, 10. April 2020
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Generation Kibbuz

Erstaunlich viele ältere Ostschweizerinnen haben Kibbuz-Erfahrung. Was hat sie motiviert, fasziniert? Margot Blaser, 1950 in Gossau geboren und wohnhaft in Hundwil, ist eine von ihnen. Die Gespräche mit ihr zeigen: Es lockten das Heilige Land und Abenteuerlust. Der Beitrag aus dem Märzheft von Gabriele Barbey.

Beduinen vor Paul McCartney, Gaza-Stadt, Frühsommer 1973.

Bepackt mit Fotoalben, Kibbuzfibel, Kibbuz-Zertifikat, einem Tagebuch, einer dicken Diplomarbeit, einem maschinengeschriebenen Reisebericht und Handnotizen erscheint Margot Blaser zum ersten Gespräch. Zwei ihrer mitgebrachten Dokumente stammen von einer Freundin und einem Freund aus dem Kreis einer Schweizer Kibbuz-Gruppe.

Beim Aufblättern ihrer Fotoalben fallen gesammelte Zeitungs- und Zeitschriften-Artikel zum Thema Israel heraus. Wären sie nicht leicht vergilbt, könnte man sie auf den ersten Blick für aktuell halten: Sie zeigen Bilder mit jungen Frauen und Männern in Zivilkleidung und lässig umgehängtem Gewehr, offensichtlich auf einem Kontrollgang vor Stacheldrahtabsperrung – andere Fotos sind Nahaufnahmen von demonstrierenden Israelis, Plakate hochhaltend: Peace now! Das war 1978.

Die roten Fäden im Leben der Margot Blaser

Margot Blaser, geboren 1950, lässt eine prägnante Phase in ihrem Leben Revue passieren: Von Frühling bis Sommer 1973, etwa drei Monate vor dem Jom-Kippur-Krieg, war sie Volontärin im Kibbuz Kfar Aza nahe Gaza; 1975 und 1978 reiste sie erneut nach Israel/Palästina und auf die Sinai-Halbinsel. Seit 1994 lebt Blaser in Hundwil: Hier bewohnen sie und ihre Freundin ein über 300 Jahre altes Ausserrhoder Bauernhaus – energietechnisch beinahe autark, sagt sie und weist auf Warmwasser- und Fotovoltaik-Anlagen auf dem Dach.

Die Nähe zur Natur suchen, mit ihr arbeiten, zeigt sich als roter Faden in ihrem Leben: Die medizinische Laborantin hütete im Kibbuz am liebsten Schafe, machte später die Berufsmatura und arbeitete als Sachbearbeiterin Abwasserreinigungsanlagen, wo sie die Hälfte der ARA des Kantons St. Gallen betreute. Zusätzlich liess sie sich zum Klärwerkmeister (sic!) ausbilden.

Margot Blaser in ihrem Wohnhaus in Hundwil. (Bild: Gabriele Barbey)

Der Nahe Osten fasziniert sie nach wie vor. Im November 2019 reisten sie und ihre Freundin, heute beide pensioniert, auf einem Kreuzfahrtschiff von Israel durch den Suezkanal via rotes Meer an Jemen vorbei und durch die Strasse von Hormuz in den Persischen Golf, nach Oman und Dubai. Eine Reise, um Erinnerungen aus den Siebzigerjahren mit aktuellen Eindrücken zu vergleichen, Kontraste zwischen den einzelnen Destinationen zu erleben. Als Kind hatte sie viel vom Heiligen Land gehört, die mythischen Stätten hatten ihre Fantasie beflügelt, so dass sie als junge Frau alles mit eigenen Augen sehen wollte – eine wichtige Motivation für ihre Israel-Reisen! Dem «konfessionell Heiligen» aber steht Blaser schon länger kritisch gegenüber, vor bald fünf Jahren ist sie aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Blasers Vater war Buchhalter, reformiert, die Mutter Vorarlbergerin, folglich katholisch, sie arbeitete als Buffetangestellte. Als Margot sechs Jahre alt war, starb der Vater. Die drei Töchter (geb. 1932, 1941, 1950) wurden katholisch erzogen und gingen in den Blauring. Dort musste Margot basteln, was ihr zuwider war. Sie war eine mittelmässige Primarschülerin, das siebte Schuljahr in der Abschlussklasse empfand sie als Albtraum. Welche Erleichterung, dass sie ein Jahr darauf nach erfolgreicher Prüfung in die Katholische Mädchensekundarschule Gossau wechseln konnte! Hier fühlte sie sich am richtigen Platz und wurde eine gute Schülerin.

