, 1. Februar 2021
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«Frauen gehören in den Kanon»

Was es brauchte, bis 1971 das Frauenstimmrecht angenommen wurde – und warum Frauen bis heute zu wenig Platz in der Geschichtsschreibung haben: Marina Widmer, die Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz, über Errungenschaften und Versäumnisse und über ihre Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte».

Die Beharrlichen. Gruppenbild von sieben Frauen der Eidg. Frauenstimmrechtspetition 1929. (Illustration: Hannah Raschle)

Saiten: Wie feiert man 50 Jahre Frauenstimmrecht unter Coronabedingungen?

Marina Widmer: Die für Februar geplante Eröffnung der Ausstellung «Klug und kühn» ist auf Anfang März verschoben. Bundesrätin Karin Keller-Sutter wird kommen – allerdings gibt es eine Vernissage nur dann, wenn 50 oder mehr Personen teilnehmen können. Die Alternative ist ein Festakt am 11. Juni.

Erst 50 Jahre Frauenstimmrecht: Das ist eigentlich gar kein Grund zum Feiern.

Ja, richtig. Die Schweiz war sehr spät dran. Und sie hat ein riesiges Demokratiemanko. Denn eine Demokratie ist die Schweiz faktisch bis 1971 nicht gewesen, und sie ist es in Bezug auf die ausländische Bevölkerung bis heute nicht. Zudem sind es immer die Frauen selber gewesen, die für ihre Rechte kämpfen mussten. Dasselbe gilt jetzt auch wieder für die Ausländerinnen und Ausländer. Dabei wäre ein Stimmrecht für alle eine Angelegenheit der Gesamtgesellschaft. Jeder und jede Bürgerin müsste sagen: Das ist ein Zustand, den wir nicht tolerieren können. Ein allgemeines Bewusstsein darüber gibt es noch nicht. Es fehlt diesbezüglich ein Unrechtsbewusstsein.

Marina Widmer im Ostschweizer Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte. (Bilder: Su)

Gilt für den Kampf um das Frauenstimmrecht auch, dass die Frauen ihn allein führen mussten?

Es gab immer wieder Männer, die für das Frauenstimmrecht eingetreten sind und das Anliegen auch in die Parlamente gebracht haben. Im Kanton St.Gallen hat Johannes Huber 1912 die erste Motion lanciert, wahrscheinlich veranlasst von seiner Frau, der Sozialistin und Frauenrechts-Kämpferin Marie Huber-Blumberg. Ähnlich Peter von Roten, der Mann von Iris von Roten, 1950 auf nationaler Ebene. Es gab bereits in der liberalen Bewegung des 19.Jahrhunderts und unter Staatsrechtlern Männer, die das Frauenstimmrecht befürwortet haben. Aber der kontinuierliche Kampf blieb den Frauen überlassen. Bereits 1893 forderte der Schweizerische Arbeiterinnenverband das Frauenstimmrecht. Relativ früh hat sich auch die SP dafür ausgesprochen. Es war auch eine der Hauptforderungen beim Generalstreik 1918. Auch bürgerliche Frauen traten schon relativ früh für das Frauenstimmrecht ein. Aber von Seiten der bürgerlichen Parteien gab es kein Bekenntnis dazu.

Was hat 1971 den Ausschlag dafür gegeben, dass das Frauenstimmrecht dann doch von einer Mehrheit angenommen wurde? 1959 war es noch hochkant abgelehnt worden.

1958 hat es der Bundesrat in seiner Botschaft zur Abstimmung noch für nötig befunden, die Schrift «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes» zu widerlegen. Unglaublich. Den Ausschlag für das Ja 1971 gaben verschiedene Faktoren. Es gab den politischen Faktor: die Kontroverse um die Europäische Menschenrechtskonvention, die der Bundesrat zuerst wegen des fehlenden Frauenstimmrechts nur unter Vorbehalt annehmen wollte. Das schuf Druck auf der institutionellen, internationalen Ebene. Hinzu kam der Einfluss der 68er-Bewegung, die ja schon Anfang der 60er-Jahre angefangen hat und zu fortschrittlicheren Haltungen führte. Es gab eine Öffnung der Gesellschaft, ein Nein war für viele (auch die Mehrheit der Männer) nicht mehr haltbar.

Das Frauenstimmrecht als logische Konsequenz dieses Aufbruchs?

