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Gallus, der Bär und die «Sichtachse»

Ein Neubau droht den freien Blick auf die St.Galler Kathedrale einzuschränken. Anwohner wehren sich dagegen – nicht für sich, sagen sie, sondern für die Rettung einer «wesentlichen Sichtachse», wie sie die Unesco für ihre Welterbe-Stätten verlangt. Passend: Am 10. Juni ist Welterbetag.
Von  Peter Surber
Bilder: Hanspeter Egloff

Der Blick vom Balkon im zweiten Stock auf die Stadtdächer und die Kathedrale ist spektakulär. Hanspeter Egloff weiss ihn zu schätzen. Und er wird ihn auch weiterhin haben, Neubau hin oder her. Hier am steilen Nordhang hinter der Altstadt ragen die Jugendstilhäuser zwischen Felsenstrasse und Berneggstrasse so hoch auf, dass die Sicht praktisch unverbaubar ist.

Dennoch wehrt sich Egloff gegen das Projekt auf der Parzelle unter ihm, am Mühlensteg 8a. Zusammen mit seiner Frau Anita Lötscher Egloff und dem Clown Richard Hirzel (Pic), der ebenfalls im Haus wohnt, haben sie mit Einsprachen reagiert und richten jetzt als ultimo ratio eine Petition an die Unesco. Was ist der Anstoss? 

Die Kathedrale, davor die Visiere des geplanten Wohnbaus, im Schatten das Haus Mühlensteg 3.

Hier, in einer der letzten Baulücken im Quartier, plant die Winterthurer Bolli Treuhand AG ein viergeschossiges Haus mit 17 kleinen Wohnungen. Das Projekt ist von der Denkmalpflege und vom Sachverständigenrat geprüft worden, wie der Stadtrat Anfang Jahr auf eine Einfache Anfrage des Stadtparlamentariers Andreas Hobi (Grüne) erklärt hat. Die Einsprachen gegen das Projekt hat die Baubewilligungskommission Ende 2017 abgelehnt.

Verdichtung oder Aussicht?

Pikanterweise gehörte das Liegenschaftsamt der Stadt selber zu den Einsprechern. Denn direkt unterhalb des geplanten Gebäude liegt das Haus Mühlensteg 3, das der Stadt gehört und eine schillernde Geschichte hat – darin befand sich unter anderem das Atelier des Künstlers Max Oertli, heute spielt dort das Theater Parfin de siècle, daneben gibt es mehrere Wohnungen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner, schon jetzt in Sachen Besonnung «arg eingeschränkt», bekämen mit dem Neubau eine «Staumauer vor die Türe gestellt», kritisierte Parlamentarier Hobi. Statt Verdichtung passiere hier «Zu- oder Abdichtung». Die Bewilligungsbehörde gewichtete dagegen gemäss Stadtratsantwort den Wunsch nach Verdichtung höher; die Brachfläche sei städtebaulich und freiräumlich nicht schützenswert. Das geplante Projekt entspreche im «Fussabdruck» dem Kontext der umliegenden Gebäude und, nach einigen Projektanpassungen, auch den erhöhten Anforderungen an die Bauqualität im geschützten Ortsbild Mülenen.

Hanspeter Egloff und seine Mitstreiter sind damit nicht einverstanden.

Zum einen gebe es Kleinwohnungen der geplanten Art («Business-Wohnungen» nennt sie Egloff) genug in der Stadt, unter anderem direkt daneben im von der gleichen Eigentümerin renovierten früheren Textilgebäude Mühlensteg 10. Noch mehr solcher Wohnungen entsprächen nicht den Bedürfnissen des Quartiers. Statt Quartierbelebung förderten sie die Gentrifizierung.

Zum zweiten sei das Projekt ein Fremdkörper, «hineingezwängt in einen ehemaligen Gartenraum». Es mindere den Wert ihrer eigenen Liegenschaft, vor allem aber die Wohnqualität im darunterliegenden städtischen Gebäude. Verdichtung müsse nicht nur reglementskonform sein, sondern auch sozialverträglich.

Und zum dritten sei die Lücke, und hier holt Hanspeter Egloff aus, eine seit jeher bestehende und sinnfällige Einrichtung. Sie ermögliche den Blick aus den Altstadtgassen den Hang hoch. Vor allem aber lasse sie den umgekehrten Blick von der Berneggstrasse auf das Kloster frei.

Der Bär als Vorbild

An dieser Stelle, so beobachtet er es seit Jahren, stehen Touristen und Besucherinnen der Stadt still und greifen zur Kamera. Und bekommen dabei nicht nur die Klosteranlage als Ganzes vor das Objektiv, sondern auch ein Detail, das stadtgeschichtlich zentral sei: das Gallusrelief.

Das Relief, eingefügt in den Südgiebel der Rotunde der Kathedrale, stellt die legendenumwobene Begegnung von Gallus mit dem Bären im Steinachtobel dar. Während nordseits das Schwesterrelief mit den bischöflichen Wappen vom Klosterhof her sichtbar ist, dürften auch Ortskundige das Gallusbild kaum kennen. Denn von unten ist es verdeckt durch den Trakt, in dem sich auch die Stiftsbibliothek befindet, sichtbar nur für Fladeschüler und Pantoffeltouristen.