Die pubertierenden gleichaltrigen Gören allerdings interessierten sie nicht. Aber eine von vielen Schülerinnen umschwärmte Lehrerin in der Maitlisek machte die Mädchen mit Pfadfinderei bekannt. Also ging Margot zu den Pfadfinderinnen, die in Gossau damals noch vor allem Töchter aus reformiertem Elternhaus anzog. Das wurde Margots Welt. Sie entwickelte sich vom ängstlichen Mädchen zum «freche Chog», lernte eine Gruppe Gleichaltriger zu führen, schliesslich war sie Polar getauft worden, nach dem richtungsweisenden Stern. Sie unterstützt bis heute die Pfadfinderbewegung, für sie eine Herzensangelegenheit.

Motivation: Geldknappheit, Abenteuerlust

Sobald sie nach abgeschlossener Lehre als medizinische Laborantin etwas Geld verdient hatte, reiste sie ins englische Canterbury, um in einer Sprachschule Englisch zu lernen.

In England bewegte sich Blaser in einer Schweizer Gruppe, die nach den englischen Monaten gar keine Lust verspürte, sich so schnell wie möglich wieder in den Schweizer Alltag einzufädeln. Die Mutter in Gossau drängte zwar und Margot war knapp bei Kasse. Im Freundeskreis kam die Idee auf: Ein Kibbuz wärs! Kostet fast nichts und verspricht Abenteuer! Arbeiten, um zu leben! Man informierte sich bei dem Dübendorfer Reisebüro, das sich auf die Vermittlung von Kibbuz-Aufenthalten spezialisiert hatte und beschloss, nach ein paar Wochen Zwischenstopp in der Schweiz, nach Israel zu reisen.

Strassenszene, Gaza-Stadt, 1973.

Im Frühling 1973 besteigen Margot, Lisa, Susan, Giorgio, Heinz und Peter das israelische Schiff «Nili» und fahren von Marseille aus via Neapel, Palermo, Famagusta nach Haifa. Im Gepäck die kleingedruckte, sogenannte Kibbuz-Fibel, verfasst vom Reisebüro Kibbuz Tours. In diesem Heftchen steht ausführlich, was für ein Kibbuz-Volontariat dringend gewünscht wurde: Mindestalter 18 Jahre, physische und psychische Gesundheit, volle Arbeitsfähigkeit, reifes, vernünftiges, anständiges Auftreten. Tagwache um fünf Uhr, danach sechs Stunden Arbeit an sechs Tagen in der Woche für die Volontäre, das sind zwei Stunden täglich weniger als für die echten Kibbuzniks. Zum Beispiel müsse man innert kürzester Frist für 500 Leute Tische decken und nachher wieder abräumen.

So lautet die Formulierung in der Kibbuz-Fibel: «Man erwartet von Dir, dass Du das gibst, was Du kannst.». Bestimmt können nicht alle bei grosser Hitze und stundenlang zehn Kilo schwere Pflückkörbe mit Orangen oder Grapefruits tragen, Hühnerställe ausmisten, harte und eintönige Arbeiten in den Werkstätten und Fabriken erledigen. Zu Zartbesaitete und Eigenbrötler sind nicht erwünscht, in den Kibbuzim wohnten die arbeitenden Gäste in Holzbaracken, zu zweit oder dritt in einem Raum.

Alltag im Kibbuz Kfar Aza

Margot und ihre Freunde werden als erst zweite Volontär-Gruppe in Kfar Aza aufgenommen, fühlen sich auch sehr willkommen, weil man in diesem Kibbuz noch nicht wie anderswo im Land «volontärmüde» ist. In Kfar Aza, gegründet 1951, leben knapp 300 Menschen nur fünf Kilometer östlich von Gaza, das die Israeli seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzt hielten. Das Land des Kibbuz grenzt direkt an den Gazastreifen, getrennt durch eine hohe Stacheldrahtabzäunung, der Haupteingang zum Kibbuz wird kontrolliert.

Volontärin Margot Blaser und ein Kibbuznik pflegen kranke Schafe.

