, 18. Februar 2015
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Geothermie: Der lange Abschied vom tiefen Loch

Die Geothermie wird St.Gallen vorerst erhalten bleiben – wenn auch nicht als nutzbare Erdwärme zu Heizzwecken, so doch wenigstens als Feld für die geologische Tiefenforschung.

Am Mittwoch zogen der scheidende Vorsteher der Direktion Technische Betriebe, Stadtrat Fredy Brunner, und der Leiter Geothermie, Marco Huwiler, an einer Medienkonferenz Bilanz. Brunner verwies nochmals auf die wichtigsten Gründe des Geothermie-Projektabbruchs: zu geringe Heisswasser-Förderrate, erhöhtes Erdbebenrisiko, fehlende Wirtschaftlichkeit und das damit verbundene finanzielle Risiko.

Aus dem 4450 Meter tiefen Bohrloch im Sittertobel könnte zwar in einer «Singletten-Nutzung» Gas gefördert werden, die Investitionen lägen aber in einem Bereich von 6,5 bis 7,5 Millionen Franken. Aufgrund der unsicheren Prognose zum förderbaren Gasvolumen ist aber eine Umsetzung ohne finanzielle Beteiligung von Kooperationspartnern derzeit nicht vorstellbar.

«Lehrgeld für die Geothermie-Branche»

«Wir waren so nahe dran», sagte Brunner, und es klang zufrieden und nicht nach Frust. Der gescheiterte Energie-Visionär rühmte die «vorbildlichen und erfolgreichen» Vorarbeiten durch 3D-Seismik. Das war die Kampagne mit den Schüttel-Lastern. Auch sei die Bohrung auf 4500 Meter Tiefe sehr gut gelungen, sagte der Vorsteher der Direktion Technische Betriebe. Zudem habe man mit dem Geothermie-Projekt viel Know-how mit einer Lernkurve für weitere Projekte aufbauen können.

Zu den «tragischen» Momenten zählte Brunner den Gaseinbruch und das Erdbebenrisiko. Damit seien weitere Interventionen verhindert worden. «Wir haben Lehrgeld für die gesamte Geothermie-Branche bezahlt», sagte Brunner. Projektleiter Huwiler wird die Übung in guter Erinnerung behalten: «Das Projekt hat sehr viel Wissen über die lokale Geologie in der Region St.Gallen aufgezeigt, gleichzeitig das Potenzial der Geothermie Schweiz bestätigt und eine gute Grundlage für weitere Projekte gelegt.»

Der St.Galler Stadtrat hat entschieden, das Bohrloch auf Zeit provisorisch zu verschliessen. Die noch in den Kinderschuhen steckende geologische Tiefenforschung wird den Untergrund wissenschaftlich untersuchen können. Nach ein paar Jahren soll das Loch im Sittertobel aber endgültig gestopft werden. Danach wird es nicht mehr nutzbar sein.

Kein Kraftwerk im Raum Gossau-Herisau

Parallel dazu haben die St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke entschieden, den Plan eines Geothermie-Heizkraftwerks inklusive Fernwärmeversorgung im Raum Gossau-Herisau aufzugeben. Wegen der komplexen geologischen Verhältnisse wären die Risiken zu hoch, gab das Konsortium bekannt, das seit Mai 2010 die Machbarkeit eines solchen Geothermie-Heizkraftwerks westlich der Stadt prüft.

Die Erfahrungen vom Bohrloch im Sittertobel seien dafür entscheidend gewesen, namentlich «die Erkenntnisse über die unzureichende Thermalwasserfliessrate, die Gasführung, die hohen Gesteinstemperaturen sowie die Erdbebenereignisse», schreibt das Konsortium. Zwar könnten diese Erfahrungen nicht direkt übertragen werden; «dennoch ist davon auszugehen, dass aufgrund von ähnlichen geologischen Verhältnissen und analogen untertägigen Zielgebieten auch im Gebiet Herisau-Gossau potenziell mit vergleichbaren Schwierigkeiten gerechnet werden muss.»

Trotz des Geothermie-Abbruchs wird 2015 in St.Gallen der 4. Internationale Geothermie-Kongress stattfinden. Ob es danach weitere Veranstaltungen dieser Art in der Gallusstadt geben wird, ist noch nicht klar und hängt auch von der Finanzierung ab.

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