, 25. Mai 2022
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«Für mehr Gerechtigkeit den Humus bereiten»

Früher konnte man am Sozial- und Umweltforum Ostschweiz unter anderem lernen, wie man an Demos die Polizei austrickst. Heute hat die Polizei selber einen Stand. Ein Gespräch mit Dani Untersee über das neue, grössere SUFO.

Kinderfreundliches Sozial- und Umweltforum Ostschweiz 2022: Dani Untersee vom SUFO-Trägerverein mit Tochter Lena, die auch mit aufs Bild wollte. (Bild: Andri Bösch)

Saiten: Wie kommst du zum SUFO?

Dani Untersee: Als Co-Regionalleiter von Public Eye (früher: Erklärung von Bern) ist mir das SUFO wichtig, seit ich es kenne. Wir haben hier regelmässig Workshops angeboten. Letztmals hat das SUFO 2019 stattgefunden, und gleichzeitig stand es wegen Personalmangel wieder einmal kurz vor dem Aus. Im Workshop um die Frage, wie wir aus der Tradition belästigender Standaktionen ausbrechen könnten, wurde uns kollektiv bewusst, dass im SUFO das Potential für eine Art Bildungs-Fest für alle steckt. So gleisten wir alles neu auf.

Und dann kam Corona.

Im Nachhinein betrachtet war das fürs SUFO nicht so schlecht. Mit dem ausgebremsten Jahrgang 2020 hatten wir eine Hauptprobe ohne Premiere. Natürlich hat das auch Frust verursacht. Aber Corona hat uns Zeit verschafft, klare Strukturen zu schaffen und darüber nachzudenken, was das Sozial- und Umweltforum will, soll und kann.

Was wird neu?

Sozial- und Umweltforum Ostschweiz: 28. Mai, 10 bis 17 Uhr, auf und neben dem Gallusplatz St.Gallen

Schnippeldisco: 27. Mai, 13 bis 15 Uhr, Bärenplatz St.Gallen

Infos, Programm und (freiwillige) Anmeldung für die Atelier-Teilnahme: sufohebtab.ch

Das SUFO soll raus aus den Schulzimmern. Wir wollen mehr konkretes Zusammenwirken und weniger Powerpoint. Es soll nicht nur ein Bildungs-, sondern unbedingt auch ein Kulturanlass sein. Neu findet es im Klosterquartier rund um den Gallusplatz statt. Die diversen Organisationen, die teils schon früher und teils auch neu dabei sind, betreiben Denk-, Wirk-, Info-Stände und bieten etwa 30 verschiedene einstündige Ateliers an. Gerold Huber vom Kleintheater «Rosis Wirbelwind» platziert seine charmanten Wohnwägeli überall auf dem Festplatz. Es wird zwischen den drei Atelierblöcken Strassenmusik erklingen, jede Viertelstunde ein anderer Stil. Alle Leute, die sich am SUFO engagieren, tun das freiwillig und in freundschaftlicher Weise. Es gibt keine Gagen und keine Verkaufsstände.

Aber Verpflegung gibt es?

Ja, natürlich, und alle sind eingeladen. Zu trinken gibts, was vor dem Foodwaste bewahrt werden kann, wahrscheinlich Süssmost, und sonst halt unser gutes Wasser. Unter Anleitung des Kochkollektivs aus Zürich wird frisches überschüssiges Gemüse von Grosslieferanten in feine vegetarische Menüs verwandelt. Am Freitag vor dem SUFO wird dazu auf dem Bärenplatz eine gemeinschaftliche Schnippeldisco organisiert, wo man spontan Gemüse mitrüsten kann. Einfach ein eigenes Messer mitbringen.

Da wird sich die Polizei aber freuen, über den Aufruf, sich mit Messern in der Stadt zu versammeln…

Darum steht auf dem Flyer auch «Rüstwerkzeug». Unser Verhältnis zur Polizei ist hervorragend. Sie wird sogar selber mit einem Stand am SUFO vertreten sein. Ist das nicht grandios?

Früher wäre das undenkbar gewesen. Am SUFO gab es
auch schon Workshops, wo man lernte, wie man die Polizei an Demos austrickst.

