, 2. Februar 2019
4 Kommentare

«Gerade die FDP sollte sich anhören, was wir zu sagen haben»

Kaija Eigenmann und Dominic Truxius vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz über die Demo am Samstag in St.Gallen, das Verhältnis zur Polizei und die Kritik von bürgerlicher Seite.

Kaija Eigenmann und Dominic Truxius nach der Demo am Samstag. (Bilder: co)

Saiten: Die Klimademo heute in St.Gallen war ein Erfolg. Die einen sagen, es waren rund 1000 Leute dabei, ihr sprecht von fast 2000. Habt ihr damit gerechnet?

Kaija Eigenmann: Das hat uns überrascht, wir haben mit weniger gerechnet. Aber mega cool, dass so viele gekommen sind!

Dominic Truxius: Es war ein Lottospiel, denn die Zahl der Teilnehmenden hat etwas stagniert wegen der Repressionen seitens des Bildungsdepartements und der Schulleitungen. Wir waren uns nicht sicher, ob jene, die den Schulstreiks wegen der drohenden unentschuldigten Absenz fernblieben, heute kommen. Doch die meisten sind wieder gekommen – und mit ihnen viele andere. Grossartig!

Leute, die eine Unentschuldigte kassiert haben, konnten sich beim Klimakollektiv melden, falls sie Unterstützung benötigen. Waren das viele?

DT: Unentschuldigte Absenzen gab es einige, ja, aber konkret gemeldet hat sich niemand. Das Rektorat der Kanti am Burggraben hat übrigens seine Versprechungen nicht eingehalten: Es hiess zum Beispiel, wenn man bis am 11. Januar ein Gesuch stellt für den Streik am 18., gebe es keine unentschuldigte Absenz. Ich habe mein Gesuch fristgerecht eingereicht und bekam trotzdem eine. Anderen ist es gleich ergangen. Ich habe deswegen bereits vor zwei Wochen ein Mail zuhanden der Schulleitung geschrieben und erhielt bis heute keine Antwort. Das finde ich nicht korrekt.

KE: Ich hatte auch zwei Unentschuldigte, konnte es aber klären.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Klimastreik?

KE: Wir hören nicht auf, es wird weitere Streiks und Demos geben.

DT: Geplant ist einmal pro Monat ein Streik am Freitag und an einem zweiten Freitag eine zusätzliche Aktion während der Schulzeit. Das kann zum Beispiel ein Flashmob sein, ein Vortrag oder eine andere kreative Aktion.

Ihr sagt, eure Bewegung soll parteiunabhängig sein. SP und Grüne sympathisieren mit euch, Gegenwind kommt vor allem von rechter und bürgerlicher Seite. Würdet ihr euch trotzdem mit der FDP oder der SVP an einen Tisch setzen?

DT: Klar. Gerade die FDP sollte sich anhören, was wir zu sagen haben! Schliesslich betrifft sie das Thema ganz besonders, denn sie trägt die Schuld daran, dass das CO2-Gesetz in den Sand gesetzt wurde. So gesehen ist unsere Bewegung auch eine Reaktion auf die bürgerliche Politik.

KE: Ich würde auch mit den Bürgerlichen an einen Runden Tisch sitzen, aber nur unter der Bedingung, dass sie auch bereit sind, uns wirklich zuzuhören. Sonst wäre ein solches Gespräch nicht sinnvoll.

Greta Thunberg ist ferngesteuert, die Jungen wollen eh nur schwänzen, sie tragen Winterjacken mit Pelzkragen und jetten ständig um die Welt: Wie geht es euch mit solchen Vorwürfen von bürgerlicher Seite?

KE: Entweder sie haben uns einfach nicht verstanden oder sie argumentieren extra am Thema vorbei. Und man gibt gewissen Leuten, Rino Büchel von der SVP zum Beispiel, auch einfach zu viel Raum.

DT: Vom eigentlichen Thema abzulenken, ist eine der gegnerischen Strategien. Uns geht es um ein gesellschaftliches Problem, das uns alle betrifft, und sie versuchen es zu individualisieren, indem sie den Konsum von Einzelpersonen kritisieren. Klar müssen alle bei sich selber anfangen, aber das ist nicht die Aufgabe unserer Bewegung.

Moritz Rohner hat in seiner Rede an der Demo darauf hingewiesen, dass man das Klimaproblem nicht lösen könne, ohne auch die Systemfrage zu stellen. Teilt ihr diese Meinung?

DT: Unsere Forderungen sind klar. Wenn wir diesen mit dem jetzigen, kapitalistischen System nicht nachkommen können, braucht es einen Systemwechsel, ja. Dann müssen wir das System eben so umformen, dass es funktioniert. Es gibt auch alternative Gesellschaftsformen und die Zeit drängt.

