«Gibt es einen female gaze?»

Die Fotografin Marie Ottomann-Rothacher bei der (Retuschen-)Arbeit (Bild: Fotostiftung Schweiz)

Die Fotostiftung Schweiz hat eine Ausstellung eröffnet, die sieben Fotografinnen ins Zentrum rückt. Damit schafft sie Sichtbarkeit für weibliche Perspektiven und stellt Fragen, deren Antworten nicht leicht zu finden sind.

An­ny Wild-Si­ber, Ger­trud Dü­bi-Mül­ler, Ma­rie Ot­to­mann-Roth­acher, Mar­grit Aschwan­den, He­dy Bum­ba­cher, Le­ni Wil­li­mann-Thö­ni, Ani­ta Niesz: sie­ben un­be­kann­te Frau­en. Sie­ben Fo­to­gra­fin­nen, die zwi­schen 1900 und 1970 krea­ti­ve Ar­beit leis­te­ten und bis heu­te kaum be­ach­tet wur­den. Weckt ei­ner der Nach­na­men bei Fo­to­gra­fie­ver­sier­ten den­noch ei­ne Er­in­ne­rung, dann des­halb, weil ein be­kann­ter Mann den­sel­ben trägt.

Seit je­her ist das Schaf­fen von Män­nern sicht­bar. Un­ab­hän­gig von der Spar­te, in der sie wir­ken, sel­ten auch un­ab­hän­gig von Ta­lent, weil un­nach­gie­bi­ge Prä­senz eben oft ge­nau­so wich­tig ist. Und ge­nau das fehlt den Frau­en: Prä­senz. Nicht, weil sie nicht da ge­we­sen wä­ren, son­dern weil sie (und ihr Schaf­fen) auf­grund feh­len­der Rech­te oft in die Un­sicht­bar­keit ge­drängt wur­den. Mitt­ler­wei­le hat sich ein biss­chen et­was ge­tan, Frau­en dür­fen stu­die­ren, sich schei­den las­sen, ja, so­gar oh­ne die Er­laub­nis des Ehe­manns ei­nem Be­ruf nach­ge­hen – seit un­ge­fähr 50 Jah­ren. Und seit Sonn­tag dür­fen ver­hei­ra­te­te Frau­en auch ei­ne ei­ge­ne Steu­er­erklä­rung aus­fül­len. Aber, wie wir al­le wis­sen, Schrit­te in Rich­tung Gleich­stel­lung sind, be­son­ders in der Schweiz, arg schwer­fäl­lig.

Auch die Ge­schich­te der Fo­to­gra­fie ist in der Schweiz ei­ne über­wie­gend männ­li­che. So­mit be­fin­den sich in den rund 120 Ar­chi­ven der Fo­to­stif­tung Schweiz vor al­lem die Wer­ke von Män­nern – und weil es sich um Fo­to­gra­fie han­delt, eben auch Mo­men­te der Ge­schich­te aus männ­li­cher Per­spek­ti­ve. Die­sem Um­stand hat sich die Fo­to­stif­tung an­ge­nom­men und in den Ar­chi­ven nach der Ar­beit von Frau­en ge­sucht. Ge­fun­den ha­ben die Ku­ra­to­rin­nen Mad­lei­na De­pla­zes, Mi­c­hè­le Dick, Te­re­sa Gru­ber und Ka­tha­ri­na Rippstein 26 Ar­chi­ve, die weib­li­chen Fo­to­schaf­fen­den zu­zu­ord­nen sind. Dar­aus ha­ben sie die sie­ben ein­gangs ge­nann­ten Fo­to­gra­fin­nen aus­ge­wählt, de­ren Schaf­fen nun in der Grup­pen­aus­stel­lung «Frau­en.Fra­gen.Fo­to­ar­chi­ve» be­leuch­tet wird.

«War­um sind die Ar­chi­ve von Fo­to­gra­fin­nen meist we­ni­ger um­fang­reich?»

