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Furcht, Fights und Clowns

Die Ostschweiz ist an den 56. Solothurner Filmtagen stark wie selten vertreten. Neben den bereits vorgestellten Kurzfilmen in den «Upcoming Talents» gibt es Filme von Mirjam von Arx, Milo Rau, O’Neil Bürgi, Diego Hauenstein und Davide Tisato online zu sehen. Sie gehörten freilich auf eine Kinoleinwand. Von Andreas Stock
Von  Gastbeitrag
Überraschende Wendung: Ale in O'Neil Bürgis gleichnamigem Dokumentarfilm.

Eine 19-jährige Wrestling-Schülerin, die über 40jährige Karriere eines Thurgauer Clowns, zwei Köhler in Kuba, ein Jesus-Film sowie die Frage, was Angst ist und warum wir uns vor ihr fürchten: Dies sind die Themen von fünf sehr unterschiedlichen Filmen, die Regisseurinnen und Regisseure mit Ostschweizer Wurzeln gedreht haben. Und die es ins Programm der 56. Solothurner Filmtage geschafft haben. Bis Mittwoch dauern diese noch, veranstaltet als «Home Edition».

Statt wie sonst bei beissender Kälte durch die Solothurner Altstadt von einem Kinosaal zum nächsten zu pilgern, in Restaurants zu diskutieren, sich aufzuwärmen und für den nächsten Film zu stärken, sitzen Filmfreundinnen und Filmfreunde also zu Hause vor ihren Computern. Hier klickt man sich auf einer übersichtlich und einfach zu bedienenden Webseite durchs Programm. Das ist nicht weniger umfangreich und vielfältig wie in anderen Jahren: 170 Filme aller Genres und Längen werden geboten.

Rund 20 Filme stehen täglich online während drei Tagen zur Auswahl. Eine kurze Inhaltsangabe, gelegentlich ein Trailer, sollen bei der Entscheidung helfen, was man sich für 10 Franken ansehen will. Lust und Neugier auf Entdeckungen braucht es also fürs virtuelle Festival ebenfalls. Zudem gibt es Gespräche mit den Filmemacherinnen und Filmemachern. Wer sie live verfolgt, kann per Chat Fragen stellen, oder sich die Talks später ansehen.

Interviews in animierten Räumen

Ein Festival-Jahrgang wird von unterschiedlichsten Bedingungen geprägt. Daher ist es wohl einem erfreulichen Zufall geschuldet, dass 2021 gleich mehrere Filme von Regisseurinnen und Regisseuren mit Ostschweizer Bezug zeigt. Milo Rau, dessen Film Das neue Evangelium Saiten früher bereits vorgestellt hat, hätte im Dezember seinen Schweizer Kinostart haben sollen und ist jetzt auf März angekündigt.

Bald im Lichtkegel der Kinosäle soll auch The Scent of Fear aufscheinen. Mirjam von Arx, die zuletzt 2014 Freifall – Eine Liebesgeschichte ins Kino brachte, geht auf so unterhaltsame wie erhellende Weise der Frage nach, was Angst mit uns macht, woher sie kommt und wie wir mit ihr umgehen. Das führt die im Thurgau geborene und in St.Gallen aufgewachsene Filmemacherin unter anderem nach South Dakota, wo sich Menschen in ehemalige Armeebunker zurückgezogen haben, oder nach Südkoreo, zu einem jungen Mann, der seine Angst vor dem Tod in einem Kurs zu überwinden versucht. Zu Wort kommen ausserdem Expertinnen und Experten der Neurowissenschaft, Psychologie, Linguistik und Politik.

Sicher im Bunker: Szene aus The Scent of Fear.

Die Reportagen leben von eindrücklichen Bildern, darunter die faszinierenden Aufnahmen, die Extremsportlerin Evelyne Binsack gleich selbst auf ihrem Solotreck in der Arktis drehte. Doch auch für die Interviews findet Mirjam von Arx eine visuell überraschende Lösung. Sie setzt die Aufnahmen mit den Interviewten in schwarzweiss animierte, virtuelle Räume, die ein bisschen an Visualisierungen von Innenarchitekten erinnern. Gestaltet hat die frappanten Bilder der St.Galler Grafiker und Illustrator Nino Christen, der 2013 den preisgekrönten Animationskurzfilm Lîle Noire realisiert hatte.

