Es ist eine einzige grosse Anrufung: Kreta, das Gedicht im gleichnamigen Lyrikband von Fred Kurer von 1996. «Gepriesen sei…» lautet die Formel; der Autor preist die Natur vom Sand bis zum Schwefelgeruch von Blitzen, er ruft die Verschämten und die Hochgestreckten, die Traumschweren und die Nachdenklichen, er riecht die Myrte und spürt die Leere, das Brennende und das Netzende, den Himmel und das Flaumhaar am Bein.
Kurers Gedicht ist ein sprachgewaltiger Schwall von Lobpreisungen, ein Preis des Lebens in all seinem Glanz und seiner Vergänglichkeit. Und eine Ode an das «fraglos klare Gesetz des Gefühls».
Das Gedicht bildet an diesem Mittwochabend den Abschluss der Hommage an Fred Kurer, gesprochen von Matthias Flückiger und umspielt von Pianist Urs C.Eigenmann, dem es gewidmet ist. In ihm ist noch einmal die Lebenslust und Weltzugewandtheit des Autors zu spüren. Und auch seine heitere Selbstdistanz, seine Abneigung gegen alles Pathos, wenn er zwischenhinein ein «Ach ja» schiebt. Und aufhört mit den Zeilen: «Gepriesen sei / Die Welt / Das Zuhause / Das Andre / Das Hier».
Seit einem halben Jahr rund ist Fred Kurer nicht mehr «hier», gestorben kurz nach seinem 85. Geburtstag. Aber hier in der Kellerbühne, die er 1968 bis 1974 selber geleitet hatte, wird er noch einmal sehr lebendig. Weggefährt:innen aus Literatur und Musik erinnern an den Lyriker und Theaterautor, an den Freund, den grosszügigen Geber und Förderer, den Reisenden, den Kabarettisten.
Der mit der seefahrenden Seele
Erika Fritsche singt, begleitet von Rudolf Lutz am Klavier, noch einmal das melancholische Herbst-Chanson I weiss nöd aus der Sälewie-Ära. Martin Wettstein, ebenfalls Weggefährte aus Kabarett- und Kellerbühnenzeiten, liest Kurers umwerfendes Mundartgedicht über die «Sanggaller Definition vo Glück» – liebenswürdiger ist kaum je die brötige St.Galler Seele besungen worden. Andrea Spychiger erinnert an den Leseclub der «Literarchen», Heiko Strech an die jahrzehntelange Joseph-Conrad-Begeisterung, die er mit Kurer und dessen «seefahrender Seele» teilte.
Wie umfangreich und unverwechselbar Kurers literarisches Schaffen war, macht Ivo Ledergerber mit einem Säntis-Gedicht oder Matthias Peter mit dem berührenden Text Mein Vater (aus St.Gallen und andere Liebschaften, 2008) deutlich. Isuf Sherifi würdigt mit einer zweisprachigen Lesung von Trauer die kosovarisch-deutschen Publikationen Kurers. Kontrabassist Franciso Obieta improvisiert zu einem ihm gewidmeten Gedicht. Matthias Flückiger liest aus dem einzigen Roman Kurers, Abschied von…, 1976 erschienen.
Gabrielle Alioth würdigt den Übersetzer Kurer mit Auszügen aus The Poet’s Coat (2019). Verlegerin Irène Bourquin zitiert aus der Waldgut-Publikation Best of Fred von 2016 und kündigt zur Freude des Publikums noch einmal ein Kurer-Buch an: Eine Auswahl seiner Gedichte, ins Italienische und Tessinerische übersetzt, erscheint nächstes Jahr unter dem Titel Wenn Träume träumen könnten / Se i sogni sapessero sognare beim Thurgauer Caracol Verlag.
Lachen und weinen
Als Leiter der Kellerbühne, betont Matthias Peter, habe sich Kurer nicht nur für Kabarett auf höchstem Niveau von Kaspar Fischer bis Hans Dieter Hüsch, vom jungen Joachim Rittmeyer bis zum gestandenen Georg Kreisler stark gemacht, sondern auch für ein kritisches Programm «ohne augenzwinkerndes Einverständnis». Theater sollte für ihn eine «sichtbare Demonstration des Menschlichen» sein.
Noch einmal eine andere Facette tönte durch die Gedichte durch: jene des Melancholikers und Sinnierers. Joseph Conrads «mutiges Scheitern» hat ihn zeitlebens beeindruckt. «Was eigentlich mach ich hier» heisst eine seiner Gedichtsammlungen, und an anderer Stelle packt ihn «plötzlich ein Verlangen, ein Stück Welt aus der Nacht herauszuschneiden».
Richard Butz, der das Programm zu Ehren von Fred Kurer kenntnisreich zusammengestellt und moderiert hat, bringt diese melancholische Seite seines langjährigen Reisepartners und Freundes mit einer Zeile von HC Artmann auf den Punkt: «Und lach ich, wein ich doch».
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
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