Sie zeigt, wie di­vers die Ar­bei­ten die­ser Frau­en wa­ren und wie un­ter­schied­lich ih­re be­ruf­li­chen Lauf­bah­nen, ih­re Her­an­ge­hens­wei­sen und Per­spek­ti­ven. Je­der Fo­to­gra­fin ist ein Ab­schnitt in der Aus­stel­lung ge­wid­met. Aus­ser­dem zeigt ei­ne Pinn­wand im Ein­gangs­be­reich, wie die Ku­ra­tor:in­nen re­cher­chiert und ku­ra­tiert ha­ben und wel­chen Fra­gen sie da­bei nach­ge­gan­gen sind. Die­se Fra­gen sind zen­tral, um die (Un-)Sicht­bar­keit von Frau­en­ar­beit zu ver­ste­hen. Des­halb zie­hen sich ei­ni­ge da­von in Form ro­ter Schrift­zü­ge durch die Aus­stel­lung: «Wes­halb ist Frau­en­ar­beit lü­cken­haft do­ku­men­tiert?» oder «Gibt es ei­nen fe­ma­le ga­ze?»

Still-Life von Anny Wild-Siber (Bild: Anny Wild-Siber/Fotoarchive Fotostiftung Schweiz)

Zu­sätz­li­che Ele­men­te bil­den ein­zel­ne Schau­käs­ten, in de­nen der ge­sell­schaft­li­che und his­to­ri­sche Kon­text rund um die Fo­to­gra­fin­nen dar­ge­stellt ist. Zu se­hen sind et­wa Do­ku­men­te aus dem Le­ben der Fo­to­gra­fin­nen (Di­plo­me, Auf­trags­be­stä­ti­gun­gen) so­wie Pro­spek­te oder Wer­be­mit­tel, mit de­nen Frau­en zum Fo­to­gra­fie­ren ani­miert wer­den soll­ten – die Weg­werf­ka­me­ra von Ko­d­ak war «so leicht zu be­die­nen», dass das Fo­to­gra­fie­ren «so­gar Müt­tern» mög­lich war.

«Wie gross war der Gen­der-Pay-Gap 1940?»

Im Ge­spräch mit Sai­ten be­rich­ten The­re­sa Gru­ber und Mi­c­hè­le Dick, zwei der vier Ku­ra­to­rin­nen, dass es schon län­ger ge­plant war, die Ar­beit von Frau­en sicht­bar zu ma­chen. «Vie­le Ar­chi­ve von Fo­to­gra­fin­nen sind we­ni­ger um­fang­reich oder frag­men­ta­risch er­hal­ten. Sie pass­ten auch des­halb nicht in das kon­ven­tio­nel­le For­mat der mo­no­gra­fi­schen Aus­stel­lun­gen, das die Fo­to­stif­tung bis an­hin ver­folg­te», so Dick. Die Lü­cken in den Ar­chi­ven lies­sen sich ei­ner­seits da­durch er­klä­ren, dass es nicht vie­le weib­li­che Fo­to­gra­fin­nen gab, und an­de­rer­seits, ih­re Na­men ver­lo­ren gin­gen: «Ih­re Spu­ren ver­schwan­den oft hin­ter den Na­men der Vä­ter, Ehe­män­ner oder ‹Meis­ter›, mit de­nen sie zu­sam­men­ar­bei­te­ten.» Da­mit sind die Ur­sa­chen im ge­sell­schaft­li­chen Kon­text zu fin­den. 

Des­halb ver­knüpft «Frau­en.Fra­gen.Fo­to­ar­chi­ve» die Bio­gra­fien der Frau­en mit der Ge­schich­te der Frau­en­be­we­gung.Die Aus­stel­lung ist un­ter­teilt in zwei Tei­le. Im ers­ten fin­den sich Ein­bli­cke in die Wer­ke von fünf der sie­ben Frau­en: An­ny Wild-Si­ber, Ger­trud Dü­bi-Mül­ler, Ma­rie Ot­to­mann-Roth­acher, Mar­grit Aschwan­den und He­dy Bum­ba­cher. Wild-Si­ber und Dü­bi-Mül­ler ha­ben sich das Fo­to­gra­fie­ren selbst bei­gebracht, an­fangs des 20. Jahr­hun­derts. Sie stamm­ten aus gu­tem Haus und konn­ten sich die da­mals re­la­tiv teu­ren Ver­fah­ren zur Her­stel­lung von Au­to­ch­ram­plat­ten, Edel­dru­cken und Steo­reo­gra­fien leis­ten. Heu­te wür­de man ih­re Ama­teur­fo­to­gra­fie ver­mut­lich der Kunst­fo­to­gra­fie zu­ord­nen. So rea­li­sier­te An­ni Wild-Si­ber Still­le­ben oder fo­to­gra­fier­te Pflan­zen. Ger­trud Dü­bi-Mül­lers Wer­ke um­fas­sen Re­por­ta­ge-Mo­men­te so­wie Por­traits von (haupt­säch­lich männ­li­chen) Künst­lern.

