Dahab: Der pittoreske Flecken an der Ostküste des Sinai hebt sich mit seiner gold-roten Wüstenlandschaft samt zerklüfteter Bergwelt vom blauen Meer und den türkisfarbenen Lagunen ab. Reiche Ägypter geniessen hier eine Auszeit von starren Gesellschaftsregeln: trinken Alkohol, konsumieren Drogen, machen Party und Selfies in knapper Kleidung. Auch Touristen schätzen das spezielle Flair des relaxten Küstenortes, einige lassen sich gleich hier nieder.
So auch Miriam; sie lebt seit über acht Jahren hier. Die 39-jährige Schweizerin hat sich in einem Ortsteil niedergelassen, wo Beduinen in einfachen Häusern wohnen, Kinder auf der Strasse spielen und Ziegen im Abfall nach Essbarem suchen. Auf dem Markt wird gefeilscht, Verkäufer verteilen Kostproben und im Teehaus sitzen Beduinen, reden oder starren in einen winzigen Fernseher, wo Fussball oder Soaps laufen.
Als wir an Miriams Tor klopfen, empfängt uns ein 80er-Jahre-Punk: gebleichtes Haar, Jeans-Gilet, Tattoos. Der Däne bleibt seinem Stil treu, auch wenn er in der Hitze Sand aushebt. Sein Projekt: ein Erdhaus. Hier soll man im heissen Sommer Kühlung finden. Ausserdem will das Garten-Kollektiv Pilze anbauen. Schnell merkt man: Dahab ist ein spiritueller Ort.
Wer eine Auszeit vom geschäftigen Leben in Dahab braucht, ist an der blauen Lagune richtig. Dieser Ort ist prädestiniert zum Chillen. Auch mit Einheimischen, die einen gerne zum Tee einladen. Hier gibt es nichts ausser Wasser, Sand und Berge. Und einem beeindruckenden Sternenhimmel in der Nacht.
Das 90 Kilometer nördlich von Sharm el-Sheikh und 140 Kilometer südlich der jordanischen Hafenstadt Aqaba gelegene Dahab ist für einen Touristenort zu klein und zu ruhig. Seit jeher lebten hier Beduinen. Bis Anfang der 80er-Jahre war Dahab vor allem unter israelischen Hippies und Aussteigerinnen bekannt. Dann kamen Surfer, Taucher, und heute zieht es Menschen von überall an. Hier kann man sich neu erfinden, Sinn suchen, sich verwirklichen. Miriam kam als Tauchlehrerin, mittlerweile stehen Permakultur und Selbstversorgung im Vordergrund. Das Projekt nennt sich «Acacia Oasis – Permaculture Garden».
Sie strahlt, wenn sie durch den Garten führt, das Bewässerungssystem erklärt, Kräuter bestimmt und von Erfolg und Scheitern berichtet. Hinter dem unscheinbaren Tor verbirgt sich ein wundervoller, friedlicher Fleck. Sie wohnt in einem einfachen, aber gemütlichen Häuschen mit paradiesischem Garten. Im Mittelpunkt eine prachtvolle Akazie. Tauben sitzen auf Bäumen, Katzen schleichen durch Büsche. Im Garten gedeihen Gemüse, Kräuter, Früchte. Der Mond diktiert den Anbauzyklus.
Permakultur steht für bewusst gestaltete Landschaften, die die Muster und Beziehungen der Natur imitieren und Nahrung und Energie für lokale Bedürfnisse liefern. Das Grundprinzip reicht über den Gartenrand hinaus: ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig. Ein Prinzip, das unsere Zukunft sichern kann. Während unseres Aufenthalts in Dahab helfen wir beim Aufbau eines Kompost-WCs und einer Bio-Dusche. Alles wird verwertet, nichts verschwendet. Wasser ist rar. Einmal pro Woche kommt eine kleine Ration von der Regierung.
2018 war Miriams Garten noch sandig und leer. Mittlerweile kann sie Salat, Tomaten und Kräuter gleich im Garten pflücken. Und das trotz harscher Bedingungen wie Hitze, kaum Regen und starkem Wind. Der Erfolg beflügelt das Garten-Kollektiv – das Permakultur-Projekt soll wachsen.
Wir bewohnen ein einfaches Zimmer. Bett und Moskitonetz. Mehr ist nicht nötig. Tagsüber hören wir Muezzins, in der Nacht Nachbarn, Hunde und Katzen. Manchmal pfeift der Wind durch die Ritzen. Oft wird auf dem Fussballfeld nebenan gespielt, und wenn Beduinen Hochzeit feiern, ist während dreier Abende Musik und Gejohle angesagt.
