Alles begann spätabends an einer Bar. Einmal mehr drehten sich die Gespräche um Fussball, und die Anwesenden fragten sich, warum der kulturelle Charakter dieses Sports so selten im Fokus ist – zack, die Fussballlichtspiele St.Gallen waren geboren. Diesen Sommer finden sie bereits zum dritten Mal statt: Ab Mittwoch warten vier Tage vollgepackt mit Diskussionen, Filmen, einem Kurzfilmblock, Musik und weiterem Rahmenprogramm.
Bullshit-Bingo und eine Weltpremiere
Die ersten zwei Austragungen der Fussballlichtspiele dauerten nur zwei bzw. drei Tage – warum dieses Jahr vier? Sicher, mit den 350 Gästen letzten Sommer konnte sich das fünfköpfige OK über fast 150 Eintritte mehr als im ersten Jahr freuen – aber dieser Erfolg allein ist noch Grund zu wenig, das Spektakel auf vier Tage auszudehnen.
Der Anlass ist, sagen wir, von eher nationaler Bedeutung: Am 31. August kämpft nämlich die Schweizer Nati in der AFG-Arena gegen Andorra um die Quali für die Fussball-WM 2018, die voraussichtlich in Russland stattfindet. Die Chancen, dass an diesem Donnerstag die versammelten Fussballfans der Region an die Lichtspiele pilgern, sind also nicht gerade rosig – ausser man würde ihnen im Tiffany etwas Besonderes bieten: zum Beispiel ein Fussballkommentatoren-Bullshit-Bingo.
Gestartet wird also bereits einen Tag früher. Am Mittwoch steht eine Weltpremiere auf dem Programm: Marcel Koller – Ein Leben für den Fussball, samt anschliessender Podiumsdiskussion über das Leben als Underdog. Am Donnerstag folgt wie gesagt die WM-Quali samt Einstimmungsfilm über die ehemaligen Schweizer Nationalspielern Karli Odermatt und Heinz Herrmann, Aufbauer der Nation.
Lateinamerika, Schweden und ein schottisches Maskottchen
Das Freitagsprogramm, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Pantalla Latina Filmfestival, steht ganz im Zeichen Lateinamerikas. Nach dem Kurzfilm Os Boias-frais do futebol über die Träume und Ängste brasilianischer Nachwuchsspieler um 18 Uhr läuft der Dokfilm Pelé – Bith of a Legend, der den Weg des brasilianischen Ausnahmetalents vom kleinen Dorf bis in die grossen Stadien nachzeichnet. Bevor der Abend dann musikalisch ausklingt, gibt es noch The Two Escobars zu sehen, den Film über Pablo und Andres Escobar, den Drogenbaron und den Fussballprofi.
Samstag ist der Tag der Frühaufsteher. Bereits um 13 Uhr läuft 10’000 timmar – 10’000 Stunden, der Film über Eric, einen völlig fussballtalentfreien Schwedischen Lottogewinner, der seinen Job kündigt und beschliesst, Profi zu werden. Um 15 Uhr folgt der bewährte Kurzfilmblock, auch dieses Jahr vom Fussballlichtspiel-OK in Zusammenarbeit mit 11mm, dem internationalen Fussballfilmfestival in Berlin, kuratiert. Unter anderem zu sehen: Un obtus partout, Alive & Kicking: The Soccer Grannies of South Africa und ein Film über das schottische Unterklasse-Maskottchen Oor Wally.
Um 16:45 Uhr läuft Ivans Fussballtalente – ein Spielerberater für Flüchtlinge. Der Dokfilm zeigt die Geschichte des Kroaten Ivan Knezovic, dem einzigen Spielerberater für Geflüchtete. Gleich danach kommt L’Etranger, ein Kurzfilm, der von Moussa handelt, einem jungen Fussballer aus dem Brüsseler Viertel Molenbeck. Dazu passt das Podium im Anschluss, wo über verschiedene zivilgesellschaftliche, behördliche und verbandseigene Ansätze und Strukturen zur Integration im Fussball diskutiert wird.
«Etwas andere Perlen» und ein Ronaldo-Finale
Pünktlich zur Primetime präsentiert dann Mämä Sykora vom Fussballmagazin Zwölf seine «etwas anderen Perlen». Wir erinnern uns: Letztes Jahr ging es in diesem Block um Frauenfussball. Was haben wir gelacht. Nicht über die Frauen, sondern vor allem über die Männer, die über sie berichteten…
Abgeschlossen werden die diesjährigen Fussballlichtspiele mit einer nicht ganz unumstrittenen Person: Cristiano Ronaldo, von den einen vergöttert, bei den anderen verhasst. Die Dokumentation über ihn kam 2015 in die Kinos und lässt tief ins Leben des Portugiesischen Fussballers und seiner Familie blicken.
Fussballlichtspiele St.Gallen 2017: 30. August bis 2. September, Kino Tiffany St.Gallen fussballlichtspiele.ch
«Günstig, aber nicht gratis», ist das hehre Prinzip der Fussballlichtspiele. Das OK will «möglichst allen Interessierten den Besuch des Festivals ermöglichen, unabhängig von deren finanziellen Verhältnissen». Sowohl die Helferinnen und Helfer als auch das OK arbeiten darum ehrenamtlich, doch das Geld sei immer noch knapp, sagen sie – trotz Sponsoren. Ausserdem gebe es bei vier Tagen Programm einige Protagonisten, Regisseure und Produzenten mehr einzuladen, dazu kommen Mehrkosten für Miete und Equipment.
Um diesen Ausbau stemmen zu können, setzte das OK dieses Jahr auf Crowdfunding. Bis am 22. Juli kamen so über 4000 Franken zusammen. Die Spenderinnen und Spender erhalten alle ein Dankeschön, etwa Festivalpässe, Tickets für Brühl-Spiele, FCSG-Fanartikel – oder auch die Gelegenheit, zusammen mit dem OK den Festivalabschluss zu feiern (und diese Momente sind legendär, wie Saiten auch aus eigener Erfahrung weiss).
Eine kürzere Version dieses Beitrags ist im Sommerheft von Saiten erschienen.
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