«Soll­ten Frau­en «Frau­en­the­men» fo­to­gra­fie­ren?»

Ma­rie Ot­to­mann-Roth­acher, Mar­grit Aschwan­den und He­dy Bum­ba­cher wa­ren pro­fes­sio­nel­le Fo­to­gra­fin­nen. Ot­to­mann-Roth­acher und Aschwan­den ab­sol­vier­ten in den 1930er-Jah­ren ei­ne Leh­re. Letz­te­re führ­te mit ih­rer Schwes­ter zu­sam­men ein ei­ge­nes Fo­to­ate­lier. Ihr Va­ter hat­te es ge­grün­det. Bis zu des­sen Tod ar­bei­te­ten die bei­den Schwes­tern für ihn und ih­ren Bru­der. Spä­ter fo­to­gra­fier­te Mar­grit Aschwan­den Re­por­ta­gen für das Ro­te Kreuz oder Wer­be­auf­nah­men für Ovo­mal­ti­ne. Ot­to­mann-Roth­acher, ei­ne Thur­gaue­rin, be­weg­te sich eben­falls in der Re­por­ta­ge­fo­to­gra­fie. Von ihr sind in Win­ter­thur auch Por­trait­auf­nah­men ih­rer Töch­ter zu se­hen. Es sind bei­na­he skur­ril wir­ken­de Stills: Ein Mäd­chen sitzt von oben grell be­leuch­tet an ei­nem Tisch, füt­tert ei­nen Vo­gel, da­ne­ben ei­ne Kaf­fee­tas­se. Auch He­dy Bum­ba­chers Fo­to­gra­fien wa­ren in den 1940er-Jah­ren sehr prä­sent in Schwei­zer Zeit­schrif­ten. Im Auf­trag di­ver­ser ge­mein­nüt­zi­ger Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Pro Ju­ven­tu­te fo­to­gra­fier­te sie häu­fig Kin­der und Ju­gend­li­che in Berg­re­gio­nen.

Hier hat Marie Ottomann Rothacher ihre Tochter fotografiert, ebenfalls mit Vogel (Bild: Marie Ottomann-Rothacher/Fotoarchive Fotostiftung Schweiz)

Hedy Bumbacher fotografierte oft Kinder und Jugendliche in abgelegenen Bergregionen (Bild: Hedy Bumbacher/Fotoarchive Fotostiftung Schweiz)

Auf­fal­lend ist die wie­der­keh­ren­de the­ma­ti­sche Aus­rich­tung der Frau­en hin zum So­zia­len, zur Ge­mein­nüt­zig­keit. Ob dies aus per­sön­li­chem In­ter­es­se der Frau­en ge­schah, oder weil die Auf­trag­ge­ber:in­nen sol­che The­men eher für «Frau­en­the­men» hiel­ten? Auch die­se Fra­ge bleibt un­be­ant­wor­tet.

«Wie hat Fa­mi­li­en­grün­dung die Kar­rie­ren von Fo­to­graf:in­nen be­ein­flusst?»

Im zwei­ten Raum sind die Wer­ke von Le­ni Wil­li­mann-Thö­ni und Ani­ta Niesz aus­ge­stellt. Bei­de Frau­en ab­sol­vier­ten die Fach­klas­se für Fo­to­gra­fie an der Zür­cher Kunst­ge­wer­be­schu­le – die ers­te pro­fes­sio­nel­le Fo­to­gra­fie-Fach­klas­se an der Kunst­ge­wer­be­schu­le Zü­rich. Wil­li­mann-Thö­ni schuf da­nach vor al­lem Still-Life-Auf­nah­men, wäh­rend Niesz sich der Re­por­ta­ge­fo­to­gra­fie zu­wand­te und da­mit in den 1950iger-Jah­ren oft im Ma­ga­zin «Du» ver­tre­ten war.

