«So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das Wiederkäuen. (…) Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche das Herz blähn.» Unter dem prächtigen Zitat schaut eine nicht minder prächtige Hornkuh den Leser an.
Die Sätze stammen aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Im Buch spricht ein Berg-Prediger, einer, der nach seinen eigenen Worten «das Glück auf Erden» sucht und es bei den Tieren zu finden glaubt. Steff Signer könnte auch als einer von der Spezies der Berg-Prediger durchgehen – vielleicht hat das Nietzsche-Zitat und das Kuhbild deshalb Eingang gefunden in seine Gädeli-Collection. An anderer Stelle ist ein solches Gädeli, ein windschiefer Schopf, selber abgebildet, ein andermal tritt Steff Signer aus der knarrenden Tür eines alten Stalls heraus und schimpft sich mit einem Gong in der Hand Wanderer vom Hals, die ihm im Coronasommer und überhaupt zu nahe treten.
steffsigner.ch
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Signer, früher als Infra-Steff mit diversen Bandprojekten wie der Red Devil Band und grossen Anläufen im sinfonischen Rock unterwegs, hat sich trotz aller Weltläufigkeit zeitlebens an seiner Herkunftsregion orientiert, an der «Highmatt» im appenzellischen «Henderland». Was ihn bis heute an diese Region bindet, in der man nachts mit Militärtaschenlampen blinkt und morst, hat er im gleichnamigen Buch Highmatt (2008 im Limmatverlag) in diversen Anläufen umschrieben, besungen und mit archaischen Kochrezepten gewürzt.
In jüngerer Zeit geht die Vergangenheitsbewältigung der Signer’schen Art weiter mit filmischen Mitteln. Zusammen mit seinem Jugendfreund Peter Loppacher, der nach langen Jahren in den USA wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist, geht er den Plätzen von damals und den Ideen von damals nach. Der Högge-Wald wird zum magischen Klein-Universum, in dem auch schon mal mit Drogen und The Doors Wege zum «Break On Through» auftauchen. «Seit je pendelte er zwischen Aufklärung und Magie», hat Hanspeter Spörri 2019 in Saiten über Signer geschrieben.
Die Szene mit dem Gong nennt Signer «Unflat Kauz». «Der Protagonist ist ein kauziger, ewig schimpfender Bauer, der nicht nur urbane Wanderer, sondern die ganze Welt auf Distanz halten will – mit oder ohne Corona», schreibt er erklärend dazu. «Anstelle eines Pläss hat er einen Chinesischen Gong, einen sogenannten BAG-Gong. Solch ‚gächschötzige’ Kerle färbten meine Jugend. Die Bauern hatten noch nicht den Status von landwirtschaftlichen Unternehmern mit einem Fuhrpark, trugen noch keine lärmbedingten Schiess-Stand-Kopfhörer, waren durch das Handy noch nicht gleichauf sozialisiert und egalisiert. Einige Exemplare damals waren ausgewachsene Choleriker und der Jähzorn expolierte in ihnen, wie ein Vulkanausbruch in Island.»
Und wenn sie dann explodierten, dann habe das etwa so getönt: «Verrickte nüntige Püntel, elendigliche Chnorzli, schtroolige Sauchogg, tuusigs ooläädige Chrosli, widerwärtige Schlunggi, gfäälte huere Zwick…» So geht das noch ein paar Mistladungen weiter mit den Kraftausdrücken aus einem Hinterland, das von weither kommt und dem diese Filme ein kritisch-liebevolles Denkmal setzen.
In Hundwil ist Steff Signer am 23. Januar 1951 geboren. Jetzt wird er siebzig. Heilige Schtrausack!
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.