Gewehrschuss und Neonlicht inmitten von Kuhglocken

Der mit weissen Tüchern behangene Schopf von Vanessà Heer. (Bilder: Philipp Bürkler)

Im Hochmoor von Gais hat das biennale Festival Klang Moor Schopfe begonnen. Nationale und internationale Künstler:innen zeigen noch bis Sonntag ihre Klanginstallationen.

Ge­bim­mel, Ge­bim­mel, Ge­bim­mel: Schon beim Aus­stei­gen aus dem Zug in Schach­en ist das Läu­ten der Kuh­glo­cken kaum zu über­hö­ren. Sie wir­ken wie ein akus­ti­sches Pre­set, ein Sound­track der hü­ge­li­gen Ap­pen­zel­ler Land­schaft ober­halb von Gais. So do­mi­nant und ver­traut die Glo­cken auch sind, so rasch ver­schwin­den sie wie­der aus der be­wuss­ten Wahr­neh­mung – ähn­lich wie ein Ra­dio, das im Hin­ter­grund läuft. Man hört es, und zu­gleich auch nicht.

Künstlerin Kanako Saito.

Für die in To­kio le­ben­de Künst­le­rin Ka­na­ko Sai­to ist die­ses Klang­bild ei­ne völ­lig neue Er­fah­rung. «So­was gibt es in Ja­pan nicht, schon gar nicht in To­kio», sagt sie be­geis­tert. Sai­to ist Klang­künst­le­rin und DJ, und am Klang Moor Schop­fe prä­sen­tiert sie erst­mals aus­ser­halb Ja­pans ih­re Ar­bei­ten. Ih­re ki­ne­ti­sche Klang­in­stal­la­ti­on in ei­ner der zwölf Holz­hüt­ten kom­bi­niert far­bi­ges Ne­on­licht mit me­tal­le­nen Klang­ob­jek­ten wie Scha­len und Fäs­sern – ein poe­ti­sches Zu­sam­men­spiel aus Licht, Klang und Be­we­gung.

In­ter­ak­ti­on und Schreck­mo­men­te

Ei­ne ganz an­de­re At­mo­sphä­re er­war­tet das Pu­bli­kum in ei­nem Schopf, der mit Ne­bel ge­füllt und mit weis­sen Tü­chern be­han­gen ist. Aus meh­re­ren Laut­spre­chern er­tönt dort die man­tra­haf­te Stim­me von Va­nes­sà Heer in ei­ner Art me­di­ta­ti­vem Sprech­ge­sang. Die in Tro­gen le­ben­de Künst­le­rin über­setzt tra­di­tio­nel­le Sprech­ri­tua­le wie Alp­se­gen oder Ge­be­te in rhyth­mi­sche Tex­te, die ak­tu­el­le Fra­gen des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens aus fe­mi­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve ver­han­deln.

Für ei­nen Schreck­mo­ment sorgt der deut­sche Kon­zept­künst­ler Olaf Ni­co­lai. Sein Schopf ist wie ein ge­müt­li­ches Wohn­zim­mer ein­ge­rich­tet, mit Ses­seln, So­fa und ei­ner Kom­mo­de. Dar­auf steht ein Plat­ten­spie­ler, die knis­tern­de Schall­plat­te spielt al­le paar Mi­nu­ten ei­nen lau­ten Ge­wehr­schuss ab. Im Ne­ben­raum in­sze­niert Ni­co­lai täg­lich um Punkt 12 Uhr mit­tags ei­ne Live-Per­for­mance: Ein Sport­schüt­ze feu­ert mit ei­nem ech­ten Ge­wehr auf ei­ne an der Wand be­fes­tig­te Blu­me – ein Mo­ment, dem das Pu­bli­kum di­rekt bei­woh­nen kann.

Auch die Ös­ter­rei­che­rin Do­rit Chrys­ler setzt auf In­ter­ak­ti­on. In ih­rem Schopf darf das Pu­bli­kum mit ei­ner an der De­cke mon­tier­ten Schau­kel hin und her wip­pen. Je­de Be­we­gung der Bei­ne er­zeugt ei­nen Klang des in der Nä­he auf­ge­stell­ten The­rem­ins. Chrys­ler ver­bin­det in ih­rer Ar­beit den Er­fin­der des ein­zi­gen Mu­sik­in­stru­ments, das oh­ne Be­rüh­rung ge­spielt wird, Lew The­re­min, mit dem Bild­hau­er Alex­an­der Cal­der, der be­rühmt ist für sei­ne schwe­ben­den mo­bi­le­ar­ti­gen Skulp­tu­ren.

Zeit und Ge­duld ist ge­fragt

Be­reits zum drit­ten Mal ist der St.Gal­ler Künst­ler Ro­man Si­gner am Fes­ti­val ver­tre­ten. Wäh­rend er vor zwei Jah­ren vier Au­to­rei­fen mit Au­to­bahn­lärm in Sze­ne setz­te, hat er sich 2025 den schiefs­ten al­ler Schöp­fe aus­ge­sucht. Über des­sen schrä­ges Dach liess er ei­ne Ku­gel rol­len, die schliess­lich in ein mit Was­ser ge­füll­tes Fass plumps­te. Die Ak­ti­on wur­de vor Fes­ti­val­be­ginn in­sze­niert und ist nun als Vi­deo im Schopf zu se­hen. 

Der schiefe Schopf von Roman Signer.

