, 30. Dezember 2014
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Für rauhe Nächte: Gute Bücher

Büchergutscheine gekriegt? Sofort investieren – am besten in Ostschweizer Literatur, denn Autorinnen und Buchhandlungen müssen auch leben, und so viel Zeit zum Lesen wie in den rauhen Nächten bleibt sonst nie.

2014 war ein gutes Literatur-Jahr für die Ostschweiz. Und das nächste wird vielleicht noch besser – zumindest institutionell: Ende Februar geht das Bibliotheksprovisorium in der Hauptpost auf, und Ende März lanciert die St.Galler Verlagsgenossenschaft VGS ihre neue Edition Literatur Ostschweiz mit dem Erzählband Durstland von Monika Slamanig.

Bis dahin müssen wir aber auch nicht auf den Büchergutscheinen hocken bleiben, die man uns zu Weihnachten erfreulicherweise geschenkt hat. Hier ein paar Argumente für Belletristik von Autorinnen und Autoren, die erst noch mehr oder weniger Berührungspunkte zu Saiten haben.

 

Angesogen, ausgespien – Kelters politische Lyrik

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Jochen Kelter (Bild: pd).

Lyrik vorneweg: Schon vom Titel her springt der Gedichtband Hier nicht wo alles herrscht von Jochen Kelter ins Auge. «Hier nicht» könnte im Kelter’schen Fall auch heissen: «Mit mir nicht». Kelter, in Ermatingen und zum Teil in Paris wohnhaft, ist ein entschieden politischer und zeitkritischer Autor – da kann es schon mal vorkommen, dass «Köppel und Schawinsky / (die beiden Rogers) / Hand in Hand» Eingang in ein Gedicht finden. Anlass dazu ist die Abdankungsfeier für Hugo Loetscher im Zürcher Grossmünster, die Kelter in Versform rapportiert. Und zum giftigen Schluss kommt: «der Apéro ist von / der Stadt spendiert wir / gehen bald zum Cüpli / der Sommer endet jetzt / der Mann ist beigesetzt».

Die Themen der zu  zehn Siebnergruppen geordneten Gedichte sind gewichtig, das Spektrum der Emotionen zwischen Glück und Wut ist weit, der Horizont reicht von Hochleistungsmedizin (im Gedicht Gesundheitsvorsorge) oder der Flüchtlingspolitik (Migration, mählich) bis zum mahnenden Erinnern an die Weltkriege (Aus zweiter Hand, Wannsee, 6. August). Der vielgereiste Autor reflektiert den Nahostkonflikt («Was können die Kinder / in Gaza dafür dass ihre Führer / dass die Führer ihrer Eltern / dass die Führer ihrer Grosseltern / mit dem Hirn im Mittelalter / stecken mit dem Herz in der Ehre / vermodern mit dem Fühlen / ihren Gotteskrieg suchen…»). Oder er schildert das Schicksal der Wanderarbeiter in einem Gedicht mit dem scheinbar harmlosen Titel Reisen im Süden:

 

Auf die Apfelernte

in Lérida im katalanischen

Hinterland im Oktober folgt

 

Die Orangenernte unten

in Valencia im November

kommt die Aceituna

 

In Jaen: Olivenernte in

Andalusien im Dezember

und nach einer Pause (seht

 

wo ihr bleibt) geht es im

Februar nach Huelva Erdbeeren

pflücken in Valencia

 

Hat es die Orangen verhagelt

in Jaen brauchen sie keine

Malier Algerier, Ivorianer

 

Angesogen ausgespien

aus kalten nicht bezahlten

Zimmern weitergestossen

 

Auf der traurigen Strasse

die immer nach Süden

und ins Nirgendwo führt

Dazwischen finden sich aber auch Naturbilder, Pariser Stadtimpressionen, musikalische Zeilen oder, immer wieder, bedenkenswerte Bilder vom Älterwerden. Kelters gehämmerte Verse reden, wie es der Titel eines der Gedichte passend zusammenfasst, mit gleichermassen packendem Tonfall Vom Sommer von der Liebe vom tätigen Leben. Leichte Kost sind sie allerdings nie. (Weissbooks Verlag Frankfurt, Fr. 27.90).

 

Gedicht-Pingpong

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Claire Plassard (Bild: Michael Wiederstein).

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Florian Vetsch (Bild: Ira Cohen).

Lyrik im Doppel legen Florian Vetsch und Claire Plassard, beide der Saiten-Leserschaft wohlbekannt, im Band Steinwürfe ins Lichtaug vor. Die beiden (Lehrer und Ex-Schülerin, Jahrgang 1960 beziehungsweise 1990) haben sich über zwei Jahre hinweg Gedicht-Pingpong-Bälle zugespielt, je 32. Ein Stichwort gibt das nächste, die Assoziationen sind teils naheliegend, teils kryptisch, der Unterhaltungswert ist, zumindest für Lyrik, bemerkenswert hoch. Entsprechend launig würdigt im Nachwort Felix Philipp Ingold, eine der grossen Stimmen schweizerisch welthaltiger Lyrik, die «doppelte Tagebuchführung» der beiden. Und stellt unter anderem amüsiert fest, dass Plassard offensichtlich am Schreibtisch schreibt und ihre Texte «sichtlich strenger» bearbeitet als ihr Korrespondent, «der seine Verse wohl eher irgendwo unterwegs auf dem rechten Knie oder in einer Bar auf dem erstbesten Bierdeckel notiert».

