, 24. April 2014
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«Gewerkschaft heisst das, oder?»

Heute vor einem Jahr sind 1138 Menschen bei einem Fabrikeinsturz in Dhaka gestorben. Was passiert, wenn sich 16-jährige Schülerinnen mit den Arbeitsbedingungen von Kleidernäherinnen beschäftigen: Ein Schulbesuch.

Die Schülerinnen von Beatrice Aeppli wirken erleichtert, als um 15.20 Uhr die Schulglocke erklingt. Gut gelaunt, aber nachdenklich verschwinden sie in der Frühlingssonne. Es ist warm geworden, bald ist Shoppen angesagt. Zur Freude der Mädchen, die gerade ihr letztes Jahr an der Oberstufe Ennetgraben in Affoltern am Albis absolvieren. Künftig sollen sie bewusster durch die Regale streifen, hofft Handarbeitslehrerin Aeppli, bei der die achtzehn Mädchen ihre Projektwoche zum Thema Kleidung verbringen. Gewählt haben sie den Kurs freiwillig. Ein paar Stunden früher, bei Schulbeginn ist davon allerdings noch wenig zu spüren; lustlos schlurfen sie ins Zimmer, runzeln die Stirn – hä?

Unbequeme Fragen und Antworten

Dort wartet nicht wie angenommen Frau Aeppli, sondern drei Männer. Sie sind Mitglieder der Erklärung von Bern (EvB) und leiten ehrenamtlich Workshops zu Fair Trade, Bekleidung, Elektronik, Nahrung oder Schokolade, primär in der Oberstufe. «Den Schoggi-Workshop und das Kleidermodul gibts auch für die Kleinen, sagt Ruedi Bollag, «die anderen Bereiche sind zu komplex für die Mittelstufe». Der 63-Jährige wohnt in Neukirch-Egnach und koordiniert die Schulbesuche der EvB. Wenn die Zeit es erlaubt, besucht der ehemalige Jurist die Klassen auch selber, wie jene in Suhr Anfang März. Geld will er nicht, Bollag und auch der Rest des 35-köpfigen Schulteams arbeiten ehrenamtlich. «Wir wollen die Jugendlichen sensibilisieren, sie ermutigen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen».

Mit Frontalunterricht hat das wenig zu tun, wie auch die Mädchen in Affoltern bald realisieren. Eben erst hineingeplumpst, müssen sie ihre Stühle gleich wieder verlassen. Es hagelt Fragen, sie sollen sich positionieren: «Wie lange tragt ihr euer Shirt?», «Wie viel gebt ihr monatlich für Klamotten aus?», «Wo spart ihr lieber? Beim Essen, bei der Kleidung oder bei den Freizeitaktivitäten? » Etwas widerwillig setzen sie sich in Bewegung, «komische Fragen», murmelt ein Mädchen und stützt sich auf ihre Nachbarin.

Erst jetzt erfahren sie, mit wem sie es zu tun haben: Fahim Abed, 54, aus Zofingen ist Wirtschaftslehrer und zum ersten Mal auf Schulbesuch, Dominik Holl, 29, ist frischgebackener Sportlehrer aus Luzern, der ehemalige Lehrer Jürg Keller, 72, wohnt in Oerlingen und hat das Schulprojekt der EvB vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Er ist es auch, der den Mädchen das erste Lächeln des Tages entlockt; beim Kurzfilm dürfen sie sich zurücklehnen – vermeintlich, denn was lustig begonnen hatte, endet unbequem: «Lieber nackt, als in einer Uniform, die unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt wurde», lautet die Botschaft der halbnackten Angestellten im Clip.

Das irritiert. Was heisst «ausbeuterisch»? Und wieso «faire» Uniformen? In einfachen Worten erklärt Keller den Mädchen die Zusammenhänge globaler Märkte, formuliert Probleme und skizziert Folgen. Ohne Moralkeule bringt er die Klasse auf die richtige Spur, sanft und routiniert wie es wohl nur ein ehemaliger Lehrer kann. Er berichtet von Preisdumping, Kinderarbeit und Umweltschäden, beobachtet die Reaktionen, hakt nach und fragt nach Einschätzungen. Langsam kommt Leben in die montäglichen Mienen. Zeit, die eigenen Kleider unter die Lupe zu nehmen.

Geld ist konkret

«Kambodscha», sagt eine Dunkelhaarige und fischt nach dem Etikett ihrer Nachbarin. «Hier steht Made in Bangladesch.» «Türkei», ruft es von gegenüber. Rasch ist auf der Weltkarte alles gefunden. In Sachen Preiszusammensetzung sind sich die Mädchen nicht mehr so sicher. Was verdienen Rohstoffhändler, Näherin oder Modefirma? Prompt liegen sie verkehrt: Der grösste Brocken, 60 bis 65 Prozent, geht an den Detailhändler, nicht an die Näherin. Sie bekommt nur 0.5 bis 3 Prozent des Kaufpreises, wenige Rappen, wie Keller vorrechnet. Damit hat er die Mädchen. Wirtschaftliche Zusammenhänge mögen abstrakt sein, Geld hingegen ist konkret. Menschenleben auch; immer grösser werden die Augen, als Dominik Holl von Bränden und baufälligen Fabriken berichtet. Und von der eingestürzten Fabrik in Dhaka, Bangladesch, wo vor einem Jahr über 1100 Menschen ums Leben gekommen sind.

