, 16. April 2021
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Get to the Choppa!

Während Stunden kreiste am Karfreitag und am Ostersonntag der Polizeihelikopter über St.Gallen und verbreitete auch für die Hinterletzten, die noch nichts von den Krawallen mitbekommen haben, das schauerliche Gefühl wahrer Bedrohung. Der Helieinsatz war leider nötig, sagt die Stadtpolizei.

Steigende Nachfrage: Der Polizeihelikopter der Kapo Zürich. (Bild: pd)

Im zentralamerikanischen Dschungel wird Arnold Schwarzenegger alias Major Dutch von einem unsichtbaren Alien niedergelasert. Mit schmerzverzerrter Visage und unverwechselbarem Dialekt schreit er seiner Kampfgefährtin zu: «Run! Get to the Choppa!»

Meist dient der Helikopter, wie hier im Action-Streifen Predator von 1987, dem Personentransport in abgelegene Gebiete. Der «Chopper» ist aber auch ein Kriegsgerät, das die USA gerne rund um den Globus einsetzen. Im Kontext des Viatnamkriegs etwa ikonografisch inszeniert von Francis Ford Coppola als Walkürenritt (Apocalypse Now, 1979) oder von Stanley Kubrick als durchgedrehter MG-Exzess (Full Metal Jacket, 1987).

 

Krieg herrschte auch in den Hoods von Los Angeles der 1990er-Jahre, wo sich Gangs und die Polizei gegenseitig bekämpften. Auch dort kam der Helikopter zum Einsatz. Da geht es nicht um Beschuss, sondern um Aufklärung und innerstädtische Sicherheit.

Schon 1982 wusste Max Goldt, damals Sänger des Neue-Deutsche-Welle-Duos Foyer des Arts: «Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz». Im Song bedrohen «Handtaschenräuber» und «Scheinasylanten» die innerstädtische Sicherheit, was zum «Verlust der Aufenthaltsqualität im gesamten City-Gebiet» führt, und das Gebot der Stunde ist eben: Hubschraubereinsatz.

St.Gallen im Krieg?

Das gilt seit Ostern auch für St.Gallen. Auf dem Roten Platz und in den Gassen rundherum werden Bierflaschen auf Beamte in Körperpanzern geworfen und darüber kreist die Kapo Zürich mit dem einzigen Polizeihelikopter der Schweiz. Unten Deutschrap, oben Lynyrd Skynyrd – und endlich Sicherheit.

Wer in St.Gallen von den Krawallen und den rigorosen Kontrollen am Ostersonntag direkt nichts mitbekommen hat, der Helikopter war unüberhörbar. Gerade während der Wandersaison ist man sich ja die Rega gewohnt, die in beinahe wohltuender Regelmässigkeit Sandalisten aus dem Alpstein ins Kantonsspital fliegt. Auch sie fliegt in letzter Zeit tiefer und damit lauter, aber immerhin auf direktem Weg. Stundenlanges Kreisen ist man sich hier im Osten (noch) nicht gewohnt.

Offenbar war es aber nötig, wenn man die Stadtpolizei fragt. Die Ausschreitungen vom 26. März hätten gezeigt, dass es eine Herausforderung ist, in der Innenstadt den Überblick zu behalten, schreibt Stapo-Sprecher Dionys Widmer auf Anfrage. «Der Helikopter wurde zwecks Aufklärung und nicht zwecks Abschreckung eingesetzt.» Auch der Einsatz von Drohnen sei geprüft worden. Diese seien für den Einsatz über Menschenmengen aber zu gefährlich und ausserdem wetteranfällig.

Darum hat die Stapo St.Gallen bei der Kapo Zürich den Helikopter angefordert. Der Ecureuil AS 350 B3+ (das «Eichhörnchen» von Airbus) gehört der Heli Linth in Dübendorf und wird von der Kapo Zürich für rund 100 Einsätze im Jahr gechartert. Das sind vor allem Suchflüge nach Vermissten oder flüchtigen Verdächtigen, Lagebeurteilungen bei Naturereignissen, Crowd-Management bei Grossanlässen (etwa bei der Street Parade) oder Verkehrsbeobachtungen.

Er kann mit diversem optischem Material ausgestattet werden, so etwa mit Farb- und Schwarzweiss-Sensoren, einem 3D-Airborne-Scanner, oder einem Notsender-Suchsystem. In St.Gallen sei die kreiselstabilisierte Kamera mit Wärmebildsensor zum Einsatz gekommen, heisst es auf Anfrage bei der Kapo Zürich. An Bord waren ein Pilot, ein Copilot, ein Systemoperator und der Fliegende Einsatzleiter, den die Stapo St.Gallen stellte.

Der Ecureuil wird im Verbund finanziert, dem die Kantonspolizeien Appenzell Ausserrhoden, Aargau, Basel-Landschaft, Schwyz, St.Gallen und Zürich (Kapo und Stapo), kantonale Ämter aus dem Bevölkerungsschutz und das Bundesamt für Landestopografie angehören. Die Einsätze bezahlen die aufbietenden Stellen.

Kosten unklar, Nutzen offenbar vorhanden

In St.Gallen mussten die Positionslichter zweitweise ausgeschaltet werden, was grundsätzlich streng verboten ist. Dies sei geschehen nicht etwa, weil man Beschuss befürchtete, sondern weil versucht worden war, die Piloten mit Laser zu blenden. So zumindest die Erklärung der Kapo Zürich. Nach einer Meldung an die Luftsicherung sei die Crew dazu berechtigt gewesen.

Wie viel die Helikoptereinsätze über Ostern gekostet haben, werde aus polizeitaktischen Gründen nicht kommuniziert, sagt Dionys Widmer. Der Helikopter sei bei den insgesamt 500’000 Franken aber kein Kostentreiber gewesen. «Wir haben sehr positive Erfahrungen mit diesem Einsatzmittel. Aufgrund der Informationen aus der Luft konnten auch Personen kontrolliert werden, bei denen gefährliche Gegenstände sichergestellt wurden.» Damit seien weitere Sachbeschädigungen verhindert worden.

Dass der Helikopter «Krieg» suggerieren soll, ist für die Polizei nicht nachvollziehbar. «Schliesslich sind die bekanntesten Helikopter der Schweiz jene der Rega. Und diese retten Leben.» Klar, der Lärm könne störend wirken. Ein Einsatzmittel müsse aber «notwendig, geeignet und verhältnismässig» sein. «Zum Schutz unserer Mitarbeitenden und um den Einsatz bestmöglich bewältigen zu können, war der Helikopter wichtig.»

Am 26. März sei es ohne Helikoptereinsatz zu Ausschreitungen gekommen, am Ostersonntag trotz Heli nicht. «Wir sehen also keinen Zusammenhang zwischen Helikopter und Aggression.»

 

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