Er­gän­zend fin­den Be­su­cher:in­nen in die­sem Raum In­for­ma­tio­nen zur Fach­klas­se für Fo­to­gra­fie und Ein­drü­cke aus der «Saf­fa», der Schwei­ze­ri­schen Aus­stel­lung für Frau­en­ar­beit, aus wel­cher 1931 die gleich­na­mi­ge Bürg­schafts­ge­nos­sen­schaft ent­stand. Un­ter­la­gen der Schwei­ze­ri­schen Zen­tral­stel­le für Frau­en­be­ru­fe ge­ben Auf­schluss über die Mög­lich­kei­ten und Ar­beits­be­din­gun­gen von Fo­to­gra­fin­nen. Als sol­che wa­ren sie bei­spiels­wei­se we­ni­ger ge­fragt als in La­bo­ren, weil Aus­dau­er oder Ge­nau­ig­keit – Ei­gen­schaf­ten, die Frau­en zu­ge­schrie­ben wur­den – dort be­son­ders wich­tig wa­ren. Und na­tür­lich wa­ren Frau­en be­liebt als Emp­fangs­da­men. Doch für vie­le die­ser Frau­en hat­te die Hei­rat ei­nen star­ken Ein­fluss auf den Ver­lauf ih­rer Kar­rie­re. Mit der Fa­mi­li­en­grün­dung er­fuhr die­se ei­nen Knick, ei­nen Rich­tungs­wech­sel oder konn­te nicht mehr in­ten­siv ver­folgt wer­den. Sol­che Brü­che zie­hen sich auch durch die Bio­gra­fien der sie­ben Fo­to­gra­fin­nen.

Leni Willimann-Thöni blieb den grafischen Stil nach der Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich treu (Bild: Leni Willimann-Thöni/Fotoarchive Fotostiftung Schweiz)

«Des­we­gen geht es in der Aus­stel­lung um Sicht­bar­keit. Und dar­um, die Krea­ti­vi­tät, die un­ter­schied­li­chen be­ruf­li­chen aber auch per­sön­li­chen We­ge und so ein brei­tes Ab­bild zu zei­gen», sagt Ku­ra­to­rin Te­re­sa Gru­ber. Ge­mein­sam mit ih­ren Kol­le­gin­nen De­pla­zes, Dick und Rippstein plant sie ei­ne Fort­set­zung des Pro­jekts: «Wir wol­len ei­nen An­stoss ge­ben.» Die Aus­stel­lung zei­ge na­tür­lich nur ei­nen klei­ne­ren Aus­schnitt, auch zeit­lich. Nach 1970 ha­be sich das Ver­ständ­nis der Frau­en­ar­beit und die Stel­lung der Frau noch­mals stark ver­än­dert, fügt Gru­ber an. Trotz­dem wol­le man auch die­se Be­stän­de in Zu­kunft sicht­ba­rer und zu­gäng­lich ma­chen, wie sei der­zeit in Dis­kus­si­on.

Vie­le Fra­gen rund um die weib­li­che Per­spek­ti­ve in der Fo­to­gra­fie sind eben­falls noch of­fen, wer­den viel­leicht of­fen­blei­ben. Das zeigt auch die Aus­stel­lung. Ge­nau­so wie die Bio­gra­fien der sie­ben Fo­to­gra­fin­nen. Mi­c­hè­le Dick be­tont: «Mit der Aus­stel­lung wol­len wir Quer­be­zü­ge, aber be­wusst auch Wi­der­sprü­che auf­zei­gen, oh­ne zu ver­mit­teln, "das ist jetzt Frau­en­fo­to­gra­fie". Und wir möch­ten un­be­que­me Fra­gen stel­len, die in der Ver­gan­gen­heit viel­leicht zu we­nig Raum hat­ten.»

 «Frau­en.Fra­gen.Fo­to­ar­chi­ve»: bis 14. Ju­ni, Fo­to­stif­tung Schweiz
fo­to­mu­se­um.ch

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