24. bis 26. Dezember
Es ist immer wieder schlicht überwältigend, irgendwo anzukommen, wo – im weitesten Sinn – die Uhren anders ticken. Wo einen die Bezüge zwischen den örtlichen Besonderheiten radikal in Knäuelform umgeben.
Eine erste Herausforderung bringt, nach erster Sinnesakklimatisation, der dritte Tag. Wir machen uns auf, unser Equipment zu vervollständigen. Im Kathmandu Jazz Conservatory warten ein Kontrabass und zwei Verstärker darauf, abgeholt zu werden. Also rein in die Stadt mit einem Taxi, der Adresse und einem Handy. Vielleicht liegt es ja daran, dass man sowieso alles speziell findet und darum extrem abgelenkt ist; das Ziel KJC jedenfalls ist nach mehreren Personenanfragen und Telefonaten an Taxifreundesfreunde erst nach schieren Verzweiflungs-Zufalls-Entdeckungen auffindbar.
Das Jazz Conservatory ist die oberste Etage eines vierstöckigen Gebäudes und wird von durchwegs jungen Enthusiasten geführt. Und hier wird, so ahnen wir mit offenen Ohren, so ziemlich alle Musik abseits der traditionellen Nepal-Musik gelehrt-gelernt-geprobt. Allenfalls mit Schwerpunkt Jazz. Eine Besichtigung, ein Bass-Test und ein Gespräch bei feinem Nepal-Café beschliesst unseren Deal zu Instrumentarium und Mietdauer. Der Taxifahrer wundert sich über die seltsame Riesen-Sitar, bringt aber alles, inklusive uns, in seinen kleinen Maruti-Suzuki. Und so geht es zurück ins Hauptquartier.
Impressionen vom Taxi-Fahren in Kathmandu.
27. bis 29. Dezember
Weitere Akklimatisation – Eindrücke sammeln – schön warm ist es am Nachmittag, augenblicklich kalt nach Sonnenuntergang.
Montagabend, Auftritt am traditionellen tibetischen Medizin-Kongress: Das ist ein spezielles Ambiente, im Umfeld der in ganz Südasien grössten buddhistischen Stupa Bouddhanat, in einem Saal innerhalb des Shechen Monastery, mit einem Publikum, angereist aus der halben Welt: Bhutan, Russland, Malaysia, Indien, Estland, Österreich, Schweiz, Appenzellerland – und natürlich Nepal selber. Hier spielen wir, ein einziges Mal in diesen Tagen in Kathmandu, zu einer Stummfilm-Projektion.
Und es ist soweit, die ersten technischen Widerhaken kratzen an unserem Set-up. Ein hässliches lautes Stromadapter-Frequenzen-Gedröhn zwingt Patrick zum trockenen effektlosen Bassspiel. Das ist für einmal nicht so schlimm, aber im Hinterkopf brennt es; eine Lösung muss dringend her für die weiteren Auftritte. Meine Geräte arbeiten hingegen tadellos. Aber es kommt abrupt, mit dem ersten Stromausfall werde auch ich aus den …tronics gekickt. Wir performen stur akustisch weiter in den stockdunklen Saal hinein. Das Publikum dankts mit Begeisterung.
30. Dezember
Heute geht es in das Bikalpa Art Center, für uns Ortsunkundige nicht gerade einfach zu finden, weil schwer abschätzbar, was der Name bedeuten könnte. Etwas versteckt treffen wir auf einen schönen offenen Hinterhof mit Palmen, eine halboffene Bar und das Eigentliche, ein paar verwinkelte geweisselte Wände und ein Dach. Das Center zeigt eine Ausstellung mit Bildern der lokalen Kunstszene. Und mittendrin dürfen wir uns plazieren.
Es wird nachtkühl bei circa 8 Grad. Diesmal sind es junge Kunstenthusiasten, sympathisch, aufrichtig, sehr hilfsbereit und offensichtlich gut vernetzt, wie wir im Anschluss feststellen. Das Publikum hört uns relativ verdutzt zu. Immerhin: Eine Filmcrew, Regisseur, Cutter und Produzent, direkt vom Schneideprozess kommend, findet an diesem Abend den gesuchten Soundtrack für ihren Film gefunden. Genre: Horrorfilm. «Hey, so spooky, absolut scary, exactly what we looked up…!» Tatsächlich ergaben sich aus diesem Konzert noch zwei weitere Kontakte.
