«Sie lebt in einem Raum ohne Fenster, komplett von der Aussenwelt isoliert. Von draussen erhält sie alles Nötige, um ihren kargen Alltag zu fristen: Nahrung, Körperhygiene, Sex einmal die Woche…». So ist die Ausgangslage im Stück Die niederen Instinkte. Eveline Ketterer spielt das Ein-Personen-Drama an diesem und dem nächsten Wochenende im St.Galler Theater 111.
Isolation und Selbstentfremdung
Ketterer bildet zusammen mit Textautor und Regisseur Dietmar Paul das Ensemble «Das Klima». Der selbstentwickelte Stoff dreht sich gemäss Ankündigung um die Themen Einsamkeit, Isolation und Selbstentfremdung. «Im Zentrum eine Frau, die sich in einer düsteren Gegenwart vor den Schatten der Vergangenheit versteckt. Eine Beschäftigung hat sie nicht und auch keinerlei soziale Kontakte. Sprechen darf sie nicht. Sie wird von den Unbekannten von ‚draussen‘ beobachtet und bei Fehlverhalten bestraft. Leere umgibt sie. Eingepfercht wie ein Tier im Käfig sind ihre rudimentären Instinkte das einzige, auf das sie noch vertrauen kann. Wer ist sie? Was ist ihre Geschichte? Wie in einem Puzzlespiel fügt sich ihr Schicksal zusammen, während ihre kleine Welt mehr und mehr aus den Angeln gerät…».
«Das Klima» hat schon in seinen früheren Produktionen ein Flair für klaustrophobisch zugespitzte Stoffe vor dokumentarischem Hintergrund bewiesen: mit den Stücken Unter Null um den Säntismord von 1922 und Höhlenmord um den bis heute ungeklärten Doppelmord von 1982 in der Kristallhöhle.
Die niederen Instinkte: 3., 4. Mai 20 Uhr, 5. Mai 17 Uhr, 9., 10. und 11. Mai 20 Uhr, Theater 111 St.Gallen dasklima.ch
Psychokrimi auf dem Ozeandampfer
Auf einen weltliterarischen Text greift Regisseurin Katja Langenbach in ihrem Hörstück zurück, das am 9. Mai im St.Galler Raum für Literatur zu Gast ist: Stefan Zweigs Der Amokläufer. 1912 treffen auf einem Dampfer im Indischen Ozean zwei Männer aufeinander. Der eine gesteht «im Schutz der Dunkelheit» einen Mord an seiner Geliebten, deren Leiche mit an Bord ist.
Thomas Douglas und Tini Prüfert im Amokläufer.
Die «existentielle Grenzsituation» scheint wie geschaffen für eine theatralische Umsetzung. Sie bewegt sich mit zwei Schauspielern, Thomas Douglas und Tini Prüfert, und dem Musiker Mario Marchisella zwischen Lesung, Hörspiel und Konzert. «Mit geschlossenen Augen wähnte sich der Zuhörer auf jenem Ozeandampfer, auf welchem zu nächtlicher Stunde die seltsame Begegnung stattfand», schrieb der Kritiker der Erstaufführung in Ulm.
Regisseurin Katja Langenbach war zuletzt in der Ostschweiz mit Transit nach Anna Seghers präsent, als Gastspiel 2017 in der Lattichhalle zu sehen, und 2018 mit Apéro Riche, einer Inszenierung 100 Jahre nach dem Landesstreik, in der Goba-Halle in Bühler.
Der Amokläufer: 9. Mai, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen gdsl.ch
Vom Tod zurück ins Leben
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin heisst die jüngste Soloproduktion der Tänzerin Nelly Bütikofer. Grundlage ist die Erzählung Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger: Die Lebensgeschichte einer Frau wird rückwärts erzählt; zu Beginn steht der Tod, am Ende der Beginn des Lebens. «Auf der Bühne werden die zeitlichen und räumlichen Bewegungen von vorwärts und rückwärts zum Paradoxum: Vorausdeutungen, Rückblenden und Zeitraffung wirbeln das Zeitempfinden durcheinander.»
Nelly Bütikofer in Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.
