, 1. Juli 2013
42 Kommentare

Generation Pavillon

Was bleibt nach vier Tagen Schlamm und Musik? Ein Abfallberg im Sittertobel, die grinsende Fratze der Wegwerfgesellschaft.

Es ist Sonntagabend halb zehn. Die Openairler pilgern Richtung Bus. Vielleicht nehmen sie einige tolle Erfahrungen oder blaue Flecken mit. Bestimmt aber nehmen die Besucher aus der ganzen Schweiz ein Stück St.Gallen mit nach Hause. In Form von Schlamm an den Schuhen. Unter tatkräftiger Mithilfe ihrer Komplizin, der SBB.

Doch die Festbrüder und -schwestern tragen in einer etwas verqueren, schlammverschmierten Standortrhetorik nicht nur etwas nach draussen, sie hinterlassen auch etwas im Sittertobel: einen verdammten Kriegsschauplatz. Eine grinsende Fratze der Wegwerfgesellschaft. Zwischen den Müllhaufen aus Stroh, Grillutensilien und Liegestühlen duellieren sich bierschwangere Festivalzombies mit Zeltstangen und hauen kaputt, was noch steht und nicht vollgeschmiert ist.  Jungwächtler stehen vor ihrem 1000-fränkigen Zelt, das sie seit zehn Jahren ins Tobel mitnehmen – jetzt debattieren sie darüber, ob sie es wirklich wieder mitschleppen sollen. Denn der Weg ist weit und bald wird es dunkel. Als wir nachfragen, ist es ihnen offensichtlich peinlich, und sie versprechen, das erstaunlich saubere Zelt mitzunehmen.

Ausgerechnet im ersten Jahr, in dem das Openair-OK ein Rückgabesystem für Zelte lanciert hat (10 Stutz in bar für ein intaktes Zelt), bleibt mehr Abfall denn je liegen. An anderen Orten der Welt würden die Menschen Grills, Turnschuhe, Schlafsäcke oder vakuumiertes Steak womöglich nicht als Müll bezeichnen. Die hippen Openair-Gäste mit ihren aufgemalten Schnäuzen offenbar schon. Der Blick vom Hügel fällt über ein Meer aus weissem Plastik. Pavillons, soweit das Auge reicht. Aber was ist schon ein Pavillon, wenn man 300 Franken für ein Ticket und weitere 300 für Cocktails im Bacardi Dome liegenlässt? Entbehrlich. Überflüssig. Ersetzbar. Ein Klacks.

Die Zelte, die zurückgegeben werden, gehen an ein Hilfswerk, sagt das Openair-OK. Und es hält sich das Gerücht, dass sie an Flüchtlingslager gehen sollen. Warum auch nicht? Sitzen nächstes Jahr somalische Flüchtlingskinder mit Kopftuch in weggeworfenen Zelten der Sanktgaller Jugend herum und warten auf eine bessere Zukunft? Ist das zynisch? Hauptsache, wir haben etwas Nachhaltiges getan. Ein Zelt für ein Soft Ice. Ein Bierbecher für unser schlechtes Gewissen. Und eine Kühlbox für die Ameisen im Sittertobel.

Es wird langsam Nacht. Wir sitzen in liegengelassenen Liegestühlen herum und fragen uns: Was lief hier schief? Ist  es das Festival selber, das aus Zwang zur Wirtschaftlichkeit in den Kommerz abrutschte und heute mehrheitlich Konsumpublikum anzieht? Oder gehören diese jungen Menschen (zwei Drittel von ihnen zwischen 20 und 25) einfach zur Generation Pavillon?

Am Ausgang steht ein älterer Mann mit Wollpullover und langen Haaren und fragt die vorbeiströmenden Menschen nach übriggebliebenen Depot-Marken. Das Schild in seiner Hand: „Ein Jeton für Afrika.“ Zusammen mit den gesammelten Bechern erhält er pro Jeton zwei Franken. Seine Ausbeute ist beachtlich. Aber es ist ja auch weniger anstrengend, Jetons in einen Becher zu werfen, als das verschmierte Zelt abzubauen für läppische 10 Stutz. Irgendwiee erinnert das Ganze an einen „Gefällt-mir“-Klick – die sind etwa gleich wirkungsvoll und ressourcenschonend.