31. Dezember
Einladung zum Silvester Dinner im Shambaling Hotel, das erste aussereuropäische Hotel, das mit dem schweizerischen Qualitätslabel Q1 ausgezeichnet wurde. Somit sind wir mit hoffnungsvoller Vorfreude eingestimmt auf eine wohltemperierte Arbeits-Umgebung. Wir werden mit weissen Kathas (Schärpen) im nach oben offenen Innenhof empfangen, schön getischt, mit brennenden Feuertöpfen und einer grossflächigen Gartenbühne. Nach feinem Essen und mit bedenklich schlotternden Beinen, nach traditionellen nepalesischen Volkstänzen und Tabla-Sarangi-Klängen, geben wir zwanzig Minuten «Fresh Sound from Switzerland». Alle stehen und hören gebannt dem seltsamen Kontrastprogramm zu. Danach geht der körperbewegende Teil der Party los.
Der Gig im Shambaling Hotel:
1. Januar
Früh aufstehen für eine ausgedehnte Rundtour ausserhalb der Stadt, auf den Spuren buddhistischer Mönche.
2. Januar
Was wir heute finden wollen, ist eine Location mit dem Namen «Base Camp»! Sie erweist sich als ein schmucker Club mit Palmfaserdach und Everest-Bühnenbild. Und es verschiebt sich zeitlich alles schön asiatisch um circa zwei Stunden. Viel Publikum und gute Stimmung. Wir geben unser Bestes. Das scheint eine gute Grundlage für die darauffolgende Jazz-Sängerin Martha, die mit ihrer leichten Stimme ihren melancholisch angehauchten Abschied aus Nepal besingt. Die Heimfahrt im klapprigen Maruti-Taxi beschleunigt nochmals unsere Herzfrequenz; der angeheiterte Taxi-Driver kurvt rasant über die zwar verkehrsfreien, aber schlagloch-perforierten Strassen.
3. Januar
Wir geben einen Workshop im Kathmandu Jazz Conservatory. Sind gespannt, wer kommt, wie das wird, und ob sich ein Zusammenspiel formiert. Um zwölf soll’s losgehen. Wir richten ein. Ein junger Mann bietet technische Hilfe an, scheint sich seiner Sache nicht so sicher zu sein. Zum wiederholten Mal steckt er die Boxen in die Verstärker-Inputs und versucht verzweifelt, die Mega-Rückkopplung zu eliminieren.
12.30 Uhr und keine Seele da. Enttäuschung schleicht sich ein. Sekunden vor dem Zusammenpacken kommt dann doch ein Dutzend junger Musiker mit Block und Pen. In einem «sounding by doing» erläutern wir unsere musikalische Vorgehensweise und laden sie zu einem Zusammenspiel ein. Ein Pianospieler wagt aktiv einzusteigen, alles andere als scheu. Am Abend geht es in einen Club mit Namen «House of Music». Das Lokal gehört einem nepalesischen Musiker, einem Hitlieferanten, heisst es. Einfach ist es nicht; betrunkene Nepali an der Bar sind ordentlich geschwätzig. Dennoch, der Mann am Mischpult meint zum Schluss unserer Vorstellung, er habe so etwas noch nie gehört.
4. Januar
Ein Meeting-Tag. Zwei ziemlich gegensätzliche Interessierte, die uns im «Bikalpa Art Center» gehört haben, wollen unabhängig voneinander ein weiteres Engagement vereinbaren. Zuerst treffen wir zwei Business-Typen, die uns bei ihrem monatlichen Freundesmeeting dabei haben wollen. Der eine trägt eine dicke hellblaue Daunenjacke mit ballonig abstehender Kapuze, bis oben zu, und dies am Nachmittag bei circa 18 Grad.
Wesentlich sympathischer danach dann das Treffen mit einem spartanisch lebenden Künstler. In seinem hellen grossen Atelier zeigt er uns seine malerischen Arbeiten, grossformatige Tableaus zwischen dunkler buddhistisch-symbolbeladener Figürlichkeit und freien bunten Pinselschwingungen. Nach dem Gespräch bei Masala-Tea führt er uns kreuz und quer durch Gassen und Quartiere zum Mandala-Theater. Nach kurzem Vorstellungsgespräch mit einem dortigen Theater-Mann steht fest: Sie haben tatsächlich eine terminliche Lücke freigemacht für ein Konzert nächsten Donnerstag. Ein elffingriger Taxifahrer bringt uns wieder in unser geliebtes Quartier Bouddhanat, zu Momos und frittierten Cheese-Balls. Wobei mich ein angeworfener fiebriger Blitzkatarrh in die Federn wirft.
5. Januar
Day off. Verschiebung eines Gigs auf Dienstag. Katarrh auf der Terrasse ausdösen.
Und noch mehr Sound vom Gig im Shambaling Hotel:
Teil zwei wird am Sonntag auf saiten.ch veröffentlicht.
Konzertdaten und mehr auf dem Nomadton-Blog.
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