Nelly Bütikofer ist als Tänzerin und Choreografin die Doyenne der zeitgenössischen Tanz- und Theaterszene der Ostschweiz. Seit einem halben Jahrhundert ist sie mit zahllosen Produktionen auf Bühnen und auch an unkonventionellen Spielorten präsent. Am 17. Mai wird sie von der St.Gallischen Kulturstiftung mit dem Anerkennungspreis 2019 ausgezeichnet. «Ihre Kompositionen, wie sie ihr getanztes Bühnenschaffen nennt, sind mutig, feinfühlig, inspirierend und erzählen von heiteren Zugängen zu tiefgründigen Themen und Sinnfragen, die sie mit ihrem intuitiven Tanzspürsinn sichtbar macht», heisst es in der Preisbegründung. Eine ideale Gelegenheit, sich selber davon zu überzeugen, bietet ihr jüngstes Stück, zu sehen in Wil und St.Gallen.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin: 2. Mai 19.30 Uhr Hof zu Wil, 3. und 4. Mai 20 Uhr Keller der Rose St.Gallen nelly-buetikofer.ch
«Nacktheit jenseits des Mainstreams»
Auf ein kontroverses Feld begibt sich das Stück NU, das kommende Woche in der Offenen Kirche St.Gallen uraufgeführt wird. Ein vierköpfiges Frauenensemble geht Fragen um Nacktheit auf der Bühne nach. «Was löst der nackte Frauenkörper in der heutigen Gesellschaft aus? Wie werden wir Frauen von unserem kulturellen Umfeld geprägt? Woher kommen Erwartungshaltungen und welchen folgen wir warum?» So lauten gemäss Ankündigung die Fragen, die das Ensemble behandelt.
Neben der seit 2016 in der Schweiz lebenden brasilianischen Tänzerin Elenita Borges de Queiróz wirken die Schauspielerinnen Boglarka Horvath und Jessica Cuna und die Sängerin Sheida Damghani mit. Das Stück setze sich zum Ziel, «unterschiedliche Sichtweisen auf die weibliche Nacktheit jenseits des Mainstreams aufzuzeigen, Tabus zu brechen und soziale und kulturelle Aussagen zu überprüfen», schreibt Elenita Queiróz.
NU: 8. und 9. Mai 20 Uhr, 12. Mai 19 Uhr, Offene Kirche St.Gallen facebook.com/nuworkinprogress/
Asylpolitik, Dramenprozessor und Tanzfest
Im weniger intimen Raum bewegen sich drei weitere theatralische Anlässe dieses Wochenendes.
«Zuflucht» ist eine dokumentarische Theaterperformance des aus Sri Lanka stammenden und in der Schweiz lebenden Regisseurs P. Vijayashanthan. Hintergrund ist die aktuelle Asylpolitik. Steigende Repression bei sinkenden Flüchtlingszahlen? Beschleunigte Verfahren vs. Bewegungsfreiheit? Rechtsbeistand oder beschnittene Rechte? Mit dokumentarischem Anspruch geht die in Zürich tätige Gruppe Experi Theater solchen Widersprüchen nach. Dabei rückt, wie es in der Projektbeschreibung heisst, sowohl der europäische Kontext als auch die schweizerische Situation rund um das eben in Kraft getretene neue Asylgesetz und die Nothilfe in den Blick. Performer und Regie-Team lassen ihre eigenen Erfahrungen als Geflüchtete, Migrantinnen, Aktivisten und aus der Politik einfliessen.
Zuflucht: 3. Mai 20 Uhr Lokremise St.Gallen, weitere Vorstellungen in Chur (9./10. Mai), Zürich, (17./18. Mai) ua. experitheater.ch
Ebenfalls in der Lokremise macht am Freitag der «Dramenprozessor» Station, das Autorenförderprogramm diverser Schweizer Bühnen, an dem sich zum zweiten Mal auch das Theater St.Gallen beteiligt. In einem intensiven Werkstattprozess haben vier Autorinnen und Autoren je ein Stück verfasst: Ivona Brdanovic, Maria Ursprung, Eva Roth und Werner Rohner. Das Ergebnis wird an dem Abend präsentiert.
Dramenprozessor: 3. Mai 19 Uhr Lokremise St.Gallen theatersg.ch
Von Freitag bis Sonntag ist sowieso die ganze Stadt Bühne, und dies nicht nur in St.Gallen, sondern in 35 weiteren Städten und Gemeinden. «Das Tanzfest» macht der Gesellschaft Beine, mit einem vielfältigen Programm auf Gassen, Plätzen und Bühnen. In St.Gallen geht es am Freitag um 17 Uhr am Marktplatz los, Finale ist am Sonntag um 18 Uhr in der Lokremise.
Das Tanzfest: 3. bis 5. Mai, diverse Orte in St.Gallen fetedeladanse.ch/st_gallen/
Impression vom Tanzfest 2018. (Bild: Kay Appenzeller)
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.