Die Konsequenz nicht unbedingt, aber ein Teil der Entwicklung. Ohne Frauenstimmrecht stand die Schweiz inzwischen so hinterwäldlerisch und «neben den Schuhen» da, dass das sogar in bürgerlichen Kreisen nicht mehr akzeptabel war

Das Frauenstimmrecht im schwierigen Kanton St.Gallen – Gespräch mit Marina Widmer:
2. Februar, 20:15 Uhr, auf YouTube.

Unter den wenigen Kantonen, die sich noch 1971 gegen das Frauenstimmrecht sträubten, war auch St.Gallen: 53% der Männer sagten hier Nein. Das Erste Fernsehen der Erfreulichen Universität geht den glänzenderen Episoden der Ostschweizer Frauengeschichte auf die Spur. Frauen haben durchs ganze 20. Jahrhundert hindurch ihre eigenen Projekte vorangetrieben, und das Stimmrecht stand dabei bei weitem nicht immer im Zentrum. Auskunft darüber gibt Marina Widmer, die Leiterin des «Frauenarchivs» – wo seit 1999 Quellen der Ostschweizer Frauenbewegungen und Nachlässe von bemerkenswerten Frauen Eingang finden. Das Gespräch leitet Julia Kubik.

Es gab in Bund und Kantonen seit 1919 insgesamt 70 Anläufe für das Frauenstimmrecht – also nochmal: kein Ruhmesblatt für die Schweiz…

Kein Ruhmesblatt, nein, vielmehr ein Spiegel für die behäbige Schweiz und ihr falsches Selbstbild als Vorzeigedemokratie.

Feiern könnte man ja, dass sich seither gewaltig viel zum Positiven verändert hat, was die Frauenrechte betrifft.

Wir wollten drum auch die Ausstellung ausweiten auf die Frauen- und Geschlechtergeschichte generell, von 1848 bis heute, um zu zeigen, woher wir kommen und wo wir heute stehen. Man müsste eigentlich sogar noch weiter zurückgehen bis zur Französischen Revolution. Die Gründung des Bundesstaats 1848 ist jedoch ein gutes Datum. Die Schweiz erhielt eine neue Verfassung, neue Gesetze im Namen des Liberalismus, abgerungen den konservativen Kräften – aber all dies unter Ausschluss der Frauen. Bei jeder Verfassungsrevision und vielen Gesetzen gab es denn auch Vorstösse von Frauen, diesen Zustand zu ändern, aber meistens vergebens. Die Forderungen kamen von allen Seiten, von Frauen aus dem Bürgertum ebenso wie aus dem revolutionär-anarchistischen und sozialistischen Kontext.

Wenn man die Zeit von damals bis jetzt überblickt, gibt es also keine Kontinuität des Fortschritts, was die Gleichstellung der Frauen betrifft, sondern ein Auf und Ab?

Es ist eine Wellenbewegung. Eine der fortschrittlichen Phasen spannt sich etwa vom Ende der 1860er-Jahre bis zur Zwischenkriegszeit. Mit dem Faschismus kam dann ein gewaltiger Rollback. Vor und nach der Jahrhundertwende gründeten Frauen unzählige neue Vereinigungen. Die Schweiz zählt Ende des 19 Jahrhundert rund 3000 Frauenorganisationen aller Couleur. Um 1900 wurde der Bund Schweizer Frauenorganisationen gegründet – eine Blütezeit der frühen Frauenbewegung, die bis in die 1920er-Jahre dauerte.

War es von Anfang an klar, dass in der Ausstellung nicht Geschlechtergeschichte betrieben wird, sondern nur Frauen porträtiert werden?

Die Frauenporträts, insgesamt 84, sind ein Teil der Ausstellung. Dazu gibt es eine Chronologie von 1830 bis heute zu den Themen Politik, Recht und Soziale Institutionen. Der Geschlechterdiskurs spielt stark mit hinein in die Ausstellung. Zum Beispiel im Kapitel zur Kultur und Öffentlichkeit: Da gehen wir den Frauenskulpturen in der Stadt St.Gallen nach, die fast durchwegs von Männern geschaffen wurden. Oder der grosse Kulturpreis der Stadt: Gerade einmal drei Frauen haben ihn neben zahlreichen Männern erhalten. Wir halten dem eine Liste von Frauen entgegen, die den Preis auch verdient hätten, die Künstlerin Manon etwa, die Galeristinnen Susanne Kulli und Wilma Lock, die Kunsthistorikerin Dora Fanny Rittmeyer-Iselin, die Autorin Erica Engeler und viele andere Frauen, die kulturell sehr viel geleistet haben, ein farbigeres Bild abgeben und auch ihren Platz haben sollten.

