Die Töne passen ins Sitterwerk: harte regelmässige dumpfe Hammerschläge, zwischendurch klingt es auch nach Metall. Industriesound, und dazu zucken die Körper in abgezirkelten, mechanischen Bewegungen. Die Musik setzt aus, die Körper formieren sich neu, mit der Zeit erkennt man wiederkehrende Muster, manche wirken wie ein Tick – die Zeigefingergeste, der Hüftschwung, Blicke mit angewinkeltem Kopf, ein Schleudern, ein Schlendern, ein Zurückweichen.
«Who’s there» nennt die achtköpfige Truppe um Dominique Enz und Juliette Uzor ihr Stück. Es verweigert sich ebenso raschen Einsichten wie die literarische Vorlage, der Roman «Schlafgänger» von Dorothee Elmiger. Es stellt wie dieser Figuren in den Raum, denen man interessiert und manchmal ratlos zuschaut, die sich in Monologen und Handlungen äussern, ohne dass sich daraus eine geradlinige Geschichte ergibt.
Umso stärker ist die atmosphärische Spannung. Man folgt den Figuren einzeln, sieht sie sich zusammenschliessen zu Zweier-, Dreier-, Fünfergruppen und wieder auseinanderfallen in leichthändigen, präzis geführten Choreographien. Man sieht Getriebene neben Entspannten, das Individuum neben der Horde, Eigenwilligkeiten neben rituellen Repetitionen.
Einmal bildet die Truppe zu siebt eine Mauer, einer klettert drüber, drängt sich ein, wird selber zur Mauer: In solchen Formationen verdichtet sich ein zentrales Thema des Romans, die Grenze und die Katastrophen der Flüchtlingspolitik. Andere Stränge ziehen sich textlich durch den Abend, insbesondere der Ikarus-Mythos und der Sturz des schlaflosen Logistikers vom Dach.
Die Übersetzung des collageartigen Texts in Körpersprache sei aus Improvisationen entstanden, erzählen die Ensemblemitglieder. Für unterschiedlichste Figuren und Szenen wurden gestische Entsprechungen gesucht, daraus bildete sich eine Art «Bewegungsbibliothek», aus der wiederum die grösseren Bögen der Choreographie entwickelt wurden – und in höchster Präzision auf die Bühne kommen, obwohl nur ein Teil des Ensembles eine Tanzausbildung hat. Mit dabei sind: Dominique Enz, Florentin Heuberger, Moritz Lehner, Maurus Leuthold, Sebastian Ryser, Stephanie Schmidt, Juliette und Myriam Uzor.
«Who’s there»? – Antworten kann man sich als Zuschauer selber zurechtlegen. Wer sicher «there» ist: ein blendend eingespieltes junges Ensemble, das teils schon in früheren Theater- und Tanzproduktionen zu sehen war. Mit dem jetzt uraufgeführten Stück soll es nach der Premiere weitergehen, wenn möglich auch unter freiem Himmel: «Im Frühling, Sommer und Herbst an neuen Orten zu sehen», verspricht die Einladungskarte.
Freitag, 27. (ausverkauft) und Samstag, 28. Februar, 20 Uhr, Gastatelier des Sitterwerks St.Gallen. Reservationen: whosthere@gmx.net
Bilder: Katalin Deér
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.