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Für einen Moment berührt

Szene aus der Performance im Kult X (Bild: pd/Martin Schweingruber)

Szene aus der Performance im Kult X (Bild: pd/Martin Schweingruber)

Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen. 

Ei­ne Am­sel träl­lert ihr Lied vom Baum. Der Wind rauscht leicht durchs Ge­büsch, das Was­ser des Teichs ist fast schwarz. Es ist ru­hig und fried­lich. Ei­ner der Mo­men­te, in de­nen man mal wie­der merkt, wie schön es auf der Welt sein kann – wäh­rend gleich­zei­tig ge­fühlt al­les den Bach run­ter­geht. 

Dass wir Men­schen heu­te sel­ten ein­fach im Mo­ment sind, er­klärt die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann in ih­rem schat­ti­gen Gar­ten in Kreuz­lin­gen sit­zend. Vie­les ver­la­ge­re sich in den di­gi­ta­len Raum, wo Nä­he ober­fläch­lich und Er­le­ben si­mu­liert sei. Im­mer we­ni­ger ste­he man im di­rek­ten Aus­tausch mit den Mit­men­schen. 

Hin­zu kom­me die von Kri­sen ge­präg­te Welt­la­ge, die her­aus­for­de­re und uns, viel­leicht aus Selbst­schutz, emo­tio­nal ab­stump­fen las­se. Stuhl­mann stellt fest: «Un­ser Le­ben ist ge­prägt von der Ab­we­sen­heit des Kör­pers.» Be­rüh­run­gen, ob emo­tio­na­le oder kör­per­li­che, sei­en vie­len heu­te zu­wi­der. «Da­bei ist der Mensch im Grun­de ein so­zia­les We­sen. Er braucht Be­rüh­rung und muss sich be­rüh­ren las­sen.»

Mit Da.Sein. Ein Ge­sell­schafts­spiel tas­tet sich Stuhl­mann an ver­schie­de­ne Be­rüh­rungs­wei­sen her­an: kör­per­li­che ge­nau­so wie emo­tio­na­le. Wenn man so will, ist die Per­for­mance al­so ein Plä­doy­er für das Da­sein. Es geht um das be­wuss­te Spü­ren. Das Er­le­ben des Mo­ments, mit je­der Fa­ser des Kör­pers. Da­mit reiht sich das Kunst­pro­jekt naht­los in die Sein-Se­rie der Künst­le­rin ein. In die­ser hat sie sich be­reits mit dem Tod (Tod.Sein) und an­de­ren, gros­sen Fra­gen der Mensch­heit be­schäf­tigt (Mensch.Sein).

Blin­de Kuh und Stil­le Post

An­fang Mai ha­ben Stuhl­mann und ihr in­klu­si­ves En­sem­ble aus 15 Ama­teur­tän­zer:in­nen die Per­for­mance im Kult X in Kreuz­lin­gen zum ers­ten Mal der Öf­fent­lich­keit ge­zeigt. Ei­ne «In­sel für zwei Stun­den» in der hek­ti­schen, ent­kör­per­lich­ten Welt, wie sie er­klärt. Zen­tral sei da­bei die Ein­bin­dung des Pu­bli­kums in die In­sze­nie­rung. Die­se er­fol­ge vom ers­ten Mo­ment an, näm­lich mit ei­nem Be­grüs­sungs­ri­tu­al. An­schlies­send ver­tei­le ei­ne Per­for­men­de mit ei­nem Ser­vice­wa­gen Goo­dies ans Pu­bli­kum. Hap­ti­sche Ob­jek­te zum Bei­spiel, oder Schnäps­li – mit und oh­ne Al­ko­hol. 

 

Aus der Performance Da.Sein (Bild: pd/Martin Schweingruber)

Aus der Performance Da.Sein (Bild: pd/Martin Schweingruber)

Auf sub­ti­le Art «ver­führt» die Per­for­mance das Pu­bli­kum zum Par­ti­zi­pie­ren, oder zum «Spie­len», wie die Künst­le­rin sagt. Oh­ne­hin ist das Spie­le­ri­sche mehr als ein ver­heis­sungs­vol­ler Un­ter­ti­tel: Es steht im Zen­trum der Per­for­mance, aber nicht nur, denn: «So­bald wir mit an­de­ren Men­schen in Kon­takt ge­hen, ist es ein Spiel.» Nichts wei­ter als das sei­en näm­lich un­se­re ge­sell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen, die vor­ge­ben, wie wir uns in ver­schie­de­nen Si­tua­tio­nen ver­hal­ten.