Die Ausstellung nennt sich «klug und kühn». Kannst du drei Persönlichkeiten aus der Region nennen, die unter diesem Stichwort unbedingt hervorgehoben werden müssten? Die Ausstellung kritisiert ja, dass Frauen im kollektiven Gedächtnis keinen Platz haben.

Eigentlich wollen wir alle diese Frauen, diese 84 Porträts, ins kollektive Gedächtnis zurückholen oder dort überhaupt erst einmal platzieren. Was diese Frauen individuell geleistet haben, was aber auch die Frauenorganisationen ins Leben gerufen und am Leben erhalten haben, das muss man endlich zur Kenntnis nehmen. Berufsarbeit, Bildung, karitative Tätigkeit, Engagement in religiösen Milieus und so weiter: Da wurden Strukturen für Frauen aufgebaut, national wie regional, es entstanden Angebote für Austausch, Begegnung, Stellenvermittlung und andere praktische Fragen.

Die Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte» porträtiert 84 Frauen, die sich seit der Staatsgründung 1848 für das Wahl- und Stimmrecht für Frauen eingesetzt haben. Eine Chronologie zeigt den Fortschritt in Recht, Politik und sozialen Institutionen im Vergleich mit den Nachbarländern. Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich den Bereichen Politik, Arbeit, Körper, Bildung, Religion, Recht, Kultur und öffentlicher Raum.

Ab Anfang März im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, ab 27. Oktober im Stadtmuseum Rapperswil-Jona

Also keine drei Namen? Weil man über alle Frauen reden muss?

Wir haben 14 grössere, auch internationale Porträts in der Ausstellung: Namen, die sich alle merken und behalten sollten. Das Problem der Geschichtsschreibung ist, dass Frauen nicht im Kanon der Schweizer Geschichte sind und ihre Leistungen nicht angemessen wahrgenommen werden. Elisa Honegger wäre zu nennen, die ab 1863 die Schweizerische Frauenzeitung herausgab, oder die erste Arbeiterinnensekretärin, Margarete Faas-Hardegger, eine ganz spannende Persönlichkeit. Dann Helene von Mülinen, die erste Präsidentin des Bunds Schweizerischer Frauenvereine BSF, oder Anna Fischer-Dünckelmann, die in Zürich Medizin studierte, in Deutschland und in der Schweiz praktizierte und um die Jahrhundertwende das Buch Die Frau als Hausärztin herausgab. Es erreichte eine Auflage von einer halben Million und vermittelte den Frauen Kenntnisse zur Selbstermächtigung, in Bezug auf Körper, Krankheit und Gesundheit. Man müsste auch von den ersten Juristinnen sprechen. Die Frauen haben gepusht, sie haben auf allen Ebenen der Gesellschaft versucht, eine Position zu erkämpfen. Von der politischen Arbeit bis zu Schulgründungen oder zur Berufsbildung: Auf allen Gebieten mussten erst die Voraussetzungen geschaffen werden, damit sich etwas bewegt hat. Drum wäre es falsch, nur zwei drei Namen zu nennen.

Marina Widmer mit dem Bestseller von Anna Fischer-Dünckelmann.

War die Ostschweiz eher im Hintertreffen, oder hatte sie eine Vorreiterinnenrolle?

St.Gallen war der letzte Kanton, der das kirchliche Frauenstimmrecht angenommen hat. Aber die Stadt St.Gallen hatte eine sehr aktive frühe Frauenbewegung. Der erste Arbeiterinnenverein der Schweiz wurde hier gegründet und früh in die Gesetzgebung für das Fabrikarbeiterinnengesetz mit einbezogen. Die Frauenzentrale St.Gallen war eine frühe Gründung, der Schweizerische Lehrerinnenverband war von St.Gallerinnen mitgeprägt, ebenso andere Verbände. St.Gallen hatte die erste Berufsberatungsstelle für Frauen. Man kann sagen: Wo immer die Frauen einen Raum sahen, haben sie ihn besetzt. Interessant ist die Geschichte von Emma Zehnder. Irgendwo steht geschrieben, dass sie als erste Frau vor dem Grossen Rat gesprochen habe – aber es gibt im Staatsarchiv keinerlei Quelle dazu, oder sie ist noch nicht gefunden worden. Der Auftritt ist nicht protokolliert – als hätte er nicht stattgefunden. Emma Zehnder war 1912 Mitgründerin des st.gallischen Frauenstimmrechtsvereins und Initiantin der Haushaltungsschule – wobei eine solche Schule immer auch ein zwiespältiges Bild abgibt: Sie bot eine gute Ausbildung, aber hat auch das Bedürfnis der bürgerlichen Frauen nach gut ausgebildetem Hauspersonal bedient.

