Eine 19-jährige Wrestling-Schülerin, die über 40jährige Karriere eines Thurgauer Clowns, zwei Köhler in Kuba, ein Jesus-Film sowie die Frage, was Angst ist und warum wir uns vor ihr fürchten: Dies sind die Themen von fünf sehr unterschiedlichen Filmen, die Regisseurinnen und Regisseure mit Ostschweizer Wurzeln gedreht haben. Und die es ins Programm der 56. Solothurner Filmtage geschafft haben. Bis Mittwoch dauern diese noch, veranstaltet als «Home Edition».
Statt wie sonst bei beissender Kälte durch die Solothurner Altstadt von einem Kinosaal zum nächsten zu pilgern, in Restaurants zu diskutieren, sich aufzuwärmen und für den nächsten Film zu stärken, sitzen Filmfreundinnen und Filmfreunde also zu Hause vor ihren Computern. Hier klickt man sich auf einer übersichtlich und einfach zu bedienenden Webseite durchs Programm. Das ist nicht weniger umfangreich und vielfältig wie in anderen Jahren: 170 Filme aller Genres und Längen werden geboten.
Rund 20 Filme stehen täglich online während drei Tagen zur Auswahl. Eine kurze Inhaltsangabe, gelegentlich ein Trailer, sollen bei der Entscheidung helfen, was man sich für 10 Franken ansehen will. Lust und Neugier auf Entdeckungen braucht es also fürs virtuelle Festival ebenfalls. Zudem gibt es Gespräche mit den Filmemacherinnen und Filmemachern. Wer sie live verfolgt, kann per Chat Fragen stellen, oder sich die Talks später ansehen.
Interviews in animierten Räumen
Ein Festival-Jahrgang wird von unterschiedlichsten Bedingungen geprägt. Daher ist es wohl einem erfreulichen Zufall geschuldet, dass 2021 gleich mehrere Filme von Regisseurinnen und Regisseuren mit Ostschweizer Bezug zeigt. Milo Rau, dessen Film Das neue Evangelium Saiten früher bereits vorgestellt hat, hätte im Dezember seinen Schweizer Kinostart haben sollen und ist jetzt auf März angekündigt.
Bald im Lichtkegel der Kinosäle soll auch The Scent of Fear aufscheinen. Mirjam von Arx, die zuletzt 2014 Freifall – Eine Liebesgeschichte ins Kino brachte, geht auf so unterhaltsame wie erhellende Weise der Frage nach, was Angst mit uns macht, woher sie kommt und wie wir mit ihr umgehen. Das führt die im Thurgau geborene und in St.Gallen aufgewachsene Filmemacherin unter anderem nach South Dakota, wo sich Menschen in ehemalige Armeebunker zurückgezogen haben, oder nach Südkoreo, zu einem jungen Mann, der seine Angst vor dem Tod in einem Kurs zu überwinden versucht. Zu Wort kommen ausserdem Expertinnen und Experten der Neurowissenschaft, Psychologie, Linguistik und Politik.
Sicher im Bunker: Szene aus The Scent of Fear.
Die Reportagen leben von eindrücklichen Bildern, darunter die faszinierenden Aufnahmen, die Extremsportlerin Evelyne Binsack gleich selbst auf ihrem Solotreck in der Arktis drehte. Doch auch für die Interviews findet Mirjam von Arx eine visuell überraschende Lösung. Sie setzt die Aufnahmen mit den Interviewten in schwarzweiss animierte, virtuelle Räume, die ein bisschen an Visualisierungen von Innenarchitekten erinnern. Gestaltet hat die frappanten Bilder der St.Galler Grafiker und Illustrator Nino Christen, der 2013 den preisgekrönten Animationskurzfilm Lîle Noire realisiert hatte.
