, 28. März 2013
2 Kommentare

Frei und Fair

Die satten Gewinne an den Urheberrechten streichen die Firmen ein, nicht die Künstlerinnen und Künstler. Darum fordert die Piratenpartei: «Freiheit für die Kultur!» Ein Gespräch mit dem St.Galler Pirat Marcel Baur.

Es ist fast schon absurd. Videos vom Meteoriteneinschlag, die russische Autofahrer mit ihren Dash-Cams aufgenommen hatten und auf Youtube stellten, wurden dort gesperrt, weil im Hintergrund Radiomusik dudelte. Was war da los?

MARCEL BAUR Die Videos wurden in Deutschland gesperrt, weil die Lieder von der Gema – der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – urheberrechtlich geschützt waren und Youtube einer Klage zuvorkommen wollte. Das ist wirklich absurd.

Die Diskussionen um das Urheberrecht sind so präsent, dass man sich sogar schlecht vorkommt, wenn man ein Lied legal downloaded.

Jeder begegnet dem Copyright fast täglich, und oft ist man schon bei banalen Sachen überfragt. Darf ich das Bild, welches ich über Google gefunden habe, auf meinem Blog verwenden oder auf Facebook stellen? Da ist es nicht hilfreich, wenn das Copyright so absurde Blüten treibt wie bei den Meteoriten-Aufnahmen oder dem kürzlich über Deutschland niedergegangenen Shitstorm über das Zitieren auf Twitter.

Worum ging es dort?

Es ging dort um die Frage, ob es schon eine Urheberrechtsverletzung ist, wenn du einen coolen Artikel gelesen hast und nun nicht seine Headline, sondern einen Satz aus dem Text ohne Quellenangabe twitterst. Dabei stellt sich doch vielmehr die Frage, ob das jetzt so bedeutende Worte seien. Berühmte Zitate von berühmten Schriftstellern kann man zu Tausenden aus dem Netz holen, weil sie Allgemeingut sind. Es käme niemand auf die Idee, mit einem Spruch von Sokrates Geld zu machen. Warum soll man dann jetzt, in der kurzen Zeitspanne, wo ein Thema gerade aktuell ist, auf die absurde Idee kommen, hier finanziell noch etwas rauszuholen?

Die Monetarisierung des Immateriellen greift immer stärker um sich. Dabei lebt Kultur doch eigen- tlich davon, dass sie sich verbreitet, sich mixed, mashed und sampled und schliesslich Allgemeingut wird. Das Urheberrecht verhindert das doch?!

Es kann nicht im Sinne unserer Gesellschaft sein, dass sich Kultur aufgrund von Gesetz und Repression nicht mehr entwickeln kann und blockiert wird. Das ist eine tatsächlich vorhandene Gefahr.

Fordert die Piratenpartei deshalb eine «Befreiung der Kultur»?

Es kommt auf die Perspektive an. Aus der Sicht der Konsumenten ist Kultur nicht unfrei. Ich kann Bücher, Musik, Filme et cetera in der Schweiz problemlos konsumieren. Aber die Künstler sind nicht frei. Sie gehen Verträge mit Plattenfirmen oder mit der Suisa (Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik) ein, die das Geld für das Abspielen ihrer Lieder eintreiben, das ist gut und recht, die Künstler erhalten dadurch auch eine Altersvorsorge. Aber wenn ein Musiker Werbung für sein Album machen möchte und Promo-Tracks unter Creative Commons- Lizenzen auf dem Netz freigibt, ist das von der Suisa verboten. Das hat mit Urheberrecht nichts mehr zu tun. Eigentlich nimmt man den Urhebern das Recht weg, mit ihren eigenen Sachen noch etwas zu machen. Das wäre ein Teil der Befreiung der Kultur.

Wie wollt Ihr diese Befreiung bewerkstelligen?

Wir wollen weniger strenge Suisa-Auflagen. Aber ganz ehrlich? Im Moment würde die Suisa eh nicht mit uns reden. Auch sitzt in Bern bei Simonetta Sommaruga gerade die Agur12 zusammen. Eine Arbeitsgruppe, die die Urheber- rechte berät, Kulturschaffende sind dabei, Vertreter der Verwerterindustrie auch, nur wir leider nicht – obwohl wir es probiert haben.

Was könnt Ihr stattdessen tun?

Wir haben im September die Seite futureofmusic.ch ins Leben gerufen, wo wir zusammen mit Musikern und Plattenfirmen Ideen sammeln, wie man Musik fair unter die Leute bringen kann. Wir konnten hier klarmachen, dass wir es auch gerne hätten, wenn die Musiker entlöhnt würden.

Das heisst, die Piratenpartei kämpft eigentlich gar nicht gegen das Urheberrecht?

