, 6. September 2019
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«Frauen haben die Fotografie emanzipiert»

«Die Anfänge der Fotografie waren Männersache», sagt der Fotograf Urs Tillmanns. Doch es gibt Ausnahmen: neben Maria Hesse-Bernoulli etwa Franziska Möllinger oder in St.Gallen Mathilde Bühlmeier. Eine Spurensuche von Urs Oskar Keller.

Maria «Mia» Bernoulli, die spätere Frau von Hermann Hesse, gilt als eine der ersten Berufsfotografinnen der Schweiz. Im Wettlauf darum, «Pionierinnen» zu küren, stellt sich aber erst einmal die Frage, wie man «die Erste» definiert. Die erste Fotografin, die dem 1886 gegründeten Berufsverband beigetreten ist? Die erste, die als Fotografin in Anstellung gearbeitet hat? Die erste, die offiziell ein Fotostudio betrieben hat?

Madleina Deplazes, Research Curator der Fotostiftung Schweiz in Winterthur, sagt: «Es war ja zu dieser Zeit nicht ganz einfach, als Frau eigenständig ein Geschäft zu führen. Oftmals haben die Frauen das Handwerk beherrscht und die Kundschaft fotografiert, aber das Geschäft lief unter dem Namen des Ehemannes. Es wird viel zu selten über die Rolle der Frauen in diesem Bereich gesprochen.»

Frauen hatten einen beträchtlichen Anteil

«Die Anfänge der Fotografie waren Männersache. Frauen wagten sich kaum an die komplizierten chemischen Verfahren und die technischen Probleme heran», sagt der Schweizer Fotograf und Fachpublizist Urs Tillmanns, Herausgeber des Schweizer Online-Magazins «Fotointern».

Markus Schürpf, Leiter des Büros für Fotografiegeschichte und des Schweizer Fotografenlexikons fotoCH, glaubt dagegen «eher, dass Frauen von Beginn weg einen beträchtlichen Anteil hatten. Das gilt für Franziska Möllinger und später andere, weil das ‹Handwerk› verhältnismässig niederschwellig war und kein Zunftschutz oder Ähnliches bestand.» In Biel und im Emmental gab es von 1870 bis 1880 einen Wanderfotografinnen­Betrieb der «Frauen Warther», ver­ mutlich eine Mutter mit ihren Töchtern.

Ob es einen geschlechtstypischen Blick in der Fotografie gibt, ist umstritten. Eine Tendenz scheint aber klar: Wenn Frauen fotografieren, fotografieren sie das Andere. «Frauen haben die Fotografie emanzipiert, und die Fotografie hat einen wesentlichen Beitrag zu ihrer eigenen Emanzipation geleistet. Zwischen dem Medium und den Künstlerinnen bestand seit je eine besondere Beziehung. Doch die Fotogeschichte will davon nichts wissen», schrieb Kulturredaktorin Daniele Muscionico kürzlich in der «NZZ».

Markus Schürpf sagt über die Bernoulli-Schwestern: «Die beiden haben grossartig fotografiert. Insbesondere ihre Kinderporträts sind einzigartig! Und Tuccia hat einen wunderschönen Artikel ‹Wie soll man Kinder fotografieren?› verfasst.»

Franziska Möllinger – Fotografin ab 1843

Franziska Möllinger (1817–1880) wuchs in Speyer in der Rheinpfalz auf und starb in Fluntern. 1836 kam Möllinger mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Otto nach Solothurn. Als erste in der Schweiz tätige Fotografin beziehungsweise Daguerrotypistin veröffentlichte sie 1844–45 im Eigenverlag 16 Veduten und Stadtansichten der Schweiz für ein auf 120 Blätter geplantes Mappenwerk. Daguerrotypien (Unikate) lithografiert zu vervielfältigen, war ein in der Schweiz zuvor nicht angewandtes Verfahren.

Als vermutlich erste beruflich anerkannte Fotografin in der Schweiz nennt Markus Schürpf die Badenerin Frida Zipser-Lang. Das Fotoatelier von Frida Zipser-Lang und Wilhelm Schmidt in Baden bestand von 1892 bis etwa 1908. Eine faszinierende Persönlichkeit ist auch Jungfer Katharina Weiss (1834–1911) aus Zug. Sie hat ab etwa 1860 selbstständig fotografiert. Josephine Kälin (1851–1935), auch Josefa und «Seppä» genannt, gilt als erste Fotografin mit eigenem Atelier in Einsiedeln. Dieses gründete sie um 1893. 1898 richtete sie ein Glasatelier an der heutigen Mühlestrasse 13 ein. 1930 übergab Kälin das Geschäft an ihre Nichte.

