, 14. Januar 2016
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Freiheit bedeutet: Nichts zu verlieren. Und den Drogen abschwören.

Musik kann Leben retten. Bei Janis Joplin verlor der Blues am Schluss aber gegen das Heroin. Der Film Janis Little Girl Blue ist darum ein schillerndes Joplin-Porträt und Anti-Drogen-Plädoyer zugleich.

Die inneren Dämonen konnte Janis Joplin nur auf der Bühne vergessen. (Bild: Xenix Filmdistribution)

Janis Joplin ist Mitglied im Club 27, genau so wie Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Jim Morrison und Amy Winehouse: Musiker, die mit 27 Jahren an Alkohol, Heroin, Tabletten oder allem zusammen gestorben sind. Ein grosser Haufen verschwendeten Talents.

Wenn ich Hendrix höre, denke ich oft mit Bedauern an die Riffs, die er noch aus seiner Gitarre rausgeholt hätte. Mit ähnlichen Gedanken lässt mich der Dokumentarfilm Janis: Little Girl Blue zurück: Er zeichnet Joplins Entwicklung vom unsicheren Mädchen aus Texas zur weltweiten Königin des Blues-Rock nach. Und dann, auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung mit der Kozmic Blues Band, der Knall: Joplin stirbt 1970 mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin. Alleine, in einem Motelzimmer, zerfressen von Liebeskummer.

Die dunkle Seite und der heulende Blues

Weltschmerz an sich hat Joplin durch ihr kurzes Leben begleitet: Der Film enthüllt die dunkle Seite der Musikerin.

In der texanischen Kleinstadt Port Arthur, wo sie 1943 geboren wurde und aufwuchs, war Joplin eine Aussenseiterin, sie wurde wegen ihres Aussehens gehänselt. Für den Highschool-Abschlussball, die  prom night, wollte sie keiner. Mehr noch: Ein paar Idioten einer Studentenverbindung kürten sie später sogar zur Siegerin eines «Ugliest-Man-Contest». Das hat Joplin nachhaltig erschüttert, wie ein Musikerfreund im Film erzählt: «Es war das Traurigste, was ich je gesehen habe.»

Die Musik, genauer gesagt der heulende Blues, war ihr Ausweg: Mit 17 begann sie zu singen und tauchte schnell in die Bars und die Musikszene der nahen Grosstadt Austin ein. Bald folgte der Ausbruch aus dem bürgerlichen Elternhaus und eine Reise an die Westküste, schliesslich nach San Francisco. Dort fand Joplin mit ihrer unglaublichen Stimme schnell Anschluss in der Hippiekommune der 60er-Jahre, deren Symbolfigur sie später werden sollte.

Der Trailer zum Film:

Nach wilden Monaten in der kalifornischen Musik-Szene kehrte Joplin mit einem hartnäckigen Drogenproblem für kurze Zeit in ihr Elternhaus zurück. Ausserdem hatte sie Heiratspläne, doch ihre erste grosse Liebe liess sie wegen einer anderen sitzen. Ein harter Schlag für Joplin, die ein Leben lang von Selbstwertproblemen geplagt wurde.

Im Film wird das eindrücklich gezeigt, indem Janis Joplin quasi selber spricht: Immer wieder werden Briefe von ihr an ihre Familie, Freunde und Liebhaber aus dem Off vorgelesen. In diesen spricht sie über ihre Träume und Ängste.

Die Briefe liest eine andere starke Frau der US-Musikszene: Chan Marshall aka Cat Power, die ebenfalls aus den Südstaaten stammt. Das zeigt auch, dass Joplin als starke Frau in einer männderdominierten Musikszene bis heute eine Inspiration für Rocksängerinnen geblieben ist.

Joplin als Phänomen

Die Regisseurin Amy Berg investierte sieben Jahre in den Film und wühlte sich dabei nicht nur ins gut gefüllte Archiv: Sie spricht mit Musikern, die mit Joplin gespielt und getourt hatten, alten Freunden sowie ihren Geschwistern. Alle reden von der Freundin und Schwester als energiegeladenem Phänomen, als aussergewöhnlicher Mensch. «She liked rocking the boat and rocked the boat as often as she could», sagt etwa ihr Bruder Michael. Angetrieben wurde Joplin von der Suche nach Liebe und Freiheit. Ob sie die Freiheit als Bluesrock-Queen tatsächlich gefunden hat, ist fraglich: «Freedom’s just another word for nothing left to lose», singt sie zweideutig in ihrem Hit Me and Bobby McGee.

 

Neben der aussergewöhnlichen Janis Joplin ist die zerstörerische Macht der Drogen der rote Faden des Films: Joplin und ihre Freunde in der Hippie- und Musikerszene werden high, dann wieder clean und fragil glücklich – nur um erneut brutal abzustürzen.

Joplin, die in späten Aufnahmen sichtlich vom ungesunden Leben gezeichnet ist, setzte Alkohol und Heroin gegen den Schmerz und die innere Leere ein. Diese befielen sie, sobald sie die Bühne wieder verliess. «Sie hat nicht verstanden, dass die Verbindung mit dem Publikum nur vorübergehend ist. Danach ist man wieder allein», erinnert sich ein Mitmusiker im Film.

Einmal schrieb Joplin an ihre Eltern: «You can’t imagine how hard it is to be me.»

Dass zwischen 1966 und ihrem Tod mehrere Beziehungen mit Männern völlig unglücklich verliefen, trug zu Joplins Einsamkeit bei. Oft waren die Drogen der Faktor, der die Liebe unmöglich machte. So verbrachte Joplin ihre offenbar glücklichsten Monate mit dem Weltreisenden David Niehaus. Dieser verliess aber Joplin und die Westküste, weil er ihren selbstzerstörerischen Lebensstil nicht mehr aushielt, wie er im Film als gealterter Hippie erzählt.

 

 

Musikfilm oder Psychostudie?

Regisseurin Amy Berg hat für Janis: Little Girl Blue fleissig recherchiert, hat sie doch viele der noch lebenden Zeitzeugen von Joplin aufgespürt und unzählige verwackelte Konzertaufnahmen gesichtet. Dennoch gelingt es dem Film nicht, eine wirklich packende Geschichte zu erzählen – zu oft schlittert er zwischen Musikfilm, Psychostudie und Hippie-Ära-Forschung hin und her. Für die Nachgeborenen der Hippiezeit ist der Film aber auf jeden Fall interessant: Man erfährt viel über Joplin und hat dabei auch noch genug Gelegenheit, ihren extravaganten Gesangsstil zu bewundern.

 

 

 

Janis: Little Girl Blue. Premiere am Donnerstag, 14. Januar, im Kinok.

 

 

 

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