, 22. Januar 2021
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Gächschötzig

Steff Signer, der Musiker und Dichter des «Henderlands», geht den Spuren seiner Jugend nach in Texten und Kurzfilmen. Am 23. Januar wird er 70.

«Chraie schliifed eri Schnäbel a de Schiibe»: Steff Signer im Kurzfilm «Chraie.»

«So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das Wiederkäuen. (…) Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche das Herz blähn.» Unter dem prächtigen Zitat schaut eine nicht minder prächtige Hornkuh den Leser an.

Die Sätze stammen aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Im Buch spricht ein Berg-Prediger, einer, der nach seinen eigenen Worten «das Glück auf Erden» sucht und es bei den Tieren zu finden glaubt. Steff Signer könnte auch als einer von der Spezies der Berg-Prediger durchgehen – vielleicht hat das Nietzsche-Zitat und das Kuhbild deshalb Eingang gefunden in seine Gädeli-Collection. An anderer Stelle ist ein solches Gädeli, ein windschiefer Schopf, selber abgebildet, ein andermal tritt Steff Signer aus der knarrenden Tür eines alten Stalls heraus und schimpft sich mit einem Gong in der Hand Wanderer vom Hals, die ihm im Coronasommer und überhaupt zu nahe treten.

Signer, früher als Infra-Steff mit diversen Bandprojekten wie der Red Devil Band und grossen Anläufen im sinfonischen Rock unterwegs, hat sich trotz aller Weltläufigkeit zeitlebens an seiner Herkunftsregion orientiert, an der «Highmatt» im appenzellischen «Henderland». Was ihn bis heute an diese Region bindet, in der man nachts mit Militärtaschenlampen blinkt und morst, hat er im gleichnamigen Buch Highmatt (2008 im Limmatverlag) in diversen Anläufen umschrieben, besungen und mit archaischen Kochrezepten gewürzt.

In jüngerer Zeit geht die Vergangenheitsbewältigung der Signer’schen Art weiter mit filmischen Mitteln. Zusammen mit seinem Jugendfreund Peter Loppacher, der nach langen Jahren in den USA wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist, geht er den Plätzen von damals und den Ideen von damals nach. Der Högge-Wald wird zum magischen Klein-Universum, in dem auch schon mal mit Drogen und The Doors Wege zum «Break On Through» auftauchen. «Seit je pendelte er zwischen Aufklärung und Magie», hat Hanspeter Spörri 2019 in Saiten über Signer geschrieben.

Die Szene mit dem Gong nennt Signer «Unflat Kauz». «Der Protagonist ist ein kauziger, ewig schimpfender Bauer, der nicht nur urbane Wanderer, sondern die ganze Welt auf Distanz halten will – mit oder ohne Corona», schreibt er erklärend dazu. «Anstelle eines Pläss hat er einen Chinesischen Gong, einen sogenannten BAG-Gong. Solch ‚gächschötzige’ Kerle färbten meine Jugend. Die Bauern hatten noch nicht den Status von landwirtschaftlichen Unternehmern mit einem Fuhrpark, trugen noch keine lärmbedingten Schiess-Stand-Kopfhörer, waren durch das Handy noch nicht gleichauf sozialisiert und egalisiert. Einige Exemplare damals waren ausgewachsene Choleriker und der Jähzorn expolierte in ihnen, wie ein Vulkanausbruch in Island.»

Und wenn sie dann explodierten, dann habe das etwa so getönt: «Verrickte nüntige Püntel, elendigliche Chnorzli, schtroolige Sauchogg, tuusigs ooläädige Chrosli, widerwärtige Schlunggi, gfäälte huere Zwick…» So geht das noch ein paar Mistladungen weiter mit den Kraftausdrücken aus einem Hinterland, das von weither kommt und dem diese Filme ein kritisch-liebevolles Denkmal setzen.

In Hundwil ist Steff Signer am 23. Januar 1951 geboren. Jetzt wird er siebzig. Heilige Schtrausack!

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