Am 15. Februar veranstaltet ihr ein Podiumsgespräch und eine Soliparty in der Grabenhalle. Wofür wird gesammelt?

KE: Nur um die Kosten zu decken.

DT: Nehmen wir die Bewilligungen: 100 Franken pro Demo sind an sich nicht so viel, aber wenn man fast wöchentlich Aktionen macht, läppert sich das zusammen. Wir haben uns ein Megaphon angeschafft, wir brauchen Material für die Transparente – das sind alles Investitionen, die irgendwie finanziert werden müssen. Und da wir nicht so scharf sind auf Spenden von Parteien oder Vereinen, versuchen wir es nun mit einer Soliparty.

Die Bewilligungen: Ist das bis jetzt immer reibungslos verlaufen oder musstet ihr betteln bei der Polizei?

DT: Probleme gab es bis jetzt nicht, aber ich habe das Gefühl, man nimmt uns nicht so ganz ernst bei der Polizei. Den Schluss der Demo heute zum Beispiel wollten wir auf dem Klosterplatz machen. Das wurde uns aber nicht erlaubt, weil es dort angeblich noch fast einen halben Meter Schnee habe. Und man will uns auch nicht auf den Hauptverkehrsachsen laufen lassen, weil das nur bei den grossen Demos am 1. Mai erlaubt sei. De facto waren unsere Demos aber immer gleich gross oder noch grösser. Der Unterschied ist wohl, dass bei uns keine Nationalrätinnen den Umzug anführen.

Kaija Eigenmann, 15, ist im zweiten Kantijahr mit Schwerpunkt Bildnerisches Gestalten. Dominic Truxius, 17, ist ebenfalls im zweiten Kantijahr und hat das Schwerpunktfach Wirtschaft & Recht. Sie sind Mitglieder des 15-köpfigen Kollektivs Klimastreik Ostschweiz.

4 Kommentare zu «Gerade die FDP sollte sich anhören, was wir zu sagen haben»

  • Matthias sagt:

    Ich bin beeindruckt wie differenziert und präzise sich die beiden Jugendlichen, auch zu politischen Fragen, äussern und Strategien enttarnen.
    Genannte bürgerliche Politiker*innen dürften sich ein Stück von dieser Ehrlichkeit abschneiden. Ich würd mir jedoch keine Sorgen machen wegen solcher Ignoranz. Die Dinosaurier werden aussterben 😉
    Habe gestern während der Demo so viele starke, geerdete und friedliche Menschen allen Alters gesehen, das stimmt zuversichtlich. Bei der Multergasse habe ich in jedes Geschäft geschaut, in einer nachaltigen Gesellschaft werden sie alle überflüssig sein. Das macht diesen Menschen angst. Ich denke wir müssen sie an der Hand nehmen und mit ihnen die bürgerlichen Politiker*innen. Wenn wir System-change rufen, müssen wir auch Verantwortung übernehmen.
    Danke für euer Engagement, peace.

  • Marcel Baur sagt:

    Ich stehe voll hinter den Jugendlichen oder mittlerweile besser hinter der Bewegung. Was mich aber stört ist der sogenannte „Systemwechsel“. Ist es wirklich nicht möglich, dass wir für etwas hinstehen können ohne Seitenhiebe auszuteilen?
    Es gibt auch Kreise, die sich für eine nachhaltige Umweltpolitik einsetzen und dennoch sogenannt bürgerlich denken. Umwelt- und Klimaschutz ist auch eine Riesenchance wirtschaftlich etwas zu erreichen. Wenn wir es schaffen, als kleine Schweiz hier mit Forschung, Entwicklung und Innovationen die Welt nach vorne zu bringen, dann sollten wir das tun. Aus dem Klimastreik ein politisches „Wir sind besser als die anderen und ein Systemwechsel löst alle Probleme“ zu konstruieren ist mit Sicherheit der falsche Weg etwas bewegen zu wollen (PS: ich meine da nicht die Scheuklappen- und Verhindere-Parteien)

  • Sigmund Graf sagt:

    Wenn das jetzige System uns alle in den Abgrund führt, braucht es einen Wechsel. Wenn es sich selber ausreichende transformiert, dann nicht. Was denn sonst? Wovor hast Du Angst?

  • Sigmund Graf sagt:

    Wenn das jetzige System Dich und uns alle in den Abgrund führt, braucht es einen Wechsel. Wenn es sich selber ausreichend transformiert, dann nicht. Was denn sonst? Wovor hast Du Angst?

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