, 18. November 2013
8 Kommentare

Gallus spielt den Schizo-Rock

Wenns um Standortförderung geht, scheint in St.Gallen alles möglich. Sogar die Top-Rockband The Young Gods. Sonst aber wird kulturell abgebaut. 

Kein Witz: Am 27. November gastieren die Young Gods in der Lokremise. Die Top-Rocker aus Genf dürften das Haus füllen. Kommen aber die Freaks, Nerds und Kreativen aus der IT- und Creative-Branche auch ans Konzert?

Solche Leute sind ausdrücklich das Zielpublikum dieses Abends. Das Konzert wird vom Verein «IT/St.Gallen rockt» organisiert. Die Werbeoffensive soll junge IT-Firmen in die Ostschweiz locken. Die Kampagne kostet 500’000 Franken, ein Drittel steuert die städtische Standortförderung bei. Diese ist das politische Lieblingskind des Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin (FDP).

Geht es um die Standortförderung, darf nichts zu teuer sein. Die Young Gods, ein Top Act des Industrial Rock, sind unter einem guten fünfstelligen Betrag nicht zu haben. Zwei Lokalbands spielen auch noch auf. Wohl auch sie nicht gratis. Für Zwecke der Standortförderung sprudelt städtisches Geld ohne Limit. Kein Sparprogamm «Fit 13plus» greift hier. Nächstes Jahr sind dafür 827’000 Franken im Budget. Obwohl man über die Wirkung solcher Massnahmen diskutieren kann.

Es darf geklotzt werden. Umgekehrt wird bei der freien Kultur abgebaut. Ab 2014 sind spürbare Kürzungen geplant, minus 140’000 Franken. Etwa der Betrag, den die Unterstützung der IT-Kampagne kostet. Gelder werden also umgeleitet, von Kultur zu Promotion. Statt Kultur wird ein Event gefördert. Alles in allem: Standortverschlechterungspolitik.

Ist Kultur bald nur noch gerechtfertigt, wenn sie der Wirtschaft dient oder im Museumsquartier stattfindet? In der Ideologie der Standortförderung hat sie dem Kommerz zu dienen. Ausserhalb ökonomischer Zusammenhänge wird sie irrelevant. Blosses Nice-to-have. So tickt der Standort St.Gallen unter dem bürgerlichen Spardiktat. Gallus spielt den Schizo-Rock.

 

8 Kommentare zu Gallus spielt den Schizo-Rock

  • Manuel Märklin sagt:

    Das Projekt mit seiner brav-biederen Website ist ein anschauliches Beispiel, warum die Ostschweiz im Rest der Schweiz nur selten einen Fuss auf den Boden bringt. Mit grosser Kelle wird ein Brei angerührt, von dem man nicht weiss, wem er schmecken soll und satt wird auch niemand.
    Die Stadt scheint ihre Prioritätensetzung jedenfalls nicht im Griff zu haben. Standortförderung nützt einen feuchten Kehricht, wenn die StadträtInnen nicht einmal in der Lage sind, das bereits Bestehende zu erhalten, geschweige denn zu fördern.
    Will der Stadtrat das Steinachtal tatsächlich in ein Silicon Valley verwandeln, genügen die paar hundertausend Franken sowieso nicht. Dazu braucht es in erster Linie die passenden hochschulischen Ausbildungsgänge, um die innovativen Firmen und die nötigen Fachleute hierher zu locken.
    Und falls die beteiligten IT-Firmen das Gefühl haben, das Problem liege eher am langweiligen Nachtleben, rate ich ihnen folgendes: Geht raus in die Clubs, Theater und Museen, geniesst, was alles geboten wird und unterstützt dann diese Institutionen gleich direkt. So kommt sicher Kultur heraus, wo Geld hineingesteckt wird.

    P.S. Enttäuschend eigentlich, dass sich eine Band wie The Young Gods für eine Werbeveranstaltung hingibt.

  • Henry Dorsett Case sagt:

    Bin generell der Meinung, dass die Kulturkürzungen eine Unverschämtheit sind.

    Dies gegen die Initiative auszuspielen ist für mich zu kurzsichtig.