42 Kommentare zu Generation Pavillon

  • Darf man da jetzt „gefällt mir“ drücken oder wär das zynisch?

  • Nein, gefällt mir eben nicht! Also kein Like!

  • vielleicht gefällt ja ihnen, dass es jemandem auffällt, und darüber schreibt?

  • Schlamm vergisst nicht. Die Müllberge stauten sich bis ins Lerchenfeld.

    Irgendwann sind es Leichen die wir für ein bisschen Spass und grenzenlosen Konsum in Kauf nehmen.

  • Lukas sagt:

    Was würdest den du anderst machen wenn du Openair-Organisator wärst? Fällt dir spontan was ein?

    • Simon sagt:

      Ja, mir fällt etwas ein:
      jemanden wenn nicht sogar mehrere Personen zum Zelte entgegennehmen bereitstellen, dann würden nicht die meisten Openairler mit ihrem zum Abgeben bereiten Zelt wieder an ihren Platz zurückkehren um es dort liegen zu lassen…
      Man müsste vielleicht auch halten was man verspricht, denn 1. gabs das Geld nur auf den Chip und nicht in bar und 2. wurden ab ca. 15:00 Uhr am Sonntag nur noch Wasserflaschen im 6er Pack zum nachhause schleppen ausgegeben, anstelle der 10 Fr. .

    • Simon sagt:

      und übrigens: kein Helfer (war ebenfalls einer) wusste, wo man das Zelt abgeben konnte!

  • das grösste strassenfestival der schweiz, das über eine woche dauert, gibt alle getränke nur in pfandbecher aus.

  • dieses phämonen ist ja nicht nur am openair zu beobachten. es entspricht wohl einfach dem zeitgeist. darum sind die veranstalter relativ machtlos dagegen. vielleicht müsste der anreiz grösser sein, das zelt zu sammelstelle zu bringen. gäbs für jedes zelt ein ipad, wär das tobel heut morgen bestimmt blitzblank gewesen 😉

  • Der Gurten machts ganz ordentlich. TrashAwards. Zeltplätze vermieten. Pfandpflichten… Schlussendlich liegts bei jedem einzelnen sich zu engagieren und ein wenig Umsicht zu üben. Kostet ja nix. Jedem ein ipad zu schenken wer seinen Müll wegbringt? Hackts? – (…)

  • grinsende fratzen der wegwerfgesellschaft? na dat is aber nett!

  • 99.95 Depot aufs Bändeli. Wer MIT Zelt geht, geht mit 100.-

  • Ich glaube auch, dass es nur übers Portemonnaie, also über Pfandgebühren läuft… leider! Übrigens sind die ‚Alten‘ nicht besser als die ‚Jungen‘ – siehe New Orleans oder Sankt Galler Stadtfest…

  • Marcel Baur sagt:

    Es nur auf die Jugendlichen und die Veranstalter abzuwälzen wäre zu einfach. Wer sich vor den Festival-Tagen bei Migros, Coop und anderen Warenhäusern umschaut, wird erkennen, dass es bei diesen Preisen sehr schwer wird, die Abfallmenge zu reduzieren. Da gehen Zelte, Pavillions usw. für unter 30 CHF über den Tisch. Vielleicht wäre eine Mischung aus Belohnung und Bestrafung ein Ansatz. Die Händler sollten auf jeden Fall mit in die Pflicht genommen werden.
    Aber in einem Punkt schliesse ich mich einem Vorgängerkommentar an. Unsere Gesellschaft lernt das Wegwerfen mehr denn je.

    • Roger Riedener sagt:

      Ich schliesse mich der Meinung von Marcel Baur an. Konsum ist heute zu billig, sodass wir verlernt respektive die jüngere Generation (zu der ich mich auch zähle) gar nie erlernt hat, Konsumgütern eine Wertschätzung beizumessen. Dass wir uns alles leisten können, ist wohl das Übel unserer Gesellschaft. Ob eine solche Konsumgesellschaft nachhaltig ist, wage ich zu bezweifeln. Aber Hauptsache uns geht es gut!