Hauswirtschaft, Carearbeit, Kinderbetreuung als typische Frauensache: Diese traditionelle Rollenzuordnung ist das Zwiespältige, das du ansprichst?

Ja, und das geht noch weiter. Sekundarschulen waren auf Buben ausgerichtet, man musste erstmals also Sekundarschulen für Mädchen errichten, wofür sich die religiösen Orden stark engagiert haben. Es gab überall Nachholbedarf. Und interessant ist, dass sich die grosse Mehrheit der Frauen in Vereinen, Gruppen organisiert und Vernetzungen angestrebt hat. Darin gleichen sich die neue und die frühe Frauenbewegung. Viele solcher Aspekte sind erforscht, aber noch nicht im kollektiven Gedächtnis angelangt. Dafür braucht es eine breite Öffentlichkeit. Frauen- und Geschlechtergeschichte muss immer wieder von neuem erzählt werden.

Die Frauengeschichte der Schweiz kompakt in einem Buch dargestellt: Wäre das ein Wunsch?

Es wäre zum einen unmöglich, die ganze Geschichte in ein Buch hineinzubringen. Es gibt viele Einzeldarstellungen, und ein ganzer Stapel von Neuerscheinungen kommt jetzt im Kontext des Frauenstimmrechts-Jubiläums heraus. Zum zweiten: Statt einer separaten «Frauengeschichte» müsste man generell Geschlechterfragen in der allgemeinen Schweizergeschichte mitreflektieren. Nötig ist, dass die offizielle Geschichtsschreibung nicht mehr so tut, als gäbe es keine Frauen- und Geschlechtergeschichte. Eine kritische Auseinandersetzung von Historikern mit dem Ausschluss der Frauen aus der Öffentlichkeit und der Politik und mit der Rolle, die Männer verschiedener Parteien dabei einnahmen, gibt es von Seiten der Männer nicht. Die Geschlechterstereotypen, die im 19.Jahrhundert vorherrschend waren – die Frau ist für den privaten, der Mann für den öffentlichen Bereich zuständig –, haben dazu geführt, dass sehr viel Ungerechtigkeit ausgeblendet wurde und noch wird. Auch was ganz real da war, wurde nicht gesehen, oder man wollte es nicht sehen. Es war bequemer, die Leistung der Frauen zu übersehen.

Elisabeth Joris hat von der «politischen Stilllegung» der Frauen in der Schweiz gesprochen. Ein treffendes Stichwort…

Dem könnte ich mich anschliessen. Unter den Männern herrscht eine unausgesprochene Komplizenschaft, und erst wenn dies nicht mehr haltbar ist, machen sie einen Schritt. Lotti Ruckstuhl schildert in ihrem Buch Frauen sprengen Fesseln, wie unsäglich die Frauen in den 50er-Jahren behandelt wurden, wenn sie für das Frauenstimmrecht eintraten.

Reden wir von weiteren Defiziten. Die fehlende Lohngleichheit ist vermutlich eine der grössten Baustellen.

Zum Lohngefälle kommt hinzu, dass Carearbeit nicht bezahlt wird. Heute gibt es einen Mangel an Pflegefachkräften, aber die Löhne steigen nicht. Angebot und Nachfrage spielen überhaupt nicht. Was rund um den Körper an Arbeit geleistet wird und was eine Grundbedingung dafür ist, dass die Gesellschaft funktioniert, ob in Gesundheit, Bildung oder Sozialem: All diese Dienste sind finanziell weniger hoch bewertet als etwa Berufe in der Industrie. Dort kann man rationalisieren, aber Tätigkeiten rund um den Menschen kann man nicht rationalisieren, im Gegenteil, sie brauchen Zeit. Darüber wird öffentlich erfolgreich nicht debattiert! Mascha Madörin hat einmal ausgerechnet, dass den Frauen 108 Milliarden Franken jährlich an Löhnen generell inklusive Carearbeit vorenthalten wird. Das hat Auswirkungen auf das ganze Sozialabsicherungssystem, das auf den Löhnen aufbaut und dazu führt, dass Frauen Lücken und Abzüge in Kauf nehmen müssen. Es kann doch nicht sein, dass eine Gesellschaft zulässt, dass Frauen aufgrund von Kinderbetreuung nachher in Altersarmut leben müssen. Die soziale Absicherung der Frauen auch im Alter müsste garantiert sein, mit welchen Massnahmen auch immer.

