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Gänsehaut und nackte Haut

Die Ostschweizer freie Theaterszene blüht – auch in diesen Tagen. Das Publikum hat die Qual der Wahl, die Stoffe versprechen psychologisch Zugespitztes: Kammerspiele mit Gänsehaut-Potential.
Von  Peter Surber
Eveline Ketterer in «Die niederen Instinkte».

«Sie lebt in einem Raum ohne Fenster, komplett von der Aussenwelt isoliert. Von draussen erhält sie alles Nötige, um ihren kargen Alltag zu fristen: Nahrung, Körperhygiene, Sex einmal die Woche…». So ist die Ausgangslage im Stück Die niederen Instinkte. Eveline Ketterer spielt das Ein-Personen-Drama an diesem und dem nächsten Wochenende im St.Galler Theater 111.

Isolation und Selbstentfremdung

Ketterer bildet zusammen mit Textautor und Regisseur Dietmar Paul das Ensemble «Das Klima». Der selbstentwickelte Stoff dreht sich gemäss Ankündigung um die Themen Einsamkeit, Isolation und Selbstentfremdung. «Im Zentrum eine Frau, die sich in einer düsteren Gegenwart vor den Schatten der Vergangenheit versteckt. Eine Beschäftigung hat sie nicht und auch keinerlei soziale Kontakte. Sprechen darf sie nicht. Sie wird von den Unbekannten von ‚draussen‘ beobachtet und bei Fehlverhalten bestraft. Leere umgibt sie. Eingepfercht wie ein Tier im Käfig sind ihre rudimentären Instinkte das einzige, auf das sie noch vertrauen kann. Wer ist sie? Was ist ihre Geschichte? Wie in einem Puzzlespiel fügt sich ihr Schicksal zusammen, während ihre kleine Welt mehr und mehr aus den Angeln gerät…».

«Das Klima» hat schon in seinen früheren Produktionen ein Flair für klaustrophobisch zugespitzte Stoffe vor dokumentarischem Hintergrund bewiesen: mit den Stücken Unter Null um den Säntismord von 1922 und Höhlenmord um den bis heute ungeklärten Doppelmord von 1982 in der Kristallhöhle.

Die niederen Instinkte: 3., 4. Mai 20 Uhr, 5. Mai 17 Uhr, 9., 10. und 11. Mai 20 Uhr, Theater 111 St.Gallen
dasklima.ch

Psychokrimi auf dem Ozeandampfer

Auf einen weltliterarischen Text greift Regisseurin Katja Langenbach in ihrem Hörstück zurück, das am 9. Mai im St.Galler Raum für Literatur zu Gast ist: Stefan Zweigs Der Amokläufer. 1912 treffen auf einem Dampfer im Indischen Ozean zwei Männer aufeinander. Der eine gesteht «im Schutz der Dunkelheit» einen Mord an seiner Geliebten, deren Leiche mit an Bord ist.

Thomas Douglas und Tini Prüfert im Amokläufer.

Die «existentielle Grenzsituation» scheint wie geschaffen für eine theatralische Umsetzung. Sie bewegt sich mit zwei Schauspielern, Thomas Douglas und Tini Prüfert, und dem Musiker Mario Marchisella zwischen Lesung, Hörspiel und Konzert. «Mit geschlossenen Augen wähnte sich der Zuhörer auf jenem Ozeandampfer, auf welchem zu nächtlicher Stunde die seltsame Begegnung stattfand», schrieb der Kritiker der Erstaufführung in Ulm.

Regisseurin Katja Langenbach war zuletzt in der Ostschweiz mit Transit nach Anna Seghers präsent, als Gastspiel 2017 in der Lattichhalle zu sehen, und 2018 mit Apéro Riche, einer Inszenierung 100 Jahre nach dem Landesstreik, in der Goba-Halle in Bühler.

Der Amokläufer: 9. Mai, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
gdsl.ch

Vom Tod zurück ins Leben

Mich wundert, dass ich so fröhlich bin heisst die jüngste Soloproduktion der Tänzerin Nelly Bütikofer. Grundlage ist die Erzählung Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger: Die Lebensgeschichte einer Frau wird rückwärts erzählt; zu Beginn steht der Tod, am Ende der Beginn des Lebens. «Auf der Bühne werden die zeitlichen und räumlichen Bewegungen von vorwärts und rückwärts zum Paradoxum: Vorausdeutungen, Rückblenden und Zeitraffung wirbeln das Zeitempfinden durcheinander.»