Davon habe ich auch schon gehört. Wir alle mögen unsere eigenen Vorurteile und Feindbilder. Sie sind halt unterhaltsam und auch bequem. Weiter bringt uns das als Gesellschaft aber nicht. Es muss zusammen funktionieren. Das ist unter vielen Beteiligten ganz schön anstrengend. Einen würdevollen Umgang miteinander finden, rote Linien verhandeln… Wir haben schon auch mit der Polizei gerungen, bis das Atelier definitiv stand: «Polizei – Bünzlige Verhinderin oder Garantin für friedliches Zusammenleben?» Wir stehen voll zu dieser Partnerschaft. Und ja, das SUFO ist definitiv weniger aktivistisch als auch schon, und das ist gut so.

Sagt der Public-Eye-Aktivist?

Ja. Aktivismus ist gut und wichtig, trägt aber leider auch ein erhebliches Abschreckungspotential in sich. Wenn du in direkter Konfrontation zum Depp gestempelt wirst, macht dich das nicht interessierter und offener. Das SUFO geht einen anderen Weg. Am Forum geschieht der Austausch von Gedanken und Ideen auf freundschaftlicher Grundlage. Übrigens bin ich als Akkordeonbauer und -spieler ja auch Kulturschaffender. Ich stelle fest, dass es lustiger ist, unter Kulturschaffenden zu streiten als unter sogenannten Aktivist:innen. Vielleicht weil Kulturschaffende Gegensätze besser aushalten könne oder schlicht, weil in der Bezeichnung Aktivismus – ähnlich wie beim sogenannten Gutmenschentum – oft eine Portion Häme mitschwingt. Da kann der Humor schnell verloren gehen.

Andere Aktivist:innen dürften dir Bünzligkeit, vielleicht sogar Schwäche vorwerfen.

Ich habe grosse Achtung vor allen engagierten Menschen. Und mit solchen Vorwürfen kann ich gut leben. Wichtig ist, und das hat die Pandemie verdeutlicht, dass man in Kontakt bleibt. Die Gesprächskultur und der aufrichtige Wille, nach Lösungen zu suchen, hat in den vergangenen Jahren nicht nur beim politischen Lieblingsgegner gelitten.

Retten nette Gespräche die Welt?

Natürlich kann das SUFO nicht die Welt retten. Aber es geht schon in die richtige Richtung. Wir erfinden uns dazu nicht wirklich neu. Die grossen sozialen und ökologischen Themen standen von Anfang an im Zentrum. Das SUFO 2022 soll aber offener, einladender, breiter gefasst sein, und ganz wichtig: Es soll Spass machen. Wir sind kein Politanlass mit Resolution oder Parolen. Das machen andere besser. Wir verzichten auch komplett auf Ansprachen. Mit geschickter und durchdachter Organisation im Vorfeld, gemeinsam mit vielen Helfer:innen auf Platz, wollen wir etwas Gehaltvolles, Gutes gedeihen lassen, das uns allen Lust auf Zukunft macht.

Tret-Karrussel, Schnippeldisco, Kreislauf-Büechli basteln, SUFO-Örgeli bauen, Weidenflötli schnitzen – zumindest die machoideren Teile der Bewegungen werden dem kinderfreundlichen SUFO dieses Jahr wohl fernbleiben.

Das wäre schade, wir freuen uns auf alle Besucher:innen, selbst jene, die uns einfach beim Scheitern zusehen wollen. Denn diese Möglichkeit besteht natürlich immer, dessen sind wir uns bewusst. Man kann uns ja auch als Haufen von Fantast:innen sehen – von vielen, ganz verschiedenen, gut zusammenarbeitenden und freundlichen Fantast:innen, wohlgemerkt. Mir darf man übrigens gerne vorwerfen, ich sei ein Kindskopf. Das passiert mir immer wieder. Immerhin wäre das schon mal eine Ausgangslage für ein Gespräch über kindliche Blickwinkel, mit denen ich mich sehr gerne auseinandersetze. Unser erklärtes Ziel ist es, selbst den Missgünstigen ein Lächeln zu entlocken, wenn sie den Gallusplatz betreten.

