts sei mehr wie vorher, eine Welt nach dem Ende der Welt gebe es nicht, eine «unmögliche Aufgabe» stehe bevor. Und, nein: Das sei keine Horrorvision à la Orson Welles, sondern die Realität. Dann: Sirenenheulen.

1938 hatte Orson Welles mit seinem Hörspiel von der angeblichen Mars-Invasion halb Amerika in Panik versetzt. Und einen Moment lang hockt man denn auch unbehaglich in der Grabenhalle. Stellt sich gerade vor, was wäre, wenn… Es ist aber 80 Jahre später, wir sind medial allerhand gewöhnt und rasch wieder beruhigt: nur Theater. Obwohl die Lage im jüngsten Stück der Kompanie Rotes Velo noch viel schlimmer ist als damals.

Klimakatastrophe, Krieg, Krankheit

Schon vor Beginn rauschen Sounds und Radiofetzen über die Bühne: O-Ton vom Atombombenabwurf auf Hiroshima, Angriffe von Dschihadisten, Kindergeschrei, Schubert (falsch, pardon: Debussy war es, korrigiert der Veranstalter). Dann die Durchsagen des Radiosprechers: ein Meteoriteneinschlag verursacht ewige Nacht und Eiseskälte bei uns, Tropenwetter in Grönland, Erdbeben, Flüchtlingsströme weg aus Europa, Kriegserklärungen aller gegen alle, Krankheiten, Zahnausfall…

«Wieviel Zeit bleibt uns noch?» fragt eine Stimme. «It’s too late», sagt eine andere. Eine dritte beschwört dagegen noch das Leben und wie sehr sie es liebe und wie toll der SUV vor dem Haus sei. Und dann schüttelt sie ein hysterisches Lachen.

Die Kinder sind in den letzten Jahren immer weniger geworden, jetzt gibt es keine Kinder mehr, klagt Hella Immler. Und Gott hat offenbar den richtigen Moment verpennt, seinem Ebenbild auf die Finger zu schauen, erzählt Raoul Nagel in einer eigenwilligen, gendermässig ziemlich missglückten Genesis-Variante.

Die Sparten überschlagen sich

Die Apokalypse ist da, in dieser «Einen Stunde auf Erden», die gegen zwei Stunden dauert. Und die theatralischen Mittel überstürzen sich entsprechend: Die Bühne ist verwüstet, die Rollen sind durcheinander, die Sparten mischen sich, alle geben alles im sechsköpfigen Ensemble und spielen alle ihre Talente aus: die Musiker Raoul Nagel und Thomas Troxler, die Tänzerinnen Hella Immler und Emma Skyllbäck, Schauspielerin Boglarka Horvath sowie Emilio H. Diaz Abregu, der zusammen mit Exequiel Barreras künstlerischer Leiter und Inspirator des Stücks ist.

Eine Stunde auf Erden:

15. Dezember, 20.30 Uhr, Grabenhalle St.Gallen
16. Dezember, 20 Uhr, und 17. Dezember, 18 Uhr, Hof zu Wil, weitere Vorstellungen im Januar

rotesvelo.ch

Die Erzählweise ist konsequent bruchstückhaft. Neonröhren blinken, pantomimische Zombie-Szenen erinnern an Jugendtheater-Experimente, starke poetische Momente schaffen die tänzerischen Zusammenstösse und die Stürze in Zeitlupe hinter der milchigen Wand. Die Texte sind engagiert, manchmal klischiert. Und die Popsongs passen wie die Faust aufs Auge zu den Schreckensbotschaften – vielleicht ist das Absicht, aber den Soundtrack zum Weltuntergang stellt man sich zerrissener und weniger dreiklangselig vor.

Ein Rest Hoffnung

Später werden auf der Rückwand, die mit Nachrichten übersät ist, Katastrophenbilder eingeblendet, Ikonen des real existierenden Grauens: Müllhalden, die Trümmer der abgebrannten Textilfabrik von Pakistan, unter Balken und Schlamm begrabene Tote. Wegschauen? Hinschauen! sagt Emilio. Und liest aus den Bildern der Zerstörung eine Botschaft der Hoffnung, aus dem Tod die Liebe, aus dem Müll neue Aufbrüche.

Die Hoffnungsbotschaft ist zaghaft, aber sie siegt am Ende: Du bist nicht der oder dieser oder ein anderer, sondern «just one of us». Es braucht keine Grenzen, sondern Umarmungen. Die Zukunft ruft nach neuen Namen: Neugier, Kenntnis, Schönheit, Du… Aus Wörtern wie diesen, geschrieben auf Kartonstücke, versucht die Truppe am Ende ein Kartenhaus zu bauen.

Nach der Premiere, beim Applaus, streikt das Licht. Nochmal ein Schreckmoment – bis es wieder kommt. Bloss draussen kübelt es vom Himmel und steht die Stadt halb unter Wasser.

Bilder: Jacques Erlanger

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