«Die Idee da­zu hat­te Si­gner be­reits wäh­rend des ver­gan­ge­nen Fes­ti­vals 2023, ganz am Schluss beim Tschüss-Sa­gen hat er mir da­von er­zählt», er­in­nert sich Ku­ra­tor und Fes­ti­val­lei­ter Pa­trick Kess­ler. Es ist das ers­te Mal, dass die be­reits halb im feuch­ten Moor­bo­den ver­sun­ke­ne Hüt­te über­haupt künst­le­risch ge­nutzt wird.

Wer nach Gais reist, soll­te Zeit mit­brin­gen. Nicht nur we­gen der zwölf In­stal­la­tio­nen, son­dern auch, weil je­de Ar­beit ih­re ei­ge­ne Dau­er braucht, bis sie sich ent­fal­tet. Man­che ver­lan­gen zu­dem, dass sich die Au­gen erst vom Ta­ges­licht an die Dun­kel­heit im In­nern ge­wöh­nen.

Fast so schwarz wie die Nacht wirkt die Ar­beit des Künst­ler­du­os Flo­ri­an Bach und Alex­and­re Ba­bel. Ori­en­tie­rung im dunk­len Raum gibt ein be­leuch­te­ter Stein und ein in Dun­kel­heit ge­hüll­tes Schlag­zeug. «Ba­bel hat ein kost­ba­res Schlag­zeug aus den 1970er-Jah­ren zur Ver­fü­gung ge­stellt, das für die In­stal­la­ti­on kom­plett in Asphalt – so­ge­nann­tes Bi­tu­men – ge­taucht wur­de», er­klärt Kess­ler. Im spär­li­chen Licht glänzt das sonst für den Stras­sen­bau ver­wen­de­te Ma­te­ri­al sil­bern.

Kurator und Festivalleiter Patrick Kessler.

Ob­wohl sie nicht selbst in Gais an­we­send ist, sorgt ei­ne Ar­beit be­son­ders für Auf­merk­sam­keit: Kim Gor­don, ehe­ma­li­ge Sän­ge­rin und Gi­tar­ris­tin der New Yor­ker Noi­se-Rock-Band So­nic Youth. Ei­ne Band, die auch den Ku­ra­tor und Mu­si­ker Pa­trick Kess­ler seit den 1980er-Jah­ren stark ge­prägt hat. Gor­don zeigt in ei­nem Schopf ein bra­chia­les Vi­deo, das sie auf ei­nem Au­to­fried­hof im ka­li­for­ni­schen Sun Val­ley auf­ge­nom­men hat. Dar­in streift sie die Sai­ten ih­rer E-Gi­tar­re über ver­ros­te­te Au­to­wracks und er­zeugt da­mit ei­nen ex­pe­ri­men­tel­len, schrof­fen Sound. Die Pro­jek­ti­on des Vi­de­os auf ei­ne rost­far­be­ne Me­tall­plat­te, die zu­fäl­lig im Schopf her­um­stand, ver­stärkt die ro­he, gro­be Wir­kung der mit ei­nem ab­ge­rock­ten 70er-Jah­re Sound­sys­tem kom­bi­nier­ten In­stal­la­ti­on zu­sätz­lich.

Klang Moor Schop­fe noch bis kom­men­den Sonn­tag­abend

Ne­ben den In­stal­la­tio­nen in den Schöp­fen war­tet das Fes­ti­val mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Rah­men­pro­gramm auf: Work­shops, Po­di­ums­ge­sprä­che und Ar­tist-Talks bie­ten zu­sätz­li­che Ein­bli­cke in die Welt der Klang­kunst. Abends ver­wan­delt sich das Schüt­zen­haus, das ei­gent­li­che Fes­ti­val­zen­trum, in ei­ne Büh­ne für Live-Per­for­man­ces und Kon­zer­te. 

Ein be­son­de­res Er­leb­nis sind die drei in die­ser Wo­che an­ste­hen­den Nacht­spa­zier­gän­ge mit den Künst­le­rin­nen Mer­ce­des Bor­guńs­ka und Giu­lia Hess, die eben­falls ge­mein­sam ei­nen Schopf be­spie­len. Aus­ge­rüs­tet mit UV-Ta­schen­lam­pen er­kun­den die Teil­neh­men­den Flech­ten, Pil­ze und an­de­re fluo­res­zie­ren­de Or­ga­nis­men im Moor – und lau­schen den ge­heim­nis­vol­len Ge­räu­schen, die die­se Le­be­we­sen her­vor­brin­gen.

Vie­le Auf­füh­run­gen im Schüt­zen­haus knüp­fen di­rekt an die Akus­tik der Moor­land­schaft an. So in­te­grier­te Ka­na­ko Sai­to be­reits bei ih­rem ers­ten DJ-Set am ver­gan­ge­nen Sams­tag ei­ge­ne Auf­nah­men der Kuh­glo­cken spie­le­risch in ih­ren elek­tro­ni­schen Sound. Am kom­men­den Frei­tag­abend wird die To­ki­oe­rin mit ei­ner wei­te­ren Live-Per­for­mance un­ter dem Na­men Oni­go­ro­shi er­neut zu hö­ren sein. Ob sie wei­te­re Kuh­glo­cken-Samples ver­wen­det?

Tipp: Wer zwi­schen den Be­su­chen der Schöp­fe und dem Rah­men­pro­gramm Hun­ger be­kommt, soll­te un­be­dingt die Kä­se­plat­te mit Kar­tof­feln, Ge­würz­gur­ken und Kräu­ter­quark in der Fes­ti­val-Beiz pro­bie­ren, al­le zwei Jah­re - ne­ben den Klang­in­stal­la­tio­nen - eben­falls ein High­light von Klang Moor Schop­fe.


Klang Moor Schop­fe: bis 14. Sep­tem­ber, Hoch­moor Gais.  

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