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Gefangen im Bleiben wollen

Szene aus dem Tanzstück The Beast (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

Szene aus dem Tanzstück The Beast (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

Die St.Galler Tänzerin Elenita Queiróz zeigt ihr Solostück The Beast am 14. März in Lichtensteig. Saiten hat mit ihr über das Stück und das Unbehagen von Mutterschaft gesprochen.

Draus­sen nie­selt es. Drin­nen ge­dämpf­tes Stim­men­ge­wirr, ab und zu schwingt ei­ne Tü­re auf. Hier, im Foy­er der Mi­li­tär­kan­ti­ne in St.Gal­len, sitzt die Tän­ze­rin Ele­ni­ta Queiróz. Hin­ter ihr ei­ne Wand vol­ler Event­pla­ka­te. Ei­nes ist von ih­rem ak­tu­el­len So­lo­tanz­stück The Be­ast

Die 46-jäh­ri­ge Bra­si­lia­ne­rin lebt in St.Gal­len und ist vor rund zehn Jah­ren für ihr Mas­ter­stu­di­um in Thea­ter in die Schweiz ge­kom­men. Ge­blie­ben ist sie we­gen der Lie­be: zu ih­rem Mann und zu ih­rem Be­ruf.

Ver­gan­ge­nen Som­mer fei­er­te sie am Pau­la In­ter­fes­ti­val die Pre­mie­re von The Be­ast. Es ist das letz­te Ka­pi­tel ei­ner na­men­lo­sen Tri­lo­gie, die War­ning for Con­tem­pla­ti­on Sec­tions (2022) so­wie The Fa­bu­lous Ones (2024) um­fasst. Wie schon in die­sen Stü­cken geht es auch im ak­tu­el­len um weib­li­che Rol­len­bil­der und Mut­ter­schaft.

Am 14. März ist das ak­tu­el­le So­lo­stück im Chös­si Thea­ter in Lich­ten­steig zu se­hen. Zeit al­so für ein Ge­spräch. 

Sai­ten: Ele­ni­ta, um was geht es in The Be­ast?

Ele­ni­ta Queiróz: Im Stück geht es um die emo­tio­na­len, kör­per­li­chen und psy­chi­schen Her­aus­for­de­run­gen, mit de­nen sich ei­ne Frau nach der Ge­burt ih­res Kin­des kon­fron­tiert se­hen kann. Es geht al­so dar­um, dass Mut­ter­schaft Un­be­ha­gen aus­lö­sen kann. Das sind rea­le Emo­tio­nen, die ich selbst so er­lebt ha­be.

Das Stück heisst The Be­ast. Wer oder was ist die­ses Biest?

EQ: Die Fi­gur des Bies­tes ist ei­ne ge­schlechts­lo­se Pro­jek­ti­ons­flä­che. Ei­ne zu­tiefst mensch­li­che Fi­gur, die gleich­zei­tig bru­tal und zer­brech­lich, poe­tisch und ab­stos­send ist. Sie ringt mit der Mut­ter­schaft. Die­se wird im me­ta­pho­ri­schen Sin­ne zu ei­ner zeit­lo­sen Höh­le, ei­nem Ge­fäng­nis. Dar­in steckt die Fi­gur fest, ist wü­tend, ver­sucht zu ver­ste­hen, was sie da ei­gent­lich tut. Sie will flie­hen, nur um dann fest­zu­stel­len, dass sie nicht fä­hig ist zu ge­hen – weil sie den ei­ge­nen Kä­fig liebt, weil zu blei­ben eben auch Lie­be ist.

Ist The Be­ast ein Ge­gen­ent­wurf zum ro­man­ti­sier­ten Mut­ter­bild?

EQ: Ja, das ist es. Mut­ter­schaft kann bru­tal sein. Her­aus­for­dernd. Er­schöp­fend.

Du ver­ar­bei­test im Stück dein ei­ge­nes Er­le­ben von Mut­ter­schaft. Was war schwie­rig?

EQ: Ich fühl­te mich zum Bei­spiel nach der Ge­burt mei­nes Kin­des vor fünf Jah­ren un­sicht­bar. Aus der Ge­sell­schaft war ich ver­schwun­den, ir­rele­vant, und gleich­zei­tig zu Hau­se für mein Kind un­er­setz­bar. Die­ses Ge­fühl ha­ben wohl vie­le Frau­en – ich ver­glei­che das oft mit ei­nem Glas Was­ser: Man ist da, wird drin­gend ge­braucht, aber nicht wahr­ge­nom­men. Es ist ein­fach so selbst­ver­ständ­lich. Das hat mich wü­tend ge­macht und es war ei­ne be­las­ten­de Zeit für mich. 

Du be­schreibst ein Un­be­ha­gen im Mut­ter­sein. Kannst du das er­klä­ren? 