    • Corinne Riedener sagt:

      bei den händlern ansetzen wäre sicher ein weg. trotzdem liegt es auch an uns verbraucherinnen. wir vergessen zu oft, dass all dieser „müll“ von jemandem für uns hergestellt wurde. wer nähte denn all die liegengebliebenen nike-turnschuhe und regenjacken?

  • adi sagt:

    diese pavillons sollte man eh verbieten oder zumindest limitieren…
    wahrscheinlich würden aber dann die meisten festival-besucher auch noch einen zeltplatz im flachen finden…

  • Niemand hat von Jugendlichen geredet – das Open Air Publikum besteht (wie im Artikel erwähnt) grösstenteils aus jungen Erwachsenen. Die sind mündig und für ihre Handlungen selber verantwortlich. Aber du hast absolut recht: Hier verdienen sich gewisse Firmen (und eben nicht das Open Air) eine goldene Nase – und die Allgemeinheit darf dafür bezahlen. Wenn der Mc Donalds dazu gezwungen werden kann, den von ihm produzierten Müll wieder aufzuräumen, müsste das bei Migros, Coop und Valora doch auch gehen…

  • Ich bin wohl zu alt, um Verständnis aufzubringen für Wegwerfer. Ich erlebe alle, vom ach so neckisch Bierbecher in die liebevoll gehegte Gartenhecke Deponierenden bis zu den Zelt-Wegwerfern als unerzogene verwöhnte Goofen, die damit rechnen, dass Mai, Kindermädchen oder Putzfrau ihnen das Spielzeug aufräumt. Was glauben solche Leute wohl, wer ihren Müll wegputzen soll? Dass dann im Sittertobel Rehe und andere Wildtiere an den scharfen Stangen sich tödlich verletzen kümmert diese arroganten Wegwerfer ja auch nicht. Das Openair findet in einem Naturschutzgebiet statt, die Veranstalter brüsten sich mit dem grünsten Festival der Schweiz. Kein Witz, eher zum Heulen.

  • Jürg Solothurnmann sagt:

    Ich finde es dumm oder zynisch, auf der einen Seite jeweils auf die „liberale Gesellschaft“ zu pochen und andererseits z.B. Migros, Coop und andere Warenhäusern quasi als böse Verführer zu brandmarken. Es geht schlicht und einfach nur, wenn freie Entfaltung auch mit einem gleich hohen Grad von Selbstverantwortung und Aufmerksamkeit gegenüber anderen verbunden ist. Eigentlich eine Binsenwahrheit. Die gleiche Mentalität wie im Sittertobel trifft man zusehends an – etwa in der SBB, öffentliochen Bussen, nach der Spontanparty im Park, Wald oder am Flussufer, in meinem Quartier auf Strassen und in zu Abfallküblen umfunktionierten Gärten usw.: „Ich mache genau das, wozu ich Bock habe und entledige mich meines Schrotts subito und wo ich will – die anderen sind mir wurscht.“ – PS: Mein Sohn kehrte kürzlich von einer mehrwöchigen Reise allein durch Japan zurück. Dort gibt es angeblich fast keine öffentlichen Abfallkübel: jeder packt seinen Abfall – sogar die Zigarettenkippen – ein und nimmt sie nach Hause. Wer sich nicht konform verhält, verliert sein Gesicht. Haben wir übnerhaupt noch eines?

    • Marcel Baur sagt:

      Es geht mir nicht um die Händler alleine, jeder soll sich an der Lösung des Problems beteiligen. Vom Besucher, über die Organisatoren bis zu den Verkäufern. Ich merke einfach, dass Dinge, die zu wenig Wert besitzen, viel eher liegenbleiben. Pavillons z.Bsp. Sind heute Teil der kalkulierten Ausgaben und 1x Artikel, genau so wie die unsäglichen Wegwerfgrills.
      Es werden wohl weitere Verbote folgen (müssen)

    • jkl sagt:

      Ja – das neue übergenerationengreifende Gesicht heisst Swiss littering – coool!