«Häufig», sagt Fotohistoriker Schürpf, «folgt die Frau ihrem Ehemann als Nachfolgerin nach, wenn dieser verstirbt wie bei Frida Zipser. Interessant ist auch die Geschichte von Frau M. Eichenberger­Favre als geschiedene Fotografengattin. Sie hat ab 1865 fotografiert und in den Zeitungen einen veritablen Rosenkrieg gegen ihren geschiedenen Mann geführt.»

Die Ostschweizerinnen

Alwina Gossauer (1841–1926) wuchs in Riesbach (Zürich) auf. 1864 eröffnete ihr Mann Johann Kölla ein Atelier im Haus «Zum blauen Himmel» in Zürich. 1866 wurde Johann Kölla wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses aufgrund «obszöner» Frauenporträts verurteilt und kurz darauf übersiedelte die Familie nach Rapperswil. Sein Geschäft ging Konkurs, Alwina Kölla-Gossauer konnte aus der Konkursmasse gerade noch einiges Mobiliar und die Fotoausrüstung erwerben und führte das Atelier mit Erfolg weiter.

Alwina Gossauer, Selbstportrait um 1900.

Constance Haak (1886–1958) stammte aus Utrecht und eröffnete 1918 ein eigenes Atelier in St.Gallen an der Büchelstrasse 14. 1919 trat sie dem Photo Club St.Gallen bei. 1923 heiratete sie Oskar Rietmann und arbeitete fortan mit ihm zusammen. Constance, genannt «Stanny» Rietmann-Haak war als versierte Fotografin massgeblich für den geschäftlichen Erfolg des gemeinsamen Ateliers «O. & C. Rietmann-Haak» verantwortlich.

«Nicht zu vergessen sind auch alle Fotografinnen, die in den Geschäften ihrer Ehemänner oder Söhne mitarbeiteten, so die Frauen im Fotogeschäft Fetzer in Bad Ragaz. Ausserdem waren Frauen in technischen Berufen schon relativ früh mit fotografischen Techniken beschäftigt: z.B. der Röntgenfotografie», sagt Regula Zürcher vom St.Galler Staatsarchiv.

Mehr zum Thema im: Rietmann, Gossauer, Maeder & Co. – Neues zur St.Galler Fotografiegeschichte. Neujahrsblatt 159, 2019 des Historischen Vereins des Kantons St.Gallen

hvsg.ch

Eine schillernde Persönlichkeit ist Mathilde Bühlmeier (1846–1916), die 1867 als wahrscheinlich erste Frau in St.Gallen ein Fotoatelier eröffnete. Sie stellte unter anderem die damals modischen Kleinporträts her, litt aber unter der örtlichen Konkurrenz und der Wirtschaftskrise und kam in den 1880er-Jahren auf die Idee, «auf photographischem Wege Banknoten zu machen» – mit einigem Erfolg, bis ihr die Polizei das Handwerk legte und sie ein Jahr im Zuchthaus verbrachte.

Marga Steinmann (1895–1983) ist in Appenzell ein Begriff. Sie war mit dem Architekten Gustav Baeschlin verheiratet und arbeitete unter anderem auch in Bern, St.Gallen und Basel. An einem Projekt über die Fotografin arbeitet das Museum Appenzell gemäss Website schon länger.

«Wir besitzen zu Fotopionierinnen keine konkreten Informationen. Im Staatsarchiv befinden sich wohl einige Fotonachlässe; darunter auch derjenige von Martha Gubler in Weinfelden», schreibt Beat Oswald vom Staatsarchiv Thurgau in Frauenfeld. Die Deutsche Martha Gubler­Weigand (1902–2005) eröffnete 1930 ein eigenes Atelier in Weinfelden. 1934 heiratete sie den Künstler Conrad Gubler. 1935 kaufte sich das Paar das «Haus Thurnheer» in Weinfelden und richtete dort seine Ateliers ein. Das Haus wurde in der Folge als «Gublerhaus» bekannt.

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