Von hier oben aber, genau vis-à-vis, seien die Klosteranlage und das Relief in ihrer ganzen Schönheit zu sehen. «Eine umsichtige Stadtgestaltung im Interesse von Öffentlichkeit und Tourismus muss diesen Ort und diesen einmaligen Ausblick schützen», schrieben Hanspeter Egloff und Anita Lötscher in ihrer Einsprache.

In den Erwägungen der städtischen Denkmalpflege sei der umstrittene Baustandort immer nur von Norden her beurteilt worden. Um auch die umgekehrte Sicht von Süden her ins Spiel zu bringen, habe er die städtische Denkmalpflege zu einem Ortstermin samt «Perspektivenwechsel» eingeladen – allerdings vergeblich, sagt Egloff und wundert sich über das offenbar fehlende Interesse der Behörden an diesem Gesichtspunkt.

Diesen Blick kenne er sehr wohl und habe ihn auch bei einer Begehung gewürdigt, erwidert Niklaus Ledergerber, Leiter der städtischen Denkmalpflege, auf Anfrage. Aufgabe seiner Behörde sei es gewesen, den Einfluss des geplanten Baus auf das Schutzobjekt, den Stiftsbezirk, und auf das geschützte Ortsbild zu beurteilen. Die allfälligen negativen Einflüsse habe man weniger hoch gewichtet als die Einsprecher.

Dass, wie die Denkmalpflege befand, einige Meter nebenan, von der Brücke über die Mülenenschlucht, der Anblick genauso attraktiv sei, lässt Egloff wiederum nicht gelten: Die Perspektive sei dort eine andere. Zudem zeigten alte Stadtpläne, dass genau diese Stelle, wo heute Bernegg- und Felsenstrasse zusammenkommen, seit jeher den perfekten Ausblick geboten habe – geradezu «theatralisch» präsentiere er sich, wenn man aus der Mülenenschlucht über den historischen, bis heute kopfsteingepflästerten Weg hier ins Freie gelange.

Egloff kritisiert: Die Stadt sei auf den Verlust der öffentlichen Sicht auf den Stiftsbezirk nicht eingegangen und habe nie mit ihnen darüber gesprochen. Um doch noch gehört zu werden, und weil das Verbandsbeschwerderecht im Kanton abgeschafft wurde, hätten sie deshalb im März mit einem Anwalt beim Kanton Rekurs gegen die Baubewilligung eingereicht.

Was ihn nebenbei halb amüsiert, halb ärgert: In einer Baubeilage der Firma sei vom «bekannten Kampf zwischen dem heiligen Gallus und dem Bären» die Rede gewesen. Hätten die Verfasser einmal einen Blick aufs Relief geworfen, wüssten sie: Das war kein Kampf, sondern der Bär sei «aus Einsicht und mit dem geschenkten Brot von Gallus» friedlich abgezottelt. Dasselbe Verhalten würde er sich auch von den Projektplanern erhoffen, sagt Hanspeter Egloff.

Wie regelt man eine Sichtachse?

Hoffnung setzen Egloff und seine Mitstreiter jetzt in die Unesco selber. Denn ihr Anliegen, der freie Blick von hier oben, sei von öffentlichem Interesse. Und inzwischen ist ihnen klar geworden: Das Ganze hat einen Namen. Für ihre Welterbe-Stätten definiert die Unesco neben dem unmittelbaren Schutz des Objekts selber einerseits eine «Pufferzone», für die erhöhte Anforderungen gelten, und andrerseits die Freihaltung der «wesentlichen Sichtachsen» auf das Objekt. In der Pufferzone liegt der Mühlensteg gerade nicht mehr – aber dafür genau in der Sichtachse, ist Egloff überzeugt.

Braun gekennzeichnet: die «wesentlichen Sichtachsen». Rot: Unesco-Perimeter. Orange: Umgebungsschutz. Schwarze Linie: Pufferzone. Schwarz gestrichelt: Sichtbereich. (Bild: Managementplan UNESCO-Weltkulturerbe Stiftsbezirk St.Gallen 2017– 2020, Klick zum Vergrössern)

Nach der Einsprache-Ablehnung hat er sich daher vorerst an den Verein Weltkulturerbe gewandt, der für den St.Galler Stiftsbezirk zuständig ist – und der seinerseits in seinem Managementplan zum Stiftsbezirk die Sichtachsen skizziert: eine leicht angewinkelte Ost-West-Achse und eine Nord-Süd-Achse, die ungefähr der von Egloff genannten Perspektive entspricht. Eine Antwort blieb aus. Im Verein sässen an den entscheidenden Positionen wiederum die gleichen Personen als Vertreter der Stadt, sagt Egloff. Und auch auf den Tagblattartikel «Bedrohter Blick auf den Dom» habe der Verein nicht reagiert. Dabei habe ausgerechnet Richard Hirzel durch seinen Pic-o-Pello-Zirkus auf dem gleichnamigen Platz 1975 die damals geplante Südumfahrung verhindert und dadurch massgeblich zum Erreichen des Unesco Weltkulturerbe-Status des Stiftsbezirks St. Gallen 1983 beigetragen.