  • …jeder will eben ein stück vom kuchen.

  • letztes jahr habe ich eine mutter getroffen, die mit ihren beiden töchter zurück auf das festivalgelände in frauenfeld ist, um ihr zelt zu suchen und es wieder abzubauen. alle drei waren echt beeindruckt, was sie einen tag danach so sahen.

  • Marcel Baur sagt:

    Idee: der sauberste Platz auf dem Gelände erhält Gratistickets fürs nächste Jahr
    brauchbar?

  • […] saiten.ch hat Corinne Riedener einen Artikel über die “Generation Pavillion” einen Artikel geschrieben. Ungefähr die gleichen Gedanken hatte ich, als ich mir die Fotos […]

  • yasi sagt:

    Also; ich habe mein Zelt abgegeben. War einfacher, als es aus dem Schlamm rauszuschleppen, und versorgt war es ja schnell. Plastikhülle beim Infostand geholt, Zelt abgebaut und reingelegt und – zack – beim Container abgegeben und mit einem druckfrischen 10ner-Nötli nach Hause gegangen.
    Ich glaube, viele hätten es auch abgegeben, aber bis ich am Infostand nachgefragt habe, konnte mir niemand sagen, wo ich es abgeben soll. Eine bessere Kommunikation (z.B. mit den Wegweisern, die sonst zum Baccardi-Dom, den WCs oder den Marktständen weist) nächstes Jahr wäre sicher nicht schlecht.

    • yasi sagt:

      ach ja; nicht dass noch jemand meint, ich lasse mein Zelt jedes Jahr dort; es war mir schon ein guter Freund am OASG für einige Jahre 🙂

  • Andreas Fagetti sagt:

    Das St.Galler openair ist die ungeniessbare St.Galler Bratwurst der Gegenwart. Ein sogenanntes Markenzeichen, ein übel riechender Leuchtturm, ein kulturelles Geschwür. Ausgelöst von Konzernen, die den Anlass im Laufe der Jahre kolonisiert haben und von Menschen, die sich nur zu gerne kolonisieren und kommerziell verwursten lassen.

    • Marcel Baur sagt:

      Naja, dafür gab es schon seit Jahren keine Drogentote mehr, man braucht keine Angst vor herumliegenden Spritzen mehr zu haben, holt keine Scherben mehr aus den Füssen und man wird höchstens noch zu einem Bier bekehrt. Früher war alles anders, aber besser?

  • […] Man beglückwünscht @meisterrem zur schnellsten Lösung, und hofft, dass unsere Leserschaft ihre Habseligkeiten wieder nach Hause gebracht hat. […]

  • CAVO sagt:

    Wie wär mein Vorschlag – Leute die beim Eingang mit einem Pavillion erscheinen, kriegen einen anderen „Bändel“ und müssen beim verlassen des Geländes den Pavillion abgeben, nach Hause tragen oder eine gewisse Busse (Bsp. CHF 100) bezahlen für die Aufräumarbeiten.

  • Philipp sagt:

    Warum nicht so wie Rock am Ring / Rock im Park wo es einen „Award“ gibt mit etlichen Preisen? Die Gruppe welche den schönsten Platz hinterlässt und mit Foto (vorher – nachher) dokumentiert kriegt für die ganze Gruppe ein grosses Preispaket (Tickets fürs nächste Jahr, einen Pokal und ein Merchandising-Paket welches bei einem Konzert des Veranstalters übergeben wird). Würde wohl auch der eine oder andere mit machen!

  • Sandro Ruf sagt:

    Hahaha hauptsach wird üse platz fotografiert xD

  • Marcel Baur sagt:

    So, die Schlammausrede zählt nun auch nicht mehr, das selbe Bild auch in Frauenfeld.
    Leider scheinen nur Verbote und der Weg übers Portemonnaie möglich.

  • […] kritisieren. Es gäbe ja auch Ansätze: Warum fällt es der heutigen Gesellschaft so leicht, Dinge wegzuwerfen? Warum sind Zelte mittlerweile so billig, dass es niemandem mehr wehtut, sie stehen zu lassen? […]

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