Wo auch immer entstanden: Die lyrischen Steinwürfe sind samt Nachwort lesenswert und erst noch wohlfeil (Moloko Print Pretzien, Fr. 17.50). Hier ein Pingpong-Ball von Claire Plassard, betitelt mit «Akrostichon auf den sicheren Wert» und datiert auf den 20. Juli 2013:


Ich feiere

Mich selbst durch alle Tage

Mir eigen

Einzig optimistische Härte

Ringend um jeden Atemzug –

 

Prosa im Rückblick

Wem Gedichte zu leicht oder zu schwer auf dem Magen liegen: Das Ostschweizer Prosajahr 2014 war auch nicht zu verachten. Hier ein paar Erinnerungen.

Dorothee Elmigers Schlafgänger schon gelesen? Sonst unbedingt nachholen und genug Lesezeit einberechnen für den zugleich sperrigen und groovenden Rede-Text über Grenzen und Flüchtlinge, Mauern und Körper, das Campieren in den Wäldern, den Verlust des Schlafs und andere sonst in der Literatur (und in der politischen Diskussion) vernachlässigte Zeit-Erscheinungen. Das Buch mit Migrationshintergrund beharrt auf der gemeinsamen Verantwortung für den Zustand der Welt und die Lage der Ausgegrenzten: «Wir stehen alle in einem so oder so gearteten Zusammenhang». (Dumont-Verlag Frankfurt, Fr. 26.90)

Grossen Erzählatem hat der im Mai erschienene Paraguay-Roman Vom Verschwinden von Erica Engeler. Das Buch der St.Galler Autorin könnte die Etikette «Innerlichkeit» erhalten, doch werde dies dem Text nicht gerecht, schrieb Eva Bachmann damals in Saiten: «Die Antennen sind nach aussen gerichtet, und so gelingt es, durch die Augen und Ohren von Dora sehr viel über Südamerika und St.Gallen, über die Geschichte und die Gegenwart, das Verschwinden-Wollen und das Verschwinden-Lassen zu erzählen.» (Bilger-Verlag Zürich, Fr. 34.-)

Die Doyenne der Ostschweizer Literatur nicht zu vergessen: Helen Meier hat Anfang Jahr Kleine Beweise der Freundschaft vorgelegt, eine Sammlung unerbittlicher Beobachtungen und Reflexionen ohne Halbwertszeit. (Xanthippe Verlag Zürich, Fr. 26.90)

The Best of Tarantino gefällig? Der Titel führt auf eine (allerdings falsche) Filmfährte – es geht in der in der SJW-Reihe erschienenen Jugendgeschichte um Lolo, die für zwei Jahre von Zürich weg in ein Schloss am Bodensee umgezogen ist. Ihre Eltern sind meist abwesend, sie muss sich um den Schlosshund kümmern: Tarantino, den dümmsten Hund der Welt. Dessen Abenteuer hat sich die in Arbon lebende Autorin Andrea Gerster ausgedacht, die Zeichnungen stammen von Lika Nüssli (SJW-Verlag, Fr 5.-).

Schon Hanteln gestemmt und über das Leben philosophiert mit Andreas Niedermann? Falls nicht, würden wir ein paar Trainings- und Lese-Einheiten dringend empfehlen. Der in Wien lebende St.Galler Autor schreibt in Von Viktor zu Hartmann erfahrungsgesättigt über körperliche und geistige Ertüchtigung. (Songdog-Verlag Wien, Fr. 18.-, Leseprobe hier.)

Gleich mehrere Prosadebüts zeigen: Im Thurgau wird geschrieben wie wild. Zu Christian Rechsteiners Weinberger-Archiv (Muskat Media Romanshorn, Fr. 23.50, Besprechung hier) oder Bettina Wohlfenders Roman Das Observatorium (Müry Salzmann Verlag Salzburg, Fr. 28.90) kam im Herbst das Debüt der Thurgauer Bloggerin (und Saiten-Vorstandsfrau) Zora Debrunner Lavinia Morgan, Privatdetektivin hinzu. Wer hat die alte Mrs. Brighton mit der Hutnadel getötet? Wie hat der Tierarzt seinen Kopf verloren? Und leben Dienstmädchen gefährlich? Solche Probleme beschäftigen Lavinia, eine junge Privatdetektivin, die im England der 20er-Jahre erwachsen wird und sich in den grossen schwedischen Meisterdetektiv Curtis Johansson verliebt. (Vidal Verlag Winterthur, Fr. 21.50, Leseprobe hier.)

Schliesslich: Adrian Riklin, St.Galler in Zürich, beantwortet die Frage Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt – so heisst der Titel seiner ursprünglich 2003 entstandenen Erzählung, die gerade in Buchform erschienen ist. In einer ungewöhnlichen Form: nämlich in vierfach unterschiedlicher Typographie gestaltet von Helen Ebert (Eigenverlag, Fr. 37.90). Der poetische, hitzeflimmernde Vierfach-Text hat am 31. Januar in St.Gallen (Point Jaune) Buchpremiere – mehr dazu im Januar-Heft von Saiten.

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