, 15. November 2013
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Für die nächsten 100 000 Jahre

Edgar Hagen sucht im Dokumentarfilm Die Reise zum sichersten Ort der Erde nach einem Endlager für Atommüll – unideologisch und mit unerschütterlichem Glauben an ein Publikum, das selber denken kann. Eine Filmkritik von Geri Krebs.

Über 350 000 Tonnen hochradioaktiver Abfälle lagern heute über die ganze Erde verteilt in provisorischen Lagerstätten, zum Teil unter haarsträubenden Bedingungen unter freiem Himmel. Jedes Jahr kommen 10 000 Tonnen mehr dazu. 57 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit im britischen Sellafield das weltweit erste AKW ans Netz ging, und doch gibt es bis heute keinen einzigen Ort auf dem Planeten, wo dieser gefährliche Müll sicher und dauerhaft ver- und entsorgt werden könnte. Von England nach China, von dort in die USA, schliesslich wieder nach Europa, nach Schweden, Deutschland und in die Schweiz führt die Reise des Basler Regisseurs Edgar Hagen und seiner beiden Kameramänner Peter Indergand und Ramon Giger. Sein vorläufiges Ende findet der beklemmende Trip in China, jenem Land, das derzeit die Atomtechnologie ausbaut wie kein anderes, und wo in einem entlegenen, von Nomaden bevölkerten Gebiet der Wüste Gobi die Bohrungen nach einem möglichen Standort für ein Endlager vorangetrieben werden.

«Dann fängt man wieder von vorne an»

Begleitet wird Edgar Hagen hier, wie an den meisten Stationen seiner Reise, vom Nuklearphysiker Charles McCombie. Der heute 68-Jährige gilt international als Kapazität. Seit 35 Jahren sucht er wissenschaftlich seriös und doch mit ungebrochenem Glauben an die Atomtechnologie auf der ganzen Welt nach einem sicheren Ort für Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle – und antwortet auf die Frage des Regisseurs, was denn passiere, wenn man die Suche nach einem Standort abbrechen müsse, ungerührt: «Dann fängt man irgendwo anders wieder von vorne an».

Für so manche Schwarz-Weiss-Seher mag Edgar Hagens Haltung, seinem Protagonisten Charles McCombie fair und unideologisch gegenüberzutreten, ein harter Brocken sein. Doch ähnlich wie schon Into Eternity – jenem 2010 am Filmfestival «Visions du réel» von Nyon mit dem Hauptpreis gekrönten Dokumentarfilm des Dänen Michael Madsen über den Bau eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle in Finnland  – stellt  auch Edgar Hagen in seinem Film einfach Fragen. Im Gegensatz zu Into Eternity enthält sich Die Reise zum sichersten Ort der Erde aber jeglicher visueller Überhöhung der Tatsache, dass die zeitlichen Dimensionen bei der Nukleartechnologie jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Und doch schafft Hagen es an einigen Stellen, sichtbar zu machen, womit wir es zu tun haben – auch wenn der Atomausstieg kommt. Denn der Atommüll strahlt so oder so für die nächsten 100 000 Jahre.

Kohle aus Kolumbien

Und was den Atomausstieg betrifft, sieht Edgar Hagen von einer Stellungnahme ab – man könnte aber beispielsweise darauf hinweisen, dass in unserem nördlichen Nachbarland als Ersatz für stillgelegte AKW Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen. Da in Deutschland aber keine Kohle mehr abgebaut wird und auch die europäischen und russischen Freunde diesen Rohstoff nicht mehr in grossem Umfang und billig liefern, ist man dazu übergegangen, Kohle zu Dumpingpreisen aus weit entfernten Weltgegenden zu importieren. Zum Beispiel aus Kolumbien. Dort wird Kohle im Tagbau gewonnen, ganze Landstriche werden dabei verwüstet und in einem Ausmass verseucht, dass daneben jene Bilder, die man 1990 nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von den Kohleabbaugebieten aus Ländern wie Rumänien oder der DDR sah, wie ein Idyll erscheinen. So weit ein kleiner Exkurs aus Edgar Hagens Film – der im Übrigen einen Satz, der in den 1970er-Jahren so manche WG-Küche zierte, aktueller denn je macht: «Ihr geht mit dieser Erde um, als ob ihr noch eine als Reserve hättet.»

Letzte Vorstellungen im St.Galler Kinok: 15.11. 17.15 Uhr, 17.11. 11 Uhr, 20.11. 16 Uhr. kinok.ch.

 

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