Durch die steigenden Infektionszahlen ist auch im Arboner Presswerk der letzte Ton längst verhallt. Cyrill Stadler ist überzeugt, dass wir noch eine Weile mit dem Virus leben müssen und die Konzertbranche Lösungen braucht, damit umzugehen.
Trotz sich zuspitzender Coronalage traten Bubble Beatz noch Mitte Oktober in der grossen Eventhalle des Backsteingebäudes auf. Das St.Galler Perkussionsduo hätte bereits im April eine Show im Presswerk gehabt, die wegen des Lockdowns auf den Herbst verschoben wurde.
Wie wichtig es ihm sei, Kultur auch in schwierigen Zeiten zu ermöglichen, zeige diese bisher letzte grosse Show im Presswerk, sagt Cyrill Stadler: Normalerweise passen 800 Gäste in die Eventhalle. Um dem Publikum ausreichend Ausweichmöglichkeit zu gewährleisten, spielten Bubble Beatz lediglich vor 200 Leuten, die nochmals auf zwei Sektoren verteilt waren. Diese Taktik hätten sie bereits im Vorsommer gefahren und im September wieder aufgenommen. Mit dem Beschluss vom 28. Oktober wurde es schliesslich auch hier still: «Mit weniger als 50 Personen lohnt sich ein Konzert nicht.»
Stadler ist Co-Präsident des Kulturvereins Presswerk sowie im Verwaltungsrat der Kulturzentrum Presswerk AG. Er sitzt ebenfalls seit 2004 in der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat des Openair St.Gallen und ist Präsident der Arboner Summerdays Festival AG. Beim Spiezer Seaside Festival ist er ausserdem für die Finanzen verantwortlich.
Nach 20 Jahren Leerstand umfunktioniert
In den Räumen des noch jungen Arboner Kulturzentrums erzählt Cyrill Stadler, der seinen Mundschutz auf sein fliederfarbenes Hemd abgestimmt zu haben scheint, von den Anfängen: «Dass das Klinkergebäude heute wieder so belebt und genutzt wird, ist ein Riesenzufall, aus dem super Symbiosen hervorgegangen sind.» Die Musikschule Arbon habe nach neuen Räumlichkeiten gesucht, und er und seine Mitstreiter fanden, eine Stadt mit knapp 15’000 Einwohnerinnen und Einwohnern wie Arbon brauche ein Kulturzentrum. «Und zu einer Kulturhalle gehört auch ein Restaurant.»
Cyrill Stadler im leeren Presswerk.
Die Kulturzentrum Presswerk AG ist unterteilt in Musikschule, Gastro und Eventhalle sowie den Kulturverein, der die Konzerte veranstaltet. Ans Restaurant ist zudem das Saurer-Museum mit einer Lastwagen- & Textilmaschinenausstellung angegliedert.
Die Industriehalle stand 20 Jahre leer. Das zwischen 1905 und 1910 erbaute Gebäude diente der Stickereifabrik Heine bis in die 1940er-Jahre als Energiezentrale. Später nutzte die Firma Saurer das Gebäude als Presswerk für Carrosserieteile für den bedeutendsten Schweizer Lastwagenhersteller – Adolph Saurer. Heute steht das Presswerk unter Denkmalschutz.
presswerk-arbon.ch
Die Träger kauften das Gebäude und liessen es aufwendig renovieren. 2017 erstrahlte es dann im neuen Industrial-Design-Look, der modern ist und gleichzeitig an die Historie des Baus erinnern soll. «Die letzten zwei Jahre sind super angelaufen», sagt der Co-Präsident sichtlich begeistert.
Es gab monatlich ein bis zwei Konzerte, die der Kulturverein organisierte, neben den Veranstaltungen des Gastro-Teams oder der Musikschule. Der Kulturverein buchte bisher vor allem Acts aus dem Rock-Pop-Bereich. «Die Halle hallt aber wunderbar. Sie eignet sich meiner Ansicht nach hervorragend für Streicher», meint Stadler, der die Nutzung der Halle gerne durch klassische Orchester erweitern möchte.
Mitglieder halten Kulturverein über Wasser
Doch vorerst ist Schluss mit der Träumerei. Wie geht eine Eventhalle mit einem derart krassen Einschnitt um? Im Kulturverein sind sechs Vorstandsmitglieder beschäftigt, bei der Konzertproduktion helfen Freiwillige mit. In der Gastronomie arbeiten rund 20 Leute in Teilzeit. «Die Konzertausfälle bedeuten für uns schon eine Belastung. Wir haben aber das Glück, dass unsere über 300 Mitglieder für eine gewisse Liquidität sorgen.» 300 ist eine grosse Zahl nach so kurzer Zeit. «Das ist Wahnsinn! Aber Co-Päsident Daniel Eugster und ich sind hier verwurzelt und gut vernetzt. Wir wussten, dass wir von allen Seiten Unterstützung bekommen, um einen Kulturbetrieb aufbauen zu können. Das war in Arbon ein grosses Anliegen.»
Als Mitglied im Kulturverein zahlt mensch einen Jahresbeitrag von 240 Franken. Dafür gibt es vergünstigte Konzerte. 2020 kamen die Mitglieder durch den Ausfall der Veranstaltungen allerdings nicht auf ihre Kosten. «Wir überlegen uns noch, was wir für jene tun können, die dieses Jahr nicht auf ihr Programm kamen.»
Von gestreamten Veranstaltungen hält Cyrill Stadler wenig: «Ich als Liebhaber von Live-Konzerten habe da nicht so den Zugang dazu.» Es sei weder für die Künstlerinnen und Künstler noch für das Publikum das Gleiche. «Für die kurze Zeit im Frühjahr war das okay, aber jetzt müssen wir Lösungen finden, wie wir zurück zum Live-Konzert kommen.»
Im Februar hätte die Halle wieder mit Leben und Klang gefüllt sein sollen. Daraus wird vorerst nichts. «Ich bin überzeugt, dass wir mit Corona leben müssen. Darum werden wir Konzepte erarbeiten, die auf die jeweiligen Situationen abgestimmt sind.» Wie diese aussehen könnten, ist noch unklar. «Impfungen? Tests vor dem Konzert? Wir sind offen für alles. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, den Konzertbetrieb wieder aufzunehmen, machen wir das auch.»
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