, 19. März 2014
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Gemalte Prestigeobjekte

Das Kunstmuseum St.Gallen und das Zeughaus Teufen eröffnen zwei Ausstellungen zur Bauernkunst – mit und ohne Fragezeichen.

 

So wird das Leben zur Kunst und das Schaffen zur Lust: Als die Zügelmänner im Januar die ersten Bauernkästen, allesamt Museumsstücke, in Teufen anliefern, entdeckt Zeughaus-Leiter Ueli Vogt die Tattoos auf ihren Unterarmen – und deren frappante Ähnlichkeit mit den Sujets auf den Kästen. Ornamente, Farben, sogar der Fraktur-Schriftschwung «Saint City 9000» scheinen aus den selben alten Zeiten zu stammen wie der Broger-Kasten von 1828 – oder vielmehr: Dieser ist unversehens in der Gegenwart angekommen.

Dass die alten Kästen nichts Älteliges an sich haben, davon ist Marcel Zünd überzeugt. Der St.Galler Kunsthistoriker und Volkskundler leitete 2010–13 das Projekt «Appenzeller Möbelmalerei 1700– 1860», hat mittlerweile über 400 Schränke dokumentiert und analysiert und gibt im Juni ein Buch heraus. Bereits jetzt, ab 26. März, ist eine Auswahl von rund 50 Schränken in Teufen zu sehen. Parallel dazu zeigt das Kunstmuseum St.Gallen eine Schau zur Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei von 1600 bis 1900, die Rudolf Hanhart, der heute 90-jährige frühere Leiter des Museums, kuratiert. Er betitelt sie «Bauernkunst».

Statussymbol statt bäuerliche Kunst?

In Teufen fügen Zünd und Vogt dem Begriff listig ein Fragezeichen hinzu. «Bauernkunst?» Dahinter steckt die alte Expertendiskussion, wie bäuerlich die «Bauernmalerei» sei. Zünd: «Meine Hypothese ist: Bei den Schränken handelt es sich weniger um bäuerliche Kunst, vielmehr um die einer ländlichen Oberschicht, deren Möbel nicht zuletzt dazu dienten, sich sozial von der bäuerlichen Welt abzugrenzen.»

Die Gesellschaft differenziert sich in diesen Jahrzehnten aus – und die Sujets erzählen davon. Die früheren Exemplare zeigen Barock- oder Rokoko-Ornamente, Szenen aus höfischen Gärten, Menschen, die wie Höflinge aussehen. Später werden die Sujets naturalistischer, die Motive überhöhen die Lebenswirklichkeit wie auf einem Schrank von 1823: Er zeigt die vier Lebensalter in Allegorien, die Menschen haben Freizeit (etwas, was die Bauern nicht kannten), und am Schrankrand lässt sich der Besitzer sogar mit Frau und Gespielin darstellen – eine Absonderlichkeit für die sonst so wertkonservative Biedermeierzeit, sagt Zünd.

KästenSozialgeschichtlicher Bilderfundus

Noch einmal konkreter wird es auf dem abgebildeten Schrank (Titelbild). «Gehört dem Franz Anton Broger 1828», steht oben geschrieben. In den Türkassetten ist eine Schreinerei abgebildet, daneben Viehtrieb und eine Dorfansicht: Kirche und Häuser sind appenzellisch, doch versetzt in eine idyllische Seenlandschaft. Wirklichkeit und arkadische Utopie prallen aufeinander.

Für Volkskundler Zünd sind die Schränke ein unerschöpflicher sozialgeschichtlicher Bilderfundus. Doch so minutiös er die Stil- und Motivgeschichte erforscht hat, so rätselhaft bleiben die lebensgeschichtlichen Hintergründe.

Zum Beispiel Kästen wie jener der «Jungferin Kathrina Tannerin auf Wies 1802»: War das die Morgengabe, welche die Frauen in die Ehe einbrachten? Oder: Wie konnten die Schränke ihre Repräsentierfunktion gegen aussen wahrnehmen – wenn sie doch in der Regel im Schlafzimmer der Eheleute, also im Privatissimum standen? Möbel als Medium zur Selbstvergewisserung? Oder pure Bilderlust in einer Zeit, die noch ohne laufende Bilder auskommen musste?

So viele Fragen da offen bleiben, so viele zusätzliche Anspielungen bringt Zeughaus-Leiter Vogt ein: Er lädt mehrere Kunstschaffende zu «Ergänzungen» ein: Stefan Inauen, das Künstlerduo Com&Com oder die bayrische Künstlerin Regina Baierl, die neue, irritierend umfunktionierte Möbel schafft. Zudem gibt es einen Trödelmarkt. Die Interventionen sollen, wie Vogt sagt, «den Blick weiten» – übers Möbel und über das Appenzellerland hinaus.

Bilder: Ueli Vogt

Bauernkunst? Appenzeller Möbelmalerei 1700 – 1860. Vernissage: 23. März 2014, 14 Uhr
26. März bis 7. September, Zeughaus Teufen. zeughausteufen.ch
Bauernkunst, Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei von 1600 – 1900.  Vernissage: 21.März, 19 Uhr
22. März bis 7. September, Kunstmuseum St.Gallen.  kunstmuseumsg.ch

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