Ich weiss nichts. Nichts besser. Vielleicht sollte man Gott zusperren, und die Familien gleich mit. Jungvolk-Partys mit mobilen Ultraschall-Nagerabwehrboxen vergällen. Aber wie gesagt, ich weiss nichts. Es gibt keine Lösungen. Alles, was getan und angeordnet wird, schadet. Irgendwem auf jeden Fall. Die Pandemie bringt uns in beeindruckender Geschwindigkeit an den Rand jeder Vernunft.
Die Naivität der Politikerinnen und Politiker in der Einschätzung des menschlichen Charakters, seiner Bösartigkeit, Lebensgier, Dummheit und Niedertracht – so scheint es – ist geradezu niedlich.
Corona-App? Muss man die nicht vom Ende her denken? Muss nicht Niedertracht, Bösartigkeit und Egoismus stärker gewichtet werden als Einsicht, Solidarität und Gemeinsinn, um nicht zu sagen: Nächstenliebe? Und müsste diese Erkenntnis nicht auch in der Technik manifest werden? Die Corona-App als Vernaderungsutensil. Nach dem Treffen mit Konkurrentinnen, Gegnern, Mitbewerberinnen, unliebsamen Journalisten meldet man sich positiv. Muss ja nicht stimmen. Aber alle wandern in die Quarantäne. Oder so.
Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Kann es sein, dass viele Politiker heillos verlorene Gutmenschen sind, die in einer Parallelwelt leben? Mit ihren Appellen an die Eigenverantwortung. Freiwillige Quarantäne? Selbstisolation, Maskentragen zum Schutz des Mitmenschen? Verzicht, zugunsten der Allgemeinheit? Köstlich!
Hat denn heute nicht jede und jeder seine eigene Wahrheit? Weiss es besser, besser als jeder und jede andere Besserwisserin, ob- schon niemand versteht? Aber wer braucht schon Verstehen?
Verstehen kommt von Verstand. Und wer braucht Verstand, wenn es Gefühle gibt? Gefühle sind um Längen besser. Um die geht es. Ich fühle mich gesund. Gott schützt mich und alle Kirchgänger. Allah bestraft nur die Ungläubigen, und Jahwe zeigt uns mit der Pandemie, wo Gott hockt.
Aber wie gesagt: Ich weiss auch nichts. Nichts Besseres als das, was gerade zu tun versucht wird. So werden wir uns – ganz alt- modisch – durchseuchen müssen. Am übelsten – und diese Prognose wage ich – wird es zugehen, wenn der Impfstoff da ist. Wenn alle Dämme, die bisher noch halbwegs gehalten haben, brechen.
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Der erste Lockdown war beinahe romantisch. Gefahr lag in der Luft. Die zweite Welle, die noch in jeder Pandemie hoch und wuchtig heranrollte, löst bei den meisten nur noch Stress aus.
Es ist, als würden nun alle auf meine Art leben und arbeiten. Nicht freiwillig. Natürlich. Sicherheit perdu. Es ist ein frugales Leben. Beinahe mönchisch. Das Leben eines Schriftstellers. Aber ich kenne etwas, mit dem sich ziemlich jede Unbill und auch jede Freude aushalten lässt. Und wenn ich der Typ wäre, der gerne Ratschläge erteilt, würde ich sagen: Macht es wie ich. Geht. Geht geradeaus. Geht bergauf. Geht bergab. Geht. Geht, wann immer ihr gehen könnt. Und wenn ihr nicht gehen könnt, so lernt es. Es macht glücklich.
Aber da ich ungefragt keine Ratschläge absondere, behalt ich es für mich.
Ich gehe.
Andreas Niedermann, 1956, ist Schriftsteller und Verleger in Wien. Gerade erschien sein Roman Blumberg 2. Die Wachswalze.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.