Ein Thema in der Ausstellung widmet sich dem Körper. Was ist da die Botschaft?

Wir stellen fest, dass Geburt, Verhütung oder Menstruation immer noch weitherum Tabuthemen sind, deren Diskussion weitgehend privatisiert ist. Jede Frau muss das mit sich selber ausmachen. Auch der Aufwand, den die Frauen täglich betreiben müssen für ihren Körper, steht in keinem Verhältnis zu dem der Männer. Wobei sich diese Unterschiede etwas aufzuweichen beginnen.

Heute werden Stellen ausgeschrieben für männlich, weiblich oder das dritte Geschlecht. Und der Duden hat das generische Maskulinum abgeschafft. Das sind vielleicht kleine Fortschritte, aber sie tragen dazu bei, die Geschlechter-Klischees aufzubrechen.

Man kann das historisch betrachten: Frauen, die sich als Männer ausgaben und sich anders verstanden, anders kleideten, die ausbrachen aus einer fixen Form von Geschlechtervorstellung, hat es schon immer gegeben. Auch wenn die Queerbewegung heute noch einen wesentlichen Schritt weitergeht: Rollenbrüche gab es von beiden Seiten auch früher, im Widerstand gegen das stark dualistische Frau-Mann-Bild, das den Leuten indoktriniert worden ist. In Fragen der Lohngleichheit oder bei den Sozialversicherungen gibt es jedoch die Geschlechterfixierung noch immer.

Und gerade in migrantischen Kulturen sind patriarchale Strukturen weiterhin stark.

Das müsste man differenzieren. Es gab auch in diesen Ländern die 68er-Bewegung, es gab intellektuelle Aufbrüche. Und ich würde in Bezug auf Geschlechterrollen nicht die Hand ins Feuer legen für die ländliche Bevölkerung in der Schweiz. Je städtischer, desto offener, und je ländlicher, desto stärker halten sich solche Rollenbilder. Fortschrittlichkeit hat weltweit mehr mit dem Stadt-Land-Gefälle zu tun als mit kulturellen oder religiösen Prägungen.

Wo müsste sich am dringendsten etwas verbessern in Sachen Frauengleichstellung?

Frauen müssen besseren Zugang zu Geld haben. Die Frauen müssen dringend zu den ihnen vorenthaltenen 108 Milliarden kommen. Wenn sie über mehr Geld verfügen, egal, wofür sie es einsetzen, gewinnen sie mehr Unabhängigkeit. Wann werden junge Frauen feministisch? Wenn sie Kinder bekommen! In dem Moment stellen sich die Fragen knallhart: Wer betreut die Kinder, wie kann frau weiterarbeiten, wie steht es um die finanzielle Unabhängigkeit? Wo gibt es Kindertagesstätten? Wie organisiere ich das tägliche Leben, wenn ich mein Geld selber verdienen will? Und was, wenn ich weniger verdiene als der Mann? In der Schweiz sind wir in dieser Hinsicht, namentlich bei der Kinderbetreuung, noch nirgends. Das gibt es riesige Defizite, und sie wirken sich aus auf die Höhe der AHV und bei Teilzeitjobs auf die Pensionskasse.

Das gilt wiederum für die Väter ebenfalls.

Wenn sich die Männer auf Carearbeit und gleichmässige Aufteilung der Familienarbeit einlassen, dann sind auch sie materiell abgestraft und müssen sich mit einem tieferen Lebensstandard arrangieren. So lange dieser existenzsichernd ist, spielt das vielleicht nicht eine so grosse Rolle. Aber das trifft für viele tiefere Einkommen nicht zu. Die Frage der sozialen Sicherheit gehört zu den ungelösten Problemen, von denen in den weitaus meisten Fällen die Frauen betroffen sind.

Marina Widmer, 1956, leitet das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte der Ostschweiz in St.Gallen und ist hauptverantwortlich für die Jubiläumsausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte».

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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