Nein, überhaupt nicht. Wenn ein Künstler ein Buch schreibt, eine Künstlerin Musik macht und ein dritter die Sachen produziert, dann haben sie alle Anspruch auf Abgeltung. Sie sollen und dürfen auch Geld mit ihrer Arbeit verdienen.

Dasselbe finden auch die Telekommunisten mit ihrer Forderung des «Copyfarleft»: Die Arbeit soll gewürdigt, Urheberin oder Urheber eines Werks entschädigt werden. Die Creative Commons gehen in diese Richtung, die mir die Option lassen, was ich mit meinem Werk machen möchte.

Leider ist es aber so, dass das nur funktioniert, wenn du alle Fäden in der Hand hast. Die Produzenten, die Verlage, sie alle müssen auch davon leben können, und dort beginnen solche Ansätze dann zu scheitern. Aber dieser kommunistische Ansatz ist ein Stück weit auch bei uns drin. Wir finden, dass alles, was die Allgemeinheit finanziert hat, auch der Allgemeinheit gehört. Beispielsweise wird das Institut für Landestopographie vom Steuerzahler finanziert, also haben wir das urheberrechtlich geschützte Kartenmaterial bezahlt und müssten es unentgeltlich brauchen dürfen. Man könnte sich auch auf den Standpunkt stellen, dass schon auf den Kauf eines MP3-Players Suisa-Gebühren geschlagen sind. Die vorgezogene Gebührenabgabe ist mittlerweilen schon bei fast allen Datenträgern drauf. Jetzt kommen dann vermutlich noch die Tablets. In der Frühlingssession wird das verhandelt. Im Moment ist es so, dass der Konsument teilweise zweifach, dreifach, vierfach zahlt.

Wenn schon jeder Konsument vorab bezahlt hat, könnte man auch mit Joost Smiers radikalem Ansatz leben, das Copyright ganz abzuschaffen.

Joost Smiers Ansatz geht davon aus, dass Kultur ein grundlegender Bestandteil unserer Gesellschaft ist und dass es nichts gibt, was nicht schon einmal hier gewesen wäre. Das heisst: Das eine baut auf dem anderen auf, und die Frage nach dem wirklichen Urheber kann gar nicht geklärt werden. Ein anderer Gedanke, der bei solchen radikalen Ansätzen auch oft mitschwingt, ist der, dass digitale Daten gar nicht gestohlen werden können. Du kannst nur eine Kopie klauen. Also entsteht eigentlich gar kein Verlust.

Gibt es Länder, in denen Smiers oder die Telekommunisten auf dem Vormarsch sind oder fechten sie auf verlorenen Posten?

Ich finde diese radikalen Ansätze gut, weil sie eine Diskussion anregen. Schliesslich werden sie sich aber wohl nicht durchsetzen können.

Das Internet hätte das Potential, ein Umdenken in den Menschen zu provozieren. Die Computermesse Cebit stand dieses Jahr unter dem Motto «Shareeconomy». Schon jetzt brauchen Leute ihre Lieder nicht mehr zu besitzen, sondern können sie jederzeit direkt aus der Cloud ziehen. Teilen statt besitzen: Kommt die nächste Revolution aus dem Netz?

Ich finde nicht, dass das Netz so sein muss. Überhaupt nicht. Es darf eine ganz kommerzielle Schiene fahren und zugleich eine teilende Seite haben. Diese Bandbreite von Kommerz bis Mash-up und dem gegenseitigen Austausch ohne finanzielle Gedanken dahinter – das ist das Schöne am Internet. Es soll frei und offen sein. Und was das Besitzen angeht, habe ich nicht das Gefühl, dass es heute wirklich um ein Teilen geht. Das Föteli deiner Grossmutter hast du früher nicht aus der Hand gegeben, weil es einmalig war. Heute kannst du es tausendfach weiterverbreiten. Es wird nicht geteilt, sondern kopiert.

Marcel Baur, 1971, ist Mitglied bei der Piratenpartei und kandidierte letzten September für das Stadtparlament St.Gallen.

 

Weiterführendes

«NZZ Campus» und das Bananenexperiment – Andreas Von Gunten widerlegt es hier

Das Manifest der Telekommunisten (engl. Sprache) (pdf)

Joost Smiers und Marieke Van Schijndel: Imagine there is no copyright and no cultural conglomorats too. An Essay(engl. Sprache) (pdf)

Lawrence Lessig: Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität (dt. Sprache) (pdf)

 

2 Kommentare zu Frei und Fair

  • barbara sagt:

    das ist krass, das übertrifft bald Kafkas wildeste Alpträume. Zum Glück machen immerhin die Piraten was dagegen.

    • Marcel Baur sagt:

      Danke für den Kommentar.
      Mir wäre es lieber, wenn auch die Kunst- speziell die Musikschaffenden etwas dagegen unternehmen würden. Es wäre in ihrem Sinne sich aus den Klauen des Urheberrechts zu befreien.

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