Freude am Machen
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Zum Auftakt eine Gigampfi. Reduziert, minimalistisch und ohne Titel, doch ausreichend, um die Kraft der Kunst, den Geist des Künstlers, seine Freude am Machen exemplarisch erlebbar zu machen: Ein roter, rechteckiger Körper unterhalb, drei identische Körper oberhalb einer weiss gestrichenen Holzlatte definieren ein Malerei-Objekt, das an ein Wippe-Modell erinnern mag. Es weckt Lust näherzutreten, zu spielen, die Balance zu ändern.
Gleichzeitig ist die Setzung überaus präzise. Nicht der Abbildcharakter steht im Vordergrund, sondern die Materialität. Der weisse, bodennahe Sockel definiert den Raum und gebietet Distanz. Bei den roten Körpern handelt es sich, das gibt die Inschrift auf dem roh belassenen Boden preis, um Behälter für Tuben, «feine Künstler-Ölfarbe», «Zinnoberrot dunkel». Es ist nicht die Farbe, mit der Urs Frei die Seitenwände der Kartonbox bemalt hat, er verwendete dazu kommune rote Acrylfarbe.
Frühe Förderung aus St.Gallen
Das Bodenobjekt ist Teil der Sammlung des Kunstzeughauses in Rapperswil-Jona, die ihrerseits durch die Sammlung von Elisabeth und Peter Bosshard gespiesen ist. Das Rapperswiler Sammlerpaar erwarb oft in der Galerie Bob Gysin Kunst. Bob Gysin gehört zu Freis frühen Förderern und widmete ihm 1988 als erster eine Einzelausstellung. Das Kunstzeughaus zeigte im vergangenen Jahr unter dem bezeichnenden Titel «Es ist sehr schön, was du gemacht h…» Werke von Urs Frei im Dialog mit Werken von Matthias Bosshart (*1950) und Adrian Schiess (*1959). Die Ausstellung war vom Künstler mitentwickelt, wurde dann aber zur ersten posthumen Wiederbegegnung mit seinem Werk.
Zurück ins Kunstmuseum St.Gallen – und weiter mit etwas Sammlungsgeschichte. Ein schlank aufragendes Objekt auf derselben Bodensockelplatte definiert den Raum in der Vertikalen, ein Holzstab in einem Glas, lachs-orange mit Acryl opak bemalt. Das Objekt an der Wand dahinter bestätigt augenscheinlich den ebenso unkonventionellen wie naheliegenden Umgang mit Material, Farbe, Raum: Eine in Blau und Gelb bemalte Metallschiene ist brachial abfallcontainerkonform zusammengefaltet und steckt in zwei Blechdosen fest.
Es entstand 1988 und ist Teil der ehemaligen Sammlung Ricke, die vor genau zwanzig Jahren von den Kunstmuseen St.Gallen, Liechtenstein und dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main gemeinsam und integral erworben wurde. Der Kölner Galerist Rolf Ricke förderte und vermittelte seit den 1960er-Jahren zeitgenössische Kunst, brachte die amerikanischen Postminimal Art und Process Art nach Europa, vertrat auch eine jüngere Generation dieser Ausrichtungen wie Jessica Stockholder, Steven Parrino, Adrian Schiess und eben Urs Frei.
«Urs Frei. A – Z» schliesst lückenlos an das in den vergangenen vierzig Jahren aufgebaute Profil des Kunstmuseums St.Gallen an. Das Kuratoren-Team, Henna Keski-Mäenpää vom Kunstmuseum und Christoph Schenker, freier Kurator und Urs-Frei-Experte, bezieht sich direkt darauf, etwa wenn das mehrbauchige, rote Kissenobjekt, 1994 vom Kunstmuseum erworben, an genau derselben Stelle hängt wie 2005, als mit «Sweet Temptations. Dialoge mit der Sammlung Rolf Ricke» die ausserordentlichen Neuzugänge präsentiert wurden. Die Frische der Farben und der Schalk der Materialität – gestopfte, mit Schnur abgebundene und mit Lack- oder Acrylfarbe angemalten Stoffsäcke – verblüffen noch immer.
Die Schönheit von Weggelegtem erkennen
Bereits die erste Atelierausstellung 1981/82 an der Leutholdstrasse in Zürich weist für Urs Freis Kunst spezifische Eigenschaften auf. Sie ist in St.Gallen als Koje mit den noch vorhandenen Werken rekonstruiert. Urs Frei hatte die Ausbildung zum Kaufmann abgeschlossen, mietete 1977 ein Kelleratelier, spazierte viel durch die Stadt und an Baustellen vorbei, beobachtete, dokumentierte, sammelte und bearbeitete Liegengebliebenes. Nicht das Makellose interessierte ihn, sondern die Spuren der Herstellung, des Gebrauchs, das Weggeworfene. Akkurat ausgelegt oder gehängt fordern sie unsere Aufmerksamkeit und Wertschätzung ein und überzeugen mit einem untrüglichen Sinn für das Zusammenspiel von Form, Farbe, Raum.
1982 entschied sich Urs Frei für ein Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste Städelschule in Frankfurt, von 1984 bis 1987 lebte er in Wien und 1989 im Rahmen eines Stipendiums in New York City. Anschliessend und bis zu seinem frühen Tod dann wieder Zürich, mit Atelierraum an der Wuhrstrasse.
Die eigen- und einzigartige Position ist besonders gut im Oberlichtsaal des Kunstmuseums zu erleben, mit zahlreichen hängenden, liegenden, gebogenen, verklebten, gebundenen Malereiobjekten. Urs Frei hat alltägliche Materialien rezykliert, immer weiter verändert, lebendig gehalten und die Werke dadurch dem Markt ein stückweit entzogen. Nicht das Endprodukt interessierte ihn, sondern der Weg dorthin, das Situative, die Fragilität, der Kreislauf. Das macht sein Schaffen gerade heute wieder aktuell, auch für eine jüngere Künstler:innengeneration.
1997 vertrat Urs Frei die Schweiz an der Biennale Venedig in der Kirche San Staë – und stiess mit seiner radikalen, ausufernden Installation im barocken Kircheninnern selbst langjährige Fördererinnen und Freunde vor den Kopf. Gut möglich, dass er damals in aller Konsequenz die Nonchalance, das Unbekümmerte, die Freude als Widerstand und Verweigerung, das zu seinem Schaffen gehört, dem makellosen Biennale-Publikum vorführen wollte.
Im Dezember 2022, wenige Wochen vor seinem Tod, lud Urs Frei zu einer weiteren Atelierausstellung ein – in St.Gallen als weitere Koje rekonstruiert. Auch wenn vermehrt Leinwände, Holzplatten, Karton als Farbträger auftauchen, bleibt der Umgang experimentell, den Resonanzraum von Farbe erforschend, Grenzen und Konventionen überwindend. Ovale Donut-ähnliche Formen sind mit Schraubenziehern oder Ahlen an der Wand befestigt. Eine weisse Null hat auf einem Sessel-Objekt Platz genommen und schaut sich entspannt die Ausstellung an. Das muss der Künstler sein. Vielleicht überlegt er gerade, wie es weiter gehen könnte.
«Urs Frei. A – Z»: bis Sonntag, 13. September 2026, Kunstmuseum St. Gallen.
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