Es sind immer die gleichen zwei Darstellenden auf der Bühne – aber im Verlauf des Abends sehen wir die Geschichten dreier verschiedener Paare: Eveline Ketterer und Tobias Stumpp vom Theaterkollektiv «Das Klima» verwandeln sich gekonnt durch drei parallel laufende Geschichten hindurch, die alle zusammengehalten werden vom Jahrhunderte überspannenden Thema der sozialen Stigmatisierung und des Mobbing.
In seinem Stück Hexenjäger, das im Theater 111 in St.Gallen gezeigt wird, verwebt Dietmar Paul drei Geschichten, die alle auf historischen Tatsachen beruhen: den Justizmord an Anna Göldi, die 1782 im Glarus als letzte der Hexerei bezichtigte Frau hingerichtet wird; die Verfolgung der jungen Marlene im Nazi-Regime, die dem Rassismus gegen die Volksgruppen der Sinti und Roma zum Opfer fällt; und den Kampf einer Mutter, die nach dem Selbstmordversuch ihrer Tochter wegen Cybermobbing Wiedergutmachung verlangt.
Das Klima versteht sich als unabhängiges Theater, das in seinen Produktionen sozialkritische Fragen behandelt, ohne dabei allzu einfache Lösungen zu servieren. Diese Differenziertheit spricht auch aus dem aktuellen Stück.
Die Fallen des Rassismus – und des Internets
Das klassische Opfer-Täter-Muster, das bei dem Thema zu erwarten ist, zeigt sich so deutlich nur in den Sequenzen von Marlene und ihrem Häscher: Die Bitten einer verschüchterten, verzweifelten Frau perlen am Leutnant wirkungslos ab – Stumpp spielt den Nazi-Beauftragten für «Zigeunerfragen» mit einer Kälte, die das Zuschauen schwer macht.
Eveline Ketterer, Tobias Stumpp. (Bilder: pd)
Aber schon in der nächsten Sequenz, dem Aufeinandertreffen zweier Elternteile, deren Teenage-Töchter sich in den Fallstricken des Internets verfangen haben, ist die Aufteilung in Gut und Böse nicht mehr klar zu ziehen. Wir sehen Menschen vor uns, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihre Kinder zu schützen und der Aufgabe, sie mit den schädlichen Konsequenzen ihres Tuns zu konfrontieren.
Für ihren Reigen durch die Jahrhunderte brauchen Stumpp und Ketterer nichts weiter als einen einfachen Tisch und zwei Stühle, die mal das Vorzimmer zum Gericht, mal das erdrückende Büro eines SS-Mannes darstellen können. Die schnellen Wechsel der Situationen funktionieren überzeugend vor allem bei Stumpp, dem es dank wechselnder Stimmlage und Körpersprache gelingt, vom aalglatten Nazi-Schergen über den sympathisch-pedantischen Gerichtsschreiber bis hin zum überforderten Vater drei völlig verschiedene Typen darzustellen.
Ketterer mag am besten zu überzeugen als Frau Gerber, die Mutter des Mädchens, das Opfer von Cybermobbing wurde. Hier kann sie neben der oft etwas zu sehr «gespielten» Verzweiflung der anderen Frauen als Person aus dem Vollen schöpfen, die mit Überzeugungskraft für die Rechte ihrer Tochter eintritt.
Es ist neben den schauspielerischen Leistungen vor allem die Sprache von Dietmar Paul, die die einzelnen Situationen zusammenhält. Geschliffen und feinsinnig an die unterschiedlichen Epochen angepasst, fehlt es ihr dennoch nie an Natürlichkeit.
Das diskriminierte Geschlecht
Obwohl nicht explizit ausgesprochen, beherrscht doch ein hinter allen drei Geschichten liegendes Ungeheuer das Geschehen: die Diffamierung und Herabwürdigung von Frauen. Frau Gerber drückt es so aus: Warum echauffieren sich alle über das anzügliche Foto ihrer Tochter, das diese ihrem Freund schickte, statt ihn für das Weiterverbreiten des Bildes zur Rechenschaft zu ziehen? Es gelten offensichtlich unterschiedliche Massstäbe für Mädchen und Jungen, für Frauen und Männer.
In der anschliessenden Podiumsdiskussion bringt es die Gründerin der Organisation #NetzCourage, Jolanda Spiess-Hegglin, auf den Punkt: In ihrer Initiative gegen Hatespeech und Diskriminierung im Internet ist die Sensibilisierung von Jugendlichen ein grosses Thema. Man müsse, sagt sie in ihrer sympathischen, direkten Art, den Jungen beibringen, nicht zu vergewaltigen – statt den Mädchen vorzuwerfen, sich aufreizend zu benehmen.
Hexenjäger: Weitere Vorführungen bis November 2019, Theater 111 St. Gallen dasklima.ch
Nach einzelnen Aufführungen sind weitere Podiumsgäste eingeladen: Walter Hauser, der Glarner Publizist und Hauptakteur hinter der Rehabilitierung Anna Göldis, wird am 6. Oktober sein Wissen über diesen Schandfleck der Schweizer Geschichte teilen. Und der Religionspädagoge Stefan Heinichen gibt am 8. November Auskunft zum Thema der Verfolgung von Sinti und Roma im Nazi-Regime.
Erfolgreich verknüpft so die Produktion Hexenjäger Kunst und gesellschaftliches Geschehen, ohne dass erstere darunter leidet – im Gegenteil: Im Format des Podiumsgesprächs können einzelne Aspekte eines vielschichtigen, nicht zuletzt auch sprachlich äusserst differenzierten Abends noch einmal aufgegriffen und reflektiert werden.
Mehr zu #NetzCourage: netzcourage.ch
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