EQ: Man fühlt sich zer­ris­sen. Ich woll­te Mut­ter wer­den, aber ich wuss­te, dass mich das Mut­ter­schafts­uni­ver­sum al­lein nicht er­füllt. Für mich war klar: Oh­ne mei­ne Ar­beit wür­de ich ster­ben und ich weiss rück­bli­ckend auch nicht, was ich da­mals oh­ne mei­ne Ar­beit ge­tan hät­te. Da­bei ist es pa­ra­dox: Wenn ich ar­beits­be­dingt viel un­ter­wegs bin, will ich heim und wenn ich da­heim bin, er­sti­cke ich, will kre­ieren und er­schaf­fen. 

Geht es da im Stück wie im Le­ben auch um ei­nen Iden­ti­täts­ver­lust?

EQ: Mit dem Mut­ter­wer­den stirbt auf ei­ne Art dein al­tes Ich. Das zu ak­zep­tie­ren ist ein Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Für mich war das enorm schwie­rig und ich kam zur Er­kennt­nis, dass es kei­nen Weg raus gibt und dass ich trotz al­lem auch gar nicht raus will. Frü­her war ich «the be­au­ty», heu­te iden­ti­fi­zie­re ich mich wohl eher mit «the be­ast». Mut­ter sein, das ist jetzt mei­ne Rea­li­tät, mit all den Kämp­fen und al­len Schat­ten­sei­ten. 

Was be­deu­tet das für dich als Künst­le­rin?

EQ: Für mich als Künst­le­rin ist es wich­tig, sol­che Er­fah­run­gen zu tei­len. Denn an dem, was ich er­le­be, ist nichts spe­zi­ell. Das Biest ist ei­ne un­ab­hän­gi­ge Fi­gur, die ich zum Le­ben er­weckt ha­be. Sie ist ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che für al­le, die Ähn­li­ches er­lebt ha­ben – und das geht über Mut­ter­schaft hin­aus. 

Wie schwie­rig ist es, Künst­le­rin und Mut­ter zu sein?

EQ: In Be­zug auf Mut­ter­schaft ist un­se­re Ge­sell­schaft ganz grund­sätz­lich nicht auf von der Norm ab­wei­chen­de Le­bens­sti­le aus­ge­rich­tet. Und auch im Le­ben von Künst­ler:in­nen gibt es vie­les, was das Wei­ter­ar­bei­ten mit ei­nem Kind er­schwert. Pro­ben sind häu­fig abends, dann ha­ben die Ki­tas ge­schlos­sen. Und es ist schwie­rig, Pro­jek­te an­zu­neh­men, weil die oft mit mehr­wö­chi­gen Re­si­den­ci­es ver­bun­den sind. Wer be­treut das Kind, wäh­rend man weg ist? Man könn­te es mit­neh­men, aber wie will man dann ar­bei­ten?

Das Stück arbeitet mit Nacktheit und einer konfrontierenden Bildsprache. Wie wird das aufgenommen?

EQ: Das Stück dekonstruiert Mutterschaft auf eine ästhetische, aber teilweise auch verstörende Weise. Nacktheit in dieser rohen und archaischen Form ist sehr konfrontativ – viele sind es nicht gewohnt, sie so zu sehen. Dieser künstlerische Ausdruck ist für manche schwer aushaltbar. Aber ich bin an einem Punkt im Leben, wo ich weiss, dass ich nicht allen gefallen kann. Und ich sage das, was ich sagen muss mit meinen Methoden, so dass es sich für mich ehrlich anfühlt.

Was wünschst du dir vom Publikum?

EQ: Ich wünsche mir, dass die Leute sich das Stück ansehen und bereit sind, sich darauf einzulassen. Zu fühlen und empathisch zu sein. Das Stück hat viele Schichten und es lässt sich unterschiedlich lesen. Dass man sich irgendwo gefangen fühlt und nicht rauskommt oder nicht raus will – das ist ja im Grundsatz etwas Universelles. 

Wie geht es bei dir weiter?

EQ: Mit The Beast endet die Trilogie. Die Geschichte ist im Stadium der Akzeptanz angekommen und abgeschlossen. Meine kommenden künstlerischen Projekte bewegen sich zwischen Kontrolle und Widerstand, Routine und Bruch, Grenzen und Vergnügen. Ich möchte untersuchen, wie wir Handlungsfähigkeit und Zusammengehörigkeit erleben und was es bedeutet, in einer sich stets wandelnden Welt Mensch zu sein.

Elenita Queiróz – The BeastSamstag, 14. März, 20.15 Uhr, Bahnhofhalle «Chössi Theater», Lichtensteig.

The Beast ringt mit der Mutterschaft (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

The Beast ringt mit der Mutterschaft (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

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