Nelly Bütikofer in Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

Nelly Bütikofer ist als Tänzerin und Choreografin die Doyenne der zeitgenössischen Tanz- und Theaterszene der Ostschweiz. Seit einem halben Jahrhundert ist sie mit zahllosen Produktionen auf Bühnen und auch an unkonventionellen Spielorten präsent. Am 17. Mai wird sie von der St.Gallischen Kulturstiftung mit dem Anerkennungspreis 2019 ausgezeichnet. «Ihre Kompositionen, wie sie ihr getanztes Bühnenschaffen nennt, sind mutig, feinfühlig, inspirierend und erzählen von heiteren Zugängen zu tiefgründigen Themen und Sinnfragen, die sie mit ihrem intuitiven Tanzspürsinn sichtbar macht», heisst es in der Preisbegründung. Eine ideale Gelegenheit, sich selber davon zu überzeugen, bietet ihr jüngstes Stück, zu sehen in Wil und St.Gallen.

Mich wundert, dass ich so fröhlich bin: 2. Mai 19.30 Uhr Hof zu Wil, 3. und 4. Mai 20 Uhr Keller der Rose St.Gallen
nelly-buetikofer.ch

«Nacktheit jenseits des Mainstreams»

Auf ein kontroverses Feld begibt sich das Stück NU, das kommende Woche in der Offenen Kirche St.Gallen uraufgeführt wird. Ein vierköpfiges Frauenensemble geht Fragen um Nacktheit auf der Bühne nach. «Was löst der nackte Frauenkörper in der heutigen Gesellschaft aus? Wie werden wir Frauen von unserem kulturellen Umfeld geprägt? Woher kommen Erwartungshaltungen und welchen folgen wir warum?» So lauten gemäss Ankündigung die Fragen, die das Ensemble behandelt.

Neben der seit 2016 in der Schweiz lebenden brasilianischen Tänzerin Elenita Borges de Queiróz wirken die Schauspielerinnen Boglarka Horvath und Jessica Cuna und die Sängerin Sheida Damghani mit. Das Stück setze sich zum Ziel, «unterschiedliche Sichtweisen auf die weibliche Nacktheit jenseits des Mainstreams aufzuzeigen, Tabus zu brechen und soziale und kulturelle Aussagen zu überprüfen», schreibt Elenita Queiróz.

NU: 8. und 9. Mai 20 Uhr, 12. Mai 19 Uhr, Offene Kirche St.Gallen
facebook.com/nuworkinprogress/

Asylpolitik, Dramenprozessor und Tanzfest

Im weniger intimen Raum bewegen sich drei weitere theatralische Anlässe dieses Wochenendes.

«Zuflucht» ist eine dokumentarische Theaterperformance des aus Sri Lanka stammenden und in der Schweiz lebenden Regisseurs P. Vijayashanthan. Hintergrund ist die aktuelle Asylpolitik. Steigende Repression bei sinkenden Flüchtlingszahlen? Beschleunigte Verfahren vs. Bewegungsfreiheit? Rechtsbeistand oder beschnittene Rechte? Mit dokumentarischem Anspruch geht die in Zürich tätige Gruppe Experi Theater solchen Widersprüchen nach. Dabei rückt, wie es in der Projektbeschreibung heisst, sowohl der europäische Kontext als auch die schweizerische Situation rund um das eben in Kraft getretene neue Asylgesetz und die Nothilfe in den Blick. Performer und Regie-Team lassen ihre eigenen Erfahrungen als Geflüchtete, Migrantinnen, Aktivisten und aus der Politik einfliessen.

Zuflucht: 3. Mai 20 Uhr Lokremise St.Gallen, weitere Vorstellungen in Chur (9./10. Mai), Zürich, (17./18. Mai) ua.
experitheater.ch

Ebenfalls in der Lokremise macht am Freitag der «Dramenprozessor» Station, das Autorenförderprogramm diverser Schweizer Bühnen, an dem sich zum zweiten Mal auch das Theater St.Gallen beteiligt. In einem intensiven Werkstattprozess haben vier Autorinnen und Autoren je ein Stück verfasst: Ivona Brdanovic, Maria Ursprung, Eva Roth und Werner Rohner. Das Ergebnis wird an dem Abend präsentiert.

Dramenprozessor: 3. Mai 19 Uhr Lokremise St.Gallen
theatersg.ch

Von Freitag bis Sonntag ist sowieso die ganze Stadt Bühne, und dies nicht nur in St.Gallen, sondern in 35 weiteren Städten und Gemeinden. «Das Tanzfest» macht der Gesellschaft Beine, mit einem vielfältigen Programm auf Gassen, Plätzen und Bühnen. In St.Gallen geht es am Freitag um 17 Uhr am Marktplatz los, Finale ist am Sonntag um 18 Uhr in der Lokremise.

Das Tanzfest: 3. bis 5. Mai, diverse Orte in St.Gallen
fetedeladanse.ch/st_gallen/

Impression vom Tanzfest 2018. (Bild: Kay Appenzeller)

 

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