Daher jetzt also Paris: Dort residiert die Unescokommission. Die Petition, die Egloff und seine Mitstreiter formuliert haben, bittet um die Entsendung eines unabhängigen Fachexperten, der klären soll, «ob es sich hier um eine wesentliche Sichtachse handelt» – und welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien.

Solche Konsequenzen gab es; in Köln musste ein Hochhausprojekt redimensioniert werden, weil es, obwohl am anderen Rheinufer gelegen, den freien Blick auf den Dom behindert hätte. Und momentan stehe, ebenfalls wegen eines Bauprojekts, Wien auf der «roten Liste», sagt Egloff.

St.Gallen und der Verein Weltkulturerbe seien noch nicht soweit mit der Ausscheidung der Sichtachsen, erklärt Denkmalpfleger Ledergerber. In Baugesetz, Bauordnung und Zonenplanung gebe es eine Kategorie «Sichtachsen» nicht. Man müsse erst klären, wie planungsrechtlich damit umzugehen sei. «Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen.» Der Weg über die Unesco-Kommission stehe aber natürlich allen offen.

Am 10. Juni findet der dritte Unesco-Welterbe-Tag rund um die Kathedrale St.Gallen – unter anderem mit Führungen zu den Objekten und zum «verflixten Perimeter». Infos hier.

Kritiker Hanspeter Egloff und das Kloster mit Relief, davor die Liegenschaft Mühlensteg 3 und die noch grüne Parzelle Mühlensteg 8a. (Bild: pd)

 

 

Jetzt mitreden: 4 Kommentare
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Anita Lötscher Egloff,  

Vielen Dank für den Hinweis. Wir werden unsere Petiton auch an die Kommission in Bern schicken. Über den Link: www.openpetition.eu/!gallus kann man die Sache mit einer Unterschrift unterstützen. Herzlichen Dank!

Alpha Centauri,  

Ich frage mich schon ein bisschen was momentan in der Stadt abgeht. Gleichzeitig wird ja noch die gesamte Felsenstrasse "umgebaut". Die Situation in St. Georgen ist auch unterirdisch - Grünflächen verschwinden überall. Gentrifzierung ahoi.

Wenn ich dann noch sehe, dass die Baukommission von meiner Partei, der SP präsidiert wird... Es ist offensichtlich an der Zeit, grün zu wählen.

Prof. Dr. Bardo Fassbender, Universität St. Gallen,  

Herr Egloff und seine Mitstreiter sollten sich in dieser Sache auch an die Schweizerische UNESCO-Kommission mit Sitz in Bern wenden. Über diese Kommission heisst es auf Ihrer Internet-Seite (http://www.unesco.ch/) unter anderem:
"Gemäss Verfassung der UNESCO bildet jeder Mitgliedstaat eine Nationalkommission. Die Schweizerische UNESCO-Kommission (SUK) ist die Nationalkommission der Schweiz. Sie wurde 1949 nach dem Beitritt der Schweiz zur UNESCO als ausserparlamentarische Kommission geschaffen. Sie umfasst zwanzig Mitglieder, die vom Bundesrat ernannt werden. Die SUK fungiert als Bindeglied zwischen der UNESCO und der Schweiz. Sie setzt sich wie die UNESCO mit den Mitteln der Bildung, der Wissenschaft, der Kultur und der Kommunikation auf allen Ebenen für den Frieden und die internationale Verständigung ein. Sie vertritt die Werte der UNESCO, die in ihrer Verfassung verankert sind."

jeannot haupt,  

ja habe mich auch aufgeregt als ich gesehen hatte was da gebaut wird . Alles ist nur noch dem Mammon wichtig Geldgier ist angesagt die Stadt im grünen Ringe ist schon bald Vergangenheit da sind wieder solche am Werk die nicht genug haben können wie es in den letzten Jahren gelaufen ist Heute trauern die St.Galler dem alten Theater nach. und was sit mit dem schrecklichen Bau dem neuen Museum oder der Bahnhofplatz und das Glashaus mit der komischen Uhr.Es ist halt nicht von der Hand zuweisen Korrupt ist nur noch der vorname.Für mich müssten alle diese Ihren Job verlieren es ist an der zeit mal Klartext zu reden,.die heutigen Architekten sind zum kotzen Kubische Häuser mit Schiessscharten Fenstern gerade Striche ist halt einfacher und genau diese bekommen noch Auszeichnungen wo sind wir gelandet zudem hat es genug leere Wohnungen in der Statt . Das ladensterben ist auch gekommen durch die Einkaufs Meilen in Ost und West unser Stadtrat und Stadtverwaltung sollte mal Verständnis walten lassen

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