    Im Endeffekt ist das The Young Gods Konzert ja wohl eher als Kulturförderung zu verstehen. Ich weiss nämlich nicht, wo hier der Zusammenhang zum eigentlichen Themenkreis (Mangel an IT-Fachleuten) zu sehen ist. Ja klar, das sind Sampling-Pioniere, but that’s about it. Also müsste ich mich ja eigentlich aufregen, da von dem städtischen Beitrag von 166’666 CHF der Grossteil wohl in das Konzert und die Kreativleistungen geflossen ist. Damit profitiert dann vorallem die Lokremise als Veranstaltungsort, die Alltag Agentur als Grafikbude, etc…

    Zum Vorwurf, The Young Gods „Event“ vs „Kultur“… Beim Palace reklamiert ja auch niemand, dass die hauptsächlich die TAKK.ch Booking-Liste runterbuchen, und dass dort kaum lokale Acts zu finden sind. Ich glaube das Problem liegt ja wohl eher dass, dass hier für einmal „Kulturförderung“ ausserhalb der bekannten Kanäle betrieben worden ist. Die St.Galler Kulturszene ist doch in dieser Hinsicht nicht besser als die städtische Politik. Die Leute kennen sich. Es gibt lokale Fixpunkte. Vitamin B bestimmt vieles. Und wenn mal jemand anders Geld bekommt, dann heulen alle.

    Zurück zum eigentlichen Thema (Darüber könnte das Saiten nämlich auch mal einen Artikel schreiben. Zwischen Informatik und der Kunst gibt es ja durchaus Berührungspunkte)

    Es ist einfach eine Tatsache, dass es verdammt schwierig ist, in St.Gallen qualifizierte IT-Fachleute zu finden. – Damit meine ich explizit nicht irgendwelche PHP-Bastler, für die das Anpassen von WordPress- und Typo3-Themes das höchste aller Gefühle ist. Die gibts nämlich wie Sand am Meer und sind in jeder drittklassigen Agentur zu finden.

    Dass sich die IT-Branche hier zusammentut, ist nur sinnvoll.

    Für mich ist dies auch primär kein Problem der vorhandenen Ausbildungsangeboten, mit der ETH-Zürich oder der EPF Laussane sind wir in der Schweiz nämlich gut positioniert.

    Das Problem liegt doch eher darin, dass die Absolventen der ETH Zürich meist in Zürich hängen bleiben, oder gleich ganz auswandern, da die wirklich interessanten Projekte ‚ennet dem Teich‘ zu finden sind.

    Ob die Kampagne unmittelbar wirkt ist für mich hier zweitrangig, das Wichtige ist, dass sich die lokalen Firmen endlich mal organisieren und das Problem aktiv angehen.

  • Lieber Henri, es hat noch einen Recherchefehler in deinem Text, es ist nämlich nicht so, dass das Palace hauptsächlich die Takk.Ch-Liste «runterbucht»: Komm doch bis Ende Dezember zu den Goldenen Zitronen (20.11), Okkervil River (21.11), Die Vögel (22.11), Baris K. (23.11), Meridian Brothers (30.11), Califone (02.12), sind alle nicht über Takk.ch, sondern über sechs verschiedene Agenturen gebucht. Und zu den lokalen Bands: All Ship Shape, Flieder, Bad Shakes usw. spielten alle schon hier oder wie der Klangforscher am Freitag. Bis gleich!

  • Marcel Baur sagt:

    Ich würde vorschlagen, dass sich Ralph Hug und Peter Surber vielleicht mal ausgiebiger unterhalten.
    Es kann doch nicht sein, dass die Reithalle einerseits für Konzerte zur Verfügung gestellt werden soll und auf der anderen Seite ein Konzert einer bekannten Band heruntergemacht wird.
    Entweder sind wir in der Stadt bereit, für grössere Konzerte Geld in die Hand zu nehmen oder nicht.
    Aber auf der einen Seite motzen wenn mal ein grösserer Act spielt und auf der anderen Seite jammern das keine ausreichend grosse Konzertlokale zur Verfügung stehen beisst sich irgendwie.

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