Dank der Fürsprache eines israelischen Freundes, der in Kfar Aza einen Teil des dreijährigen Militärdienstes leistet, dürfen die beiden Schweizer Volontäre Margot und Giorgio eine Herde von etwa 700 Schafen hüten, und zwar ohne Hunde. Margot kann es gut mit den Schafen. Diese fressen vorwiegend Weizenstroh; haben sie mal Grünfutter, bekommen sie Durchfall. Margot päppelt auch Lämmer mit dem Schoppen auf – ein herziges Bild als Kontrast zur effizienten Agrarindustrie im Kibbuz. In ihrem Erlebnisbericht «Kibbuzleben» erwähnt Margots Freundin Lisa speziell die Kuhställe mit 400 Tieren und den Masthühnerbetrieb mit Bodenhaltung für 70’000 Küken sowie die Getreidefelder, die aus der Luft besprayt werden. Geflogen werden die Maschinen von gut bezahlten Militärpiloten; und zwar auch nachts. Dies dünke ihn noch gefährlicher als bei der Armee, zitiert Lisa einen Kibbuznik.

Die Schweizer Volontärinnen und Volontäre, angereist mit einem nostalgisch-landwirtschaftlichen Kibbuzbild im Kopf, nehmen zur Kenntnis, dass ihr Kibbuz Kfar Aza, im Zuge der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, 1973 mit dem Bau einer PVC-Fabrik beginnt, unterstützt durch die USA. Die Schafhaltung dagegen wird kurz nach Blasers Aufenthalt wegen zu wenig Rendite aufgegeben.

Für getane Arbeit erhalten die Volontäre die gleichen Gegenleistungen wie die Kibbuzmitglieder: Kost, Unterkunft, Toilettenartikel, Briefpapier, Marken, Zigaretten (probates Tauschmittel!), Kaffee, Kekse, kulturelle Veranstaltungen. Die Nichtraucherin Lisa ärgert sich in ihrem Bericht über die Gratis-Zigaretten, Schokolade wäre ihr lieber. Heute, fast 50 Jahre später, bei der Lektüre einer Passage zur medizinischen Versorgung, lacht Blaser, zeigt auf ihren leicht bräunlichen Eckzahn und meint dazu: «Den habe ich mir extra nie schöner machen lassen.» Ihr Eiterzahn sei 1973 im Kibbuz nämlich von der wöchentlich vorbeibekommenden Zahnärztin korrekt behandelt worden, allerdings sei eine Verfärbung geblieben, «eine körperliche Erinnerung an den Kibbuz».

Zum Thema kostenlose Gesundheitsversorgung notiert Freundin Lisa: «Bevorzugtes Medikament sind Antibiotika.» Ausserdem erhalten Volontärinnen im Kibbuz Kfar Aza ein Taschengeld und einen Gutschein für den Kibbuzladen, der winzig ist, aber mit allem Wichtigen bestückt.

Autostopp nie bei Palästinensern! Oh doch.

Das Motto «Arbeiten um zu leben» setzt die Schweizer Gruppe um Blaser in die Tat um: Wann immer sie können, bereisen sie das Land, nichtsahnend, dass ein paar Wochen später, am 6. Oktober 1973, der 18-tägige Jom-Kippur-Krieg ausbrechen wird – für Israel unerwartet.

Im Gaza-Streifen, Frühsommer 1973.

Ausserhalb des Kibbuz ist Blaser, ganz europäische Touristin der 1970-er-Jahre, fasziniert von den Beduinen auf der Sinaihalbinsel und vom pittoresken Reiz des Altstadtlebens in Gaza (heute schwer vorstellbar), wovon viele Fotos zeugen. Die kurze Strecke von Kfar Aza nach Gaza legen Freund Giorgio und Margot 1973 auf der Vespa zurück, die Strasse ist für sie problemlos passierbar. Eine kleine Szene, die haften bleibt: Die beiden wollen von Gaza zurückfahren, Margot steigt hinter Giorgio auf die Vespa auf – und in diesem Moment schnellen ein paar Buben aus der allgegenwärtigen Kinderschar auf sie zu und kneifen die Fremde ins Füdli.

Autostopp ist gang und gäbe, aber mitfahren soll man nur in Fahrzeugen mit gelben, nämlich israelischen Nummernschildern; dringend wird abgeraten, in Autos mit blauen Schildern einzusteigen, denn das sind Palästinenser. Daran hält sich Margots Gruppe nicht. Auch nicht, wenn Margot mal allein unterwegs ist? Nein, auch dann nicht.