Entsprechend engagiert ist das Rollenspiel: Die Mädchen sollen in die Haut einer Näherin schlüpfen und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Ihnen gegenüber sitzt der Fabrikchef, gespielt von Keller, der sämtliche Vorschläge mit schlagkräftigen, meist finanziellen Argumenten abweist. Immer deutlicher werden die Probleme der Altersgenossinnen an den Nähmaschinen. In Affoltern wechseln die Mädchen demnächst ans Gymnasium, haben eine KV-Lehrstelle oder sogar einen Platz an einer englischen Schule, wie eines der Mädchen berichtet. Dass sie mit 16 in China bereits jahrelange Arbeitserfahrung haben könnte, kann sie sich genauso wenig vorstellen wie eine 80-Stunden-Woche. «Gibt es dagegen nicht Gesetze?», fragen einige. Ihnen ist klar: Näherinnen müssen sich zusammen tun. «Gewerkschaft heisst das, oder?»

«Top-10 und Flop-10»

Für die Schülerinnen in Affoltern ist vieles neu an diesem Montag. Manches ist kompliziert, aber sie haben erkannt, dass viele leiden für den Wohlstand weniger. Besonders ihre Lieblinge – Zebra, Chicorée, Orsay oder Tally Weijl – produzieren unter menschenunwürdigen Umständen. «Verdammt krass», ist die häufigste Reaktion, und für einen Augenblick scheint es aussichtslos. «Wenns ja schon produziert ist, kann ichs auch kaufen», finden zwei Schülerinnen, irgendjemand tuts sowieso». Doch Keller, Holl und Abed wollen die Klasse nicht hilflos hinterlassen. Sie präsentieren faire Ansätze, berichten von Kooperativen, Alternativen und Initiativen, verteilen eine EvB-Broschüre mit Bewertungen der wichtigsten Schweizer Firmen.

Am wichtigsten sei die Aufklärung, sagen sie. Die Mädchen sollen deshalb zum Schluss eine eigene Aktion planen. Manche basteln Flyer, andere gehen in der Umgebung auf Aufklärungs-Tour. Eine dritte Gruppe gestaltet ein Plakat: «Top-10 und Flop-10» ihrer Lieblingsgeschäfte. Bei der Schlusspräsentation ist nichts mehr zu spüren von der anfänglichen Unlust, keine faulen Sprüche, keine Tuschelei. Es scheint, als hätte sich etwas getan in den Köpfen der jungen Frauen. Beatrice Aeppli will dafür sorgen, dass es auch so bleibt und hat deshalb etwas Besonderes geplant für die verbleibende Woche: «Ein Paar Lektionen Fliessbandarbeit. Keine Schikane, sondern ein Stück Realität.»

Weitere Infos zu den Schulbesuchen auf evb.ch.

 


Foodwaste vs. Planwirtschaft – Das Sufo 2014

Nachhilfe in Sachen globaler Produktion und Solidarität gibt es auch in der Ostschweiz: am Sozial- und Umweltforum (Sufo). Es findet Ende Mai im GBS-Schulhaus an der Kirchgasse in St.Gallen statt – zum zehnten Mal bereits. Und auch in diesem Jahr hat das rund 10köpfige Organisationskomitee neben den traditionellen Workshops wieder ein Strassenfest, eine Kundgebung und ein Podium geplant.

sufoDas Podium zum Thema «Eine andere Welt ist möglich! – Warum wir Utopien brauchen » findet am Freitag um 19.30 Uhr in der Grabenhalle statt. Am Apéro, eine Stunde früher, können sich Kurzentschlossene noch für einen oder mehrere der 55 Workshops einschreiben, die am Samstag ab 10 Uhr auf dem Programm stehen.

«Jährlich werden zig Tonnen Nahrungsmittel vernichtet, um das Angebot künstlich knapp zu halten», hält das Sufo-OK fest. «Das spottet jeder rationalen und humanistischen Ökonomie.» Die passenden Workshops dazu: «Foodwaste – Nahrung als Abfall» von den Jungen Grünen St.Gallen, «Spekulation mit Nahrungsmitteln», organisiert vom Verein Integrale Politik, oder «Lebensmittel-Gemeinschaft St.Gallen», geleitet vom gleichnamigen Pilotprojekt aus Basel, das bereits seit zwei Jahren Alternativen sucht zum gängigen Grosshandelssystem.

Weiter fragt das OK: «Wo, wenn nicht am Sufo, sollen wir ganz grundsätzlich über die Produktionsbedingungen von Kleidung und Elektronik oder über das umweltschädliche Rohstoff-Geschäft diskutieren?» Die Textilindustrie fehlt zwar in diesem Jahr, passende Workshops, auch zum aktuellen Heft, gibt es aber trotzdem. «Planwirtschaft als Antwort auf die Umweltkrise» beispielsweise, organisiert von «Der Funke» (der marxistischen Strömung in Juso und Gewerkschaft). Oder «Bergbau in Kolumbien und Zerstörung der Umwelt», dieser bestimmt aufschlussreiche Workshop wird von Jesús und Deisy Rodriguez von der kolumbianischen Organisation «Onyvaglobalizando la solidaridad» geleitet. Menschenrechte und die Umwelt werden jedoch nicht nur in Lateinamerika verletzt – «Dem Kupfer auf der Spur», der Workshop der Fach- stelle «Bergbau Menschen Rechte», will deshalb Wege suchen, um die Schwachen (Menschen und Landschaften) zu stärken. (co)

Sufo 2014: Freitag, 23. und Samstag, 24. Mai.
Infos und Anmeldung: sufo.ch

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