Über das Spie­le­ri­sche be­grei­fen wir laut Stuhl­mann erst der Zu­gang zur Welt: «Das Spiel ist ei­ne Grund­vor­aus­set­zung für je­des schöp­fe­ri­sche Tun und da­für, wie wir uns die Welt zu­gäng­lich ma­chen.» So flies­sen ver­schie­de­ne Kin­der­spie­le in die Per­for­mance ein. «Die sind je­doch ver­frem­det, so­dass man sie nicht gleich er­kennt.» Wer dar­auf ach­te, se­he viel­leicht Aspek­te, die an Blin­de Kuh oder Ochs am Berg (hier­zu­lan­de bes­ser be­kannt als Son­ne, Mond und Stern) er­in­nern. Of­fen­sicht­li­cher sei es bei der Stil­len Post. Das ist das Flüs­ter­spiel, bei dem ein Satz von ei­nem Ohr ins nächs­te ge­flüs­tert wird. Am En­de kommt sel­ten das raus, was am An­fang stand. 

Be­rüh­ren auf meh­re­ren Ebe­nen

«Spie­le­ri­sche und sub­ti­le Ele­men­te er­mög­li­chen fast selbst­ver­ständ­lich die Par­ti­zi­pa­ti­on des Pu­bli­kums. Die­se geht nebst ei­ner kör­per­li­chen Ak­ti­vie­rung oft auch mit ei­ner ge­wis­sen Emo­tio­na­li­tät ein­her», be­schreibt Stuhl­mann die Per­for­mance. Be­son­ders fass­bar sei das beim «Speak-Da­ting», wo sich zwei Men­schen für we­ni­ge Mi­nu­ten zu ei­nem be­stimm­ten The­ma aus­tau­schen. «Da­mit bre­chen wir un­se­re Ge­sprächs­nor­men auf. Es ist fas­zi­nie­rend zu be­ob­ach­ten, wie leicht es den Men­schen fällt, sich für ei­nen Mo­ment voll­kom­men auf ihr Ge­gen­über ein­zu­las­sen.» Vom ober­fläch­li­chen Small Talk al­so di­rekt zum Deep-Talk, und das mit völ­lig Frem­den. 

Nach der Per­for­mance im Kult X hat Stuhl­mann ein po­si­ti­ves Re­sü­mee ge­zo­gen. Es sei für vie­le der Per­for­men­den das ers­te Mal über­haupt ge­we­sen, ein par­ti­zi­pa­ti­ves Stück um­zu­set­zen. «Die­ses Par­ti­zi­pa­ti­ve ist nicht nur für Ama­teur:in­nen im­mer ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung. Man weiss nie, wie das Pu­bli­kum re­agiert.» 

Abgeschlossen ist Da.Sein aber noch nicht: Die nächste Station ist der öffentliche Workshop Deep Dive Da.Sein im St.Galler Pool – Raum für Kultur. Da freut sich Stuhlmann auf neue Teilnehmende, die einen frischen Blick auf die Thematik mitbringen. Fundamentale Änderungen am Kunstprojekt werde der Workshop aber nicht anstossen. «Die Performance hat eine feste Grundstruktur, aus der sich die Dramaturgie ergibt. Das bleibt unverändert.» Für kleinere Anpassungen sei sie aber durchaus offen. 

Die finale Performance zeigen Stuhlmann und ihr Ensemble dann Ende Juni im Apollo in Kreuzlingen. Ziel dieser künstlerischen Praxis sei es, Menschen mit der Performance zur Teilhabe anzuregen und in den Moment zu holen. Im Idealfall, so Stuhlmann, lasse sich das Publikum von der Performance berühren. Aber: «Ich habe nicht die Erwartung, mit diesem Projekt einen grundlegenden Sinneswandel in jemandem anzustossen. Und sind es nicht die kleinen, oft alltäglichen Dinge, die Veränderungen herbeiführen?»

Die Künstlerin Micha Stuhlmann (Bild: pd)

Die Künstlerin Micha Stuhlmann (Bild: pd)

Mi­cha Stuhl­mann – Da.Sein. Ein Ge­sell­schafts­spiel: Work­shop am Sonn­tag, 7. Ju­ni, 11 Uhr, Pool – Raum für Kul­tur (An­mel­dung nö­tig); Fi­na­le am Frei­tag, 26. Ju­ni, 20 Uhr, Kul­tur­haus Apol­lo, Kreuz­lin­gen.

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