Köhler in Kuba
Bereits preisgekrönt ist auch der Kurzfilm Carbón von Davide Tisato. Der in Heiden aufgewachsene Soziologe und Filmemacher, hat vergangenen November an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur den Preis für den besten Schweizer Film erhalten. In ausdrucksstarken, meist nachtdunklen Aufnahmen porträtiert er die über 70jährigen Freunde Nivardo und Ismael, die als Köhler in Kuba zu überleben versuchen.
In wenigen Worten und ruhigen, beredten Bildern werden dabei ihre schwierige Lebenssituation, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen deutlich, während sie in langen Nächten über ihren rauchenden Köhlerhaufen wachen. Der 30jährige Davide Tisato hat unlängst einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung für ein nächstes Filmprojekt erhalten.
Wrestling zur Selbstfindung
Aus Frauenfeld stammt Filmemacher O’Neil Bürgi, der nach mehreren Dokumentarfilmen zuletzt mit dem schwarzhumorigen Animationsfilm Cat Noir überraschte. Mit Ale ist er nun zurück im Dokumentarfilm-Genre. Ale ist die Kurzform für Alessandra, so nennt die Mutter ihre 19jährige Tochter, die unter Mobbing und Ausgrenzung leidet und glaubt, im Wrestling-Sport einen Weg zu mehr Selbstbewusstsein und Stärke zu finden.
O’Neil Bürgi gelingt eine sensible Annäherung an die junge Frau und er blickt interessiert auf diesen eigenwilligen Show-Sport, der in der Schweiz ein Nischendasein führt. Doch der Regisseur, als Teenager einst selbst von Wrestling fasziniert, sieht sich bald mit der Herausforderung konfrontiert, dass sein Film durch eine überraschende Entscheidung von Alessandra eine völlig andere Richtung einschlägt. Es ist ein Plot-Twist, wie ihn das Leben schreibt, und er stellte gewiss eine Herausforderung für den 39jährigen Regisseur dar. Doch Ale erzählt dadurch unverhofft eine weitere Geschichte.
Karriere eines Clowns
Einer Herausforderung familiärer Art stellte sich ebenfalls Diego Hauenstein mit seinem Projekt. Sein Dokumentarfilm Ich hätte am Kronleuchter hängen bleiben müssen war, wie er und sein Vater Olli Hauenstein im Solothurner Filmgespräch erzählen, zunächst als Kurzspielfilm respektive als eine Dokumentation über eine aktuelle Bühnenarbeit des bekannten Clowns angedacht. Nach einem «Abnabelungsprozess» und einiger Zeit, in der das Projekt ruhte, hat der Thurgauer Filmemacher nun ein so persönliches wie ehrliches Porträt gedreht.
Es zeigt seinen Vater als einen leidenschaftlichen Künstler, der seit Kindsbeinen von Clowns begeistert war und mittlerweile auf eine über 40jährige Bühnenkarriere zurückblicken kann. Eindrücklich ist die Phase, in der das populäre Clownduo «Illi und Olli» in den 80er-Jahren im Zirkus Knie und Zirkus Roncalli zwar das Publikum begeisterte, sich privat aber auseinandergelebt hatte. Wie Olli Hauenstein danach ein neues privates Glück gefunden hat, und vor allem, wie herausfordernd es für ihn war, sich als Clown nun in Soloprogrammen immer wieder neu zu erfinden, prägt diesen Film, der deutlich macht, was dieses Bühnenleben «mit Haut und Haar» für die Familie bedeutet.
Am Dienstagabend werden die Preise in Solothurn vergeben und bekannt, ob einer der erwähnten Filme unter den Ausgezeichneten ist. Am Mittwoch sind die Preisträger-Filme nochmals online verfügbar. Oder man geduldet sich ein wenig, bis sie ins Kino kommen. Denn gemacht sind diese Filme für die Leinwand.
Die von der «Weltwoche» lancierte Polemik über den Spielfilm «Akte Grüninger» schlägt ein paar Wellen. Diskutiert wurde darüber unter anderem in Solothurn und Zürich.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.