Köhler in Kuba

Bereits preisgekrönt ist auch der Kurzfilm Carbón von Davide Tisato. Der in Heiden aufgewachsene Soziologe und Filmemacher, hat vergangenen November an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur den Preis für den besten Schweizer Film erhalten. In ausdrucksstarken, meist nachtdunklen Aufnahmen porträtiert er die über 70jährigen Freunde Nivardo und Ismael, die als Köhler in Kuba zu überleben versuchen.

In wenigen Worten und ruhigen, beredten Bildern werden dabei ihre schwierige Lebenssituation, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen deutlich, während sie in langen Nächten über ihren rauchenden Köhlerhaufen wachen. Der 30jährige Davide Tisato hat unlängst einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung für ein nächstes Filmprojekt erhalten.

Wrestling zur Selbstfindung

Aus Frauenfeld stammt Filmemacher O’Neil Bürgi, der nach mehreren Dokumentarfilmen zuletzt mit dem schwarzhumorigen Animationsfilm Cat Noir überraschte. Mit Ale ist er nun zurück im Dokumentarfilm-Genre. Ale ist die Kurzform für Alessandra, so nennt die Mutter ihre 19jährige Tochter, die unter Mobbing und Ausgrenzung leidet und glaubt, im Wrestling-Sport einen Weg zu mehr Selbstbewusstsein und Stärke zu finden.

O’Neil Bürgi gelingt eine sensible Annäherung an die junge Frau und er blickt interessiert auf diesen eigenwilligen Show-Sport, der in der Schweiz ein Nischendasein führt. Doch der Regisseur, als Teenager einst selbst von Wrestling fasziniert, sieht sich bald mit der Herausforderung konfrontiert, dass sein Film durch eine überraschende Entscheidung von Alessandra eine völlig andere Richtung einschlägt. Es ist ein Plot-Twist, wie ihn das Leben schreibt, und er stellte gewiss eine Herausforderung für den 39jährigen Regisseur dar. Doch Ale erzählt dadurch unverhofft eine weitere Geschichte.

Karriere eines Clowns

Einer Herausforderung familiärer Art stellte sich ebenfalls Diego Hauenstein mit seinem Projekt. Sein Dokumentarfilm Ich hätte am Kronleuchter hängen bleiben müssen war, wie er und sein Vater Olli Hauenstein im Solothurner Filmgespräch erzählen, zunächst als Kurzspielfilm respektive als eine Dokumentation über eine aktuelle Bühnenarbeit des bekannten Clowns angedacht. Nach einem «Abnabelungsprozess» und einiger Zeit, in der das Projekt ruhte, hat der Thurgauer Filmemacher nun ein so persönliches wie ehrliches Porträt gedreht.

Es zeigt seinen Vater als einen leidenschaftlichen Künstler, der seit Kindsbeinen von Clowns begeistert war und mittlerweile auf eine über 40jährige Bühnenkarriere zurückblicken kann. Eindrücklich ist die Phase, in der das populäre Clownduo «Illi und Olli» in den 80er-Jahren im Zirkus Knie und Zirkus Roncalli zwar das Publikum begeisterte, sich privat aber auseinandergelebt hatte. Wie Olli Hauenstein danach ein neues privates Glück gefunden hat, und vor allem, wie herausfordernd es für ihn war, sich als Clown nun in Soloprogrammen immer wieder neu zu erfinden, prägt diesen Film, der deutlich macht, was dieses Bühnenleben «mit Haut und Haar» für die Familie bedeutet.

Am Dienstagabend werden die Preise in Solothurn vergeben und bekannt, ob einer der erwähnten Filme unter den Ausgezeichneten ist. Am Mittwoch sind die Preisträger-Filme nochmals online verfügbar. Oder man geduldet sich ein wenig, bis sie ins Kino kommen. Denn gemacht sind diese Filme für die Leinwand.

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