Gewisse Kreise waren schon immer gegen die seichteren Themen am Sufo.

Von Arne Engeli habe ich kürzlich gelesen, dass Frieden die Frucht von Gerechtigkeit ist. In seinem botanischen Bild bleibend, möchte ich ergänzen, dass Gerechtigkeit ein filigran verwobenes Wurzelwerk zur Versorgung braucht. Für einige dieser feinen Wurzelfasern möchten wir mit dem SUFO den Humus bereiten. Das Kriegsgeschehen in der Ukraine ist wirklich schwer zu ertragen. Gespräche dazu werden sich ergeben, nicht nur im Atelier des Roten Kreuzes oder mit Peace Watch, sondern auch beim gemeinsamen Gärtnern. Schön wäre natürlich, wenn sich auf dem Gallusplatz zu unserer bunten Vielfalt auch Ukrainer:innen und Russ:innen gesellen würden.

Du betonst das unentgeltliche und freundschaftliche Engagement der Teilnehmenden. Steckt das SUFO in finanziellen Schwierigkeiten, wie damals 2018, als der Kanton seinen Beitrag plötzlich gestrichen hat?

Nein, wir haben aktuell keine Geldprobleme. Wir wollen einfach die Geldlogik möglichst aus dem Festtag raushalten. Es geht ums Gemeinschaftliche. Das würde unter Honoraren, die eh zu klein ausfallen müssten, nur leiden. Aber natürlich kommt auch das SUFO nicht ohne Geld aus, für die Infrastruktur, die Stände, das Geschirr, das Kompost-WC, das Karussell etc. Dafür haben wir vor einem Jahr den Trägerverein gegründet.

Früher mussten auch schon Interessierte wieder vom SUFO ausgeladen werden, wenn sie zum Beispiel krude Verschwörungstheorien verbreiten wollten. Wo zieht das erste SUFO seit Corona die rote Linie?

Wir suchen das Gespräch im Vorfeld mit allen beteiligten Partner:innen. Das ist sehr aufwändig, aber wichtig.
Ich persönlich habe gelernt einzustecken und habe oft Verständnis für Frust und Wut. Der Brückenschlag hat immer wieder zu schönen persönlichen Begegnungen, ja sogar zu langjährigen Freundschaften geführt. Deswegen sind wir uns aber noch lange nicht einig und können herzhaft streiten, uns abgrenzen, aber auch schmunzeln.

Mehrere Mitorganisierende fühlten sich plötzlich ausgebrannt oder glaubten nicht mehr an den Gegenwert der grossen Vorarbeit. Andere machten trotz gegensätzlicher Ansichten weiter, und es ist doch noch etwas Gemeinsames gewachsen. Die rote Linie ergibt sich aus den Grundwerten des SUFO, die in den öffentlichen Statuten festgeschrieben sind: Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit, Partizipation und Verantwortlichkeit, Freundlichkeit und Solidarität, Achtsamkeit und Respekt, Gewaltlosigkeit und Frieden. Darunter gehts nicht.

Dani Untersee, 1977, ist Instrumentenbauer, Primarlehrer, Pädagoge und Vater von vier Töchtern. Zusammen mit seinem Vater Marco und seinem Bruder Philippe entwickelt und baut er im Kulturverein Akkordeonwerkstatt in Rorschach Handorgeln. Er ist langjähriger Co-Leiter der Public Eye Regionalgruppe Ostschweiz und neben Elke Gerber und Gabriela Bürkler eines der drei Gründungsmitglieder des neuen SUFO-Trägervereins.

1 Kommentar zu «Für mehr Gerechtigkeit den Humus bereiten»

  • mat sagt:

    Ich wollte erst gar nicht ans Sufo, weil selbst eh schon in dieser Bubble, also wenig Neues. Dann führte mich mein Weg um noch schnell einzukaufen doch am Gallusplatz vorbei und ich blieb hängen: Was für ein wunderschöner Anlass: Kunterbunt, friedliche Stimmung, schöne Menschen, einfaches gutes Essen…so könnte Leben aussehen. Gerne wieder (auf dem Gallusplatz)!
    Herzlichen Dank den Menschen die das möglich machten.

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