War die Situation und die Sicherheit der Frauen für die Schweizer Volontärinnen überhaupt ein Thema? Blaser zögert kurz, nennt dann Golda Meir (1898 – 1978), die 1973 noch Ministerpräsidentin war. (Als eine Konsequenz aus dem Jom-Kippur-Krieg trat Meir ein Jahr später zurück.) Eine so starke Frau wie Meir mit einer so bewegten Biografie, einer solch exponierten Laufbahn habe sie damals tief beeindruckt, einerseits. Sie bedaure heute noch, einen Live-Auftritt der 75-jährigen Meir wegen ihres Zahnproblems verpasst zu haben. Anderseits sei augenfällig gewesen, dass in Teilen der israelischen Gesellschaft die Frauen benachteiligt waren, im Rahmen des Kibbuz aber gleichgestellt.

1975 und 1978 kehrt Blaser für mehrere Wochen nach Israel zurück, besucht unter anderem ihre Nichte, die sie auch zu einem Kibbuz-Aufenthalt angeregt hatte.

Eines will Blaser im Gespräch festhalten: Auch wenn sie gerne ihre Tagebücher und Fotoalben öffnet und auf das gediegen gestaltete Kibbuz-Zertifikat mit ihrem Namen schon ein wenig stolz ist – die heutige offizielle Politik Israels gegenüber der palästinensischen Bevölkerung befremdet sie.

Schweizer Blicke auf die Institution Kibbuz

Margot Blaser möchte vor allem die Original-Dokumente sprechen lassen, die sie für diesen Saiten-Bericht zur Verfügung gestellt hat. Besonders aufschlussreich liest sich die 190-seitige Diplomarbeit ihres Kibbuzkollegen Heinz P. Furter: Kibbuz – nicht nur ein Ethos für Israel, eingereicht an der Frauenschule der Stadt Bern, Sozial-Pädagogische Abteilung, 1979 (heute BFF – höhere Fachschulen). Furters persönliches Augenmerk und spürbar politisches Denken gilt primär der Erziehung und Ausbildung, speziell der Kollektiverziehung in der kibbuztypischen Institution Kinderhaus, die sich wandelt, ja bröckelt.

Im Kapitel «Eindrücke und Kritiken zum Kibbuzleben 1973 bis 1978» gibt Furter aber Freundinnen und Freunden aus der Schweiz das Wort. Ihre persönlichen Aussagen zu den Volontariats-Erfahrungen in verschiedenen Kibbuzim sind differenziert: Sie schreiben von prägenden Einblicken, vor allem was die Wurzeln der Kibbuz-Bewegung und das kulturelle Leben betrifft. Für unideologische Neuerungen gegenüber dem stark verblassenden Gedankengut der Pionierzeit haben die meisten Verständnis, wenn auch hie und da vermischt mit einer Spur Nostalgie. Es bestätigt sich, dass die Kibbuz-Motivation der von Furter Befragten kaum politisch, sondern eher pragmatisch ist.

Mit Kritik sparen die Schweizerinnen und Schweizer in Furters Diplomarbeit jedoch nicht. Blaser ist es, die am härtesten urteilt, ihre deutlichen Worte zielen auf die Landwirtschaft: «Die Felder werden mit Insektiziden bespritzt, die Fische prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Der Boden wird von A-Z ausgenützt … Sämtliche Leute denken nur an die Gegenwart und nicht an die Zukunft.»

«Stand Ende Siebzigerjahre», meint Blaser im Appenzellerland anfangs 2020 vieldeutig dazu  und schiebt die dicke, ringgebundene Diplomarbeit ihres Kibbuz-Kollegen über den Tisch.

Die Schweizer Kibbuz-Gruppe übrigens trifft sich immer mal wieder und pflegt den Kontakt untereinander bis heute. Nicht ausgeschlossen, dass einerseits der Niedergang der Kibbuz-Bewegung und anderseits der Trend zu deren Neubelebung das Gesprächsthema für ein künftiges Treffen der Gruppe wird.

Die Bilder stammen aus Margot Blasers Fotoalben und wurden von ihr, Georg Voss und weiteren Mitgliedern ihres Freundeskreises 1973 aufgenommen.

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

 

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