Unser Zimmer – eine ehemalige Scheune – ist für freiwillige Helfer gedacht. Für vier Stunden tägliche Arbeit kommt man unter. Das Wochenende ist frei. Dann kann man sich dem Schnorcheln, Tauchen, Kiten widmen, auf den Moses-Berg wandern oder einen Trip in die Wüste unternehmen. Wer keine grossen Sprünge mag, setzt sich ans Feuer im Garten, schaut in die Sterne, raucht, trinkt Bier und unterhält sich mit Miriam und ihrer Entourage.
Viele der Zugewanderten engagieren sich in der Acacia Oasis. Steuern bei, was sie haben und können. Geld ist oft wenig vorhanden. An Tatendrang mangelt es hingegen nicht. Die Herkunftsländer der Freunde sind so unterschiedlich wie ihre Tätigkeiten: Schamane, Kroketten-Bäckerin, Free- diver, Goa-Party-Dekorateur, Yoga-Lehrerin oder Tauchinstruktor.
Miriam kann noch nicht vom Projekt leben, darum reist sie regelmässig in die Schweiz. Als Aushilfslehrerin verdient sie gut, aber «längerfristig nervt das Hin und Her». Deshalb experimentiert sie mit selbstgemachtem Mozzarella, den sie auf dem Freitagsmarkt verkaufen will. Der Markt am Meer ist Treffpunkt. Hier wird sozialisiert, News werden ausgetauscht oder man verabredet sich zu Partys. Manchmal fährt Miriam mit ihren Freunden in die Wadis. Ein Generator und eine Soundanlage reichen, um die ganze Nacht zu feiern.
Auf dem Moses-Berg soll Moses die zehn Gebote erhalten haben, und der Prophet Mohammed soll bei seiner Himmelsreise den Berg als letzte Stufe zum Himmel benutzt haben. Deshalb gilt der Granit-Berg bei Juden, Christen und Muslimen als heilig. So erklimmen auch Hunderte von Pilgern täglich den Gipfel, die meisten bei Nacht, um den Sonnenaufgang zu erleben.
Die Wüste ist auch die Heimat der Beduinen. Sie haben im Süden der Sinai-Halbinsel das Sagen. «Ein starkes, stolzes und geradliniges Volk», sagt Miriam. Hat sie Geschäfte zu erledigen, bevorzugt sie, dies mit einem «Bedu» zu tun. Auf Traditionen und Kultur legen diese grossen Wert. Frauen sind verschleiert, Männer tragen bodenlange Hemden und ein Kufyia-Tuch auf dem Kopf. Ein nomadisches Leben führen die wenigsten. Vielmehr setzen sie auf Viehzucht, Fischfang oder Tourismus.
Ihre Heimat ist die Pufferzone zwischen Ägypten und Israel. Zwischen 1967 und 1982 besetzten die Israelis den Sinai. Das letzte Stück wurde 1982 zurückgegeben. Für die Beduinen ein ungünstiges Geschäft: Während die Israelis die «Bedus» machen liessen, siedelte Ägypten sie in Häuser um und zwangen sie zur Registration. «Weil sie die Wüste kennen, misstraut man ihnen und drückt sie», sagt Miriam. So wird kaum in Schulbildung investiert, rund um die Wüste stapelt sich Müll. Auch wir treffen auf Beduinen-Kinder, die sich am Strand rumtreiben und Souvenirs verkaufen. Einmal ist ein Siebenjähriger im Pink-Panther-Pulli unser Chauffeur – die Polizei interessiert das wenig. «Bedus» regeln Angelegenheiten unter sich.
Von politischen Querelen kriegt man in Dahab wenig mit, erzählt uns Miriam. Sie lebt seit 2011 hier, seit der Revolution gegen das Mubarak-Regime. Mit As-Sisi folgte ein Wechsel vom Regen in die Traufe: massive Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit – auch in sozialen Medien, rigorose Kontrollen und zahlreiche andere Repressionen. «Zugewanderte werden in Ruhe gelassen.» Dies zeigt sich beim Passieren von Checkpoints. Während wir nur Pässe vorweisen, werden Einheimische akribisch kontrolliert. Diese Massnahme soll die Ausbreitung des IS im nördlichen Sinai unterbinden. Strassen sind gesperrt und es dürfen keine Güter ein- oder ausgeführt werden.
Ausbreiten soll sich indes Miriams Permakultur-Projekt. Immer wieder erhält sie Besuch von Interessierten. Oft tauscht sie sich mit Gärtnern aus. Unterstützung aus der Schweiz ist immer willkommen.
permaculturesinai.com
Kathrin Reimann, 1984, schreibt, kommuniziert, organisiert Subkultur und schmeisst Bars. Sie war